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Buchkritik | Beitrag vom 10.03.2020

Nir Baram: "Erwachen"Lebenskrisen und Befreiungsschläge

Von Sigrid Brinkmann

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Zu sehen ist das Cover des Romans "Erwachen" des Schriftstellers Nir Baram. (Carl Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Der israelische Schriftsteller Nir Baram schreibt in "Erwachen" über Freundschaft und Familie, Egoismus und Schuldgefühle. (Carl Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Hinter dem neuen Roman "Erwachen" von Nir Baram stehen zwei Verlusterfahrungen: der Tod der Mutter und der Suizid des besten Freundes. Trotzdem betont der israelische Autor: Sein wohl persönlichstes Buch solle man nicht als Autofiktion lesen.

Nachdem der 43 Jahre alte israelische Schriftsteller Nir Baram zuletzt mit einem Dokumentarfilm entlang der Grenzen von 1967 gezeigt hat, wie er sich eine Zukunft von Israelis und Palästinensern vorstellt, legt er nun mit "Erwachen" einen Roman vor, der zwei zentrale Erfahrungen seines Lebens aufgreift: den Tod der Mutter und den Selbstmord des besten Freundes.

Ohne sentimentale Verklärung

"Erwachen", sagt Nir Baram, sei sein bislang persönlichstes Buch, doch als Autofiktion möge man es bitte nicht lesen. Dies zu tun ist verführerisch, denn außer in Mexiko-Stadt spielt die Handlung in Jerusalem, wo Baram aufwuchs, und in Tel Aviv, wo er gegenwärtig lebt. Auch basiert der Roman tatsächlich auf zwei erschütternden Verlusterfahrungen des Autors. Was letztlich zählen soll – und auf nichts anderes will der Autor unsere Aufmerksamkeit mit seiner in der Tageszeitung Ha’aretz geäußerten Bitte lenken –, ist die Genauigkeit, mit der er über die Bürde von Familienbanden und die Unverbrüchlichkeit von Freundschaft schreibt. Er tut dies offenherzig und feinsinnig, ohne jeden Hauch einer sentimentalen Verklärung. Was fehlt einem Heranwachsenden, der glaubt, seine Mutter nicht gekannt zu haben, wie erzieherisch darf ein Bruder agieren, wo hört Treue zwischen alten Freunden auf, wie viel Egoismus erlaubt einem die neu gegründete Kleinfamilie und wie viel Härte ist zulässig, wenn man sich erdrückender Schuldgefühle entledigen will? Diese Fragen beschäftigen den Romancier und er findet Antworten.

Aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers blickt Baram auf die Protagonisten des Romans. Jonathan, Ende dreißig, Vater eines kleinen Kindes, ist Schriftsteller geworden. Mit neunzehn verlor er, so wie der Autor, die Mutter nach langer Krankheit. Joel, einst eine charismatische Persönlichkeit, entwickelte eine schwere Depression und brachte sich mit 35 Jahren um. Die Tat bildet den Boden für die "tosende Geschichte", die Jonathan aufzuschreiben lange hinausgezögert hat. Er und Joel waren Nachbarskinder in Beit Hakerem in Westjerusalem. Nir Baram ist dort aufgewachsen. Im Viertel wohnten Beamte, Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte mit ihren Familien; auch Politiker wie Barams Vater, der unter den Regierungen von Jitzchak Rabin und Schimon Peres Ministerämter ausübte.

Freundschaft zweier Nachbarskinder

Wir lernen die zwei besten Freunde als verschworene Gemeinschaft kennen. Täglich stecken die Jungen die Grenzen ihres imaginären Königreichs neu ab. Erste amouröse Spielereien mit Mädchen stürzen die pubertierenden Freunde in eine Krise. Jonathan und Joel mögen sich als Erwachsene allmählich entgleiten, doch wenn sie einander sehen, hat ihr Redefluss etwas von der Kraft "dionysischer Lava". Für die Anderen ist dann nur noch die Rolle der Zuhörer vorgesehen. Es muss diese Zügellosigkeit sein, die Erwachsene, selbst wenn ihre Zusammenkünfte schließlich mehr gewollt als wirklich herbeigesehnt werden, weiter verlässlich aneinander bindet.

Eine Schlüsselszene des Romans bildet Jonathans adhoc gefasster Entschluss, nicht ans Totenbett seiner Mutter zu treten. Die Eltern hatten die Krankheit lange kleingeredet und er, 19 Jahre alt, hatte sie verleugnet. "Der Bruder hob die Augen zur Decke, würdigte ihn keines Blicks und flüsterte seiner früheren Frau etwas zu. Jonathan machte auf dem Absatz kehrt und ging hinaus, lehnte sich draußen an die Wand, und er wusste, wie viele Jahre auch vergehen mochten, das würde er Schaul niemals verzeihen."

Die Lossagung vom geliebten, aber ressentimentgeladenen Bruder zeitigt den Beginn einer nicht mehr aufzuhaltenden familiären Emanzipation. Dass Nir Baram das archaische Potential des Bruderzwistes nur aufblitzen lässt, wirkt wie ein mächtiger Gefühlsverstärker. Haltung ist das Antidot, mit dem sein Held sich toxische Vorwürfe vom Leibe hält. Doch hätte Joel nicht auf dem Krankenhausflur gewartet, wohin wäre der verwaiste Freund geglitten? Freundschaft stärkt, wo Familie sich erschöpft zurückzieht oder einfach versagt.

Lebens- und Schreibkrisen

"Erwachen" erzählt sehr genau von instinktiv ausgeführten Befreiungsschlägen ebenso wie von Lebens- und Schreibkrisen. Rumheulen, lässt Baram seinen Helden Jonathan abgeklärt konstatieren, gehöre zum Geschäft des Schriftstellers. Aber er selbst zählt dann doch zu jenen Autoren, die nicht jammern, sondern an die Möglichkeit glauben, diese Welt mit einem Plot und ein paar Figuren zu ergründen. "Ein Körnchen Wahrheit" finden und diese sinnlich spürbar werden lassen, das will der Erzähler. Er hat sein Ziel erreicht.

Nir Baram: "Erwachen"
Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch
Carl Hanser Verlag, München
Roman, 384 S., 25,00 €

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