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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 28.06.2017

Nino Haratischwili"Heimat ist immer etwas Ambivalentes"

Moderation: Katrin Heise

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Die Autorin Nino Haratischwili (imago stock&people)
Die Autorin Nino Haratischwili (imago stock&people)

Nino Haratischwili ist 34 Jahre alt und bereits eine sehr erfolgreiche Theaterautorin, Regisseurin und Schriftstellerin. Im Gespräch erzählt sie über die Geschichten ihrer Kindheit, ihr Regiestudium - und warum sie trotz ihrer georgischen Muttersprache auf Deutsch schreibt.

Als sie begann, an ihrem epischen Werk zu schreiben, gab es vor allem eine Frage, die sie bewegte: Wie sind die postsowjetischen Staaten geworden, wie sie sind? Am Ende ihrer schriftstellerischen Erforschung stand ein Roman von 1300 Seiten, der mehr als einhundert Jahre osteuropäischer Geschichte umspannt und mehrere Generationen georgischer Familiengeschichte erzählt: Nino Haratischwili, die Autorin von "Das achte Leben (Für Brilka)", ist eine Wanderin zwischen den Kulturen. Für den Roman ist sie tief in die Geschichte ihres Landes eingetaucht.  

"Die Aufarbeitung, was man hier in Deutschland darunter versteht, hat im georgischen sowie im postsowjetischen Raum sehr sporadisch stattgefunden beziehungsweise findet sehr sporadisch statt. Das sind halt immer sehr kleine Gruppen. Es wird immer mehr, was mich sehr freut, und vor allem die jungen Menschen interessieren sich immer mehr. Ich erinnere zum Beispiel, wie wir in der Schule... mit welch einer Oberflächlichkeit wir das letztlich abgehandelt haben, und ich hatte extrem viele Fragen."

Als Kind erlebte sie den Krieg

1983 in Tiflis geboren, wuchs Nino Haratischwili in Georgien und Deutschland auf. Als Kind erlebte sie die bewaffneten Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion.

"Natürlich hat man das mitbekommen. Das ging schon damit los, dass es ein Problem war, in die Schule zu kommen, weil teilweise nichts fuhr, kein Benzin da war und wegen Stromausfall auch die U-Bahn ausfiel und so weiter und so fort. Dann kriegte man das natürlich mit, dass man draußen nicht spielen durfte, weil es wurde geschossen. Man kriegt es mit, weil endlos lange Brotschlangen auf der Straße stehen.  Natürlich kriegte man als Kind es noch mal anders mit, weil man nahm das Schreckliche nicht in diesem vollen Bewusstsein wahr. Das war irgendwas, was zum Alltag dazu gehörte und mit vielen Hindernissen verbunden war, aber man fand es teilweise auch abenteuerlich."

Trotz ihrer georgischen Muttersprache schreibt sie auf Deutsch. Schon sehr früh hat sie ihre ersten Texte verfasst.

"Sagen wir mal ab 14, 15 habe ich relativ intensiv geschrieben, das war natürlich sehr jugendlich und teilweise unreflektiert, aber irgendwie gehörte das zu meinem Alltag dazu, seit ich so richtig denken kann. Und ich habe das aber nicht so hinterfragt, so viel Selbstbewusstsein besaß ich gar nicht, mich als richtige Schriftstellerin zu wähnen, weil ich überhaupt nicht wusste, will das überhaupt jemand lesen, interessiert das jemand, und dann so peu à peu über diese Theatergruppe und –truppe ist das immer mehr rausgekommen, weil das auf der Bühne stattfand und unten saßen Zuschauer und ich habe gemerkt, okay, das funktioniert, Leute wollen das sehen, sie lachen, sie reagieren, und irgendwie hat es mir sehr viel Ansporn gegeben und ich hatte da, wie man so schön im Theater sagt, Blut geleckt, vielleicht Bühnenblut, wenn man so will."

Georgien bleibt ihr Thema

Nino Haratischwili hat zahlreiche Theaterstücke verfasst und diese auch als Regisseurin inszeniert. Sie wurde mehrfach für ihr Werk ausgezeichnet. Georgien bleibt ihr Thema, wobei sie die Frage danach, wo eigentlich ihre Heimat ist, nicht eindeutig beantworten kann.

"Ich glaube, irgendwie so einen Zustand zu suchen oder zu sagen, die Heimat, das ist ein idealer Ort oder das ist irgendwie ein Ort, wo alles toll ist - das gibt es nicht. Also, wenn es gut läuft, dass ich von beiden Ländern oder Kulturen das Beste rausholen kann, und an schlechten Tagen oder wenn es nicht so funktioniert, sind das eben die negativen Seiten dieser Kulturen, die irgendwie stören, oder an die man aneckt oder man letztlich auch in sich selber wiederfindet. Das ist einfach immer etwas Ambivalentes, glaube ich."

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