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Buchkritik | Beitrag vom 29.09.2018

Nino Haratischwili: "Die Katze und der General"Ein schwarzer Vogel bringt Unheil

Von Birgit Koß

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Cover von Nino Haratischwilis Roman "Der Katze und der General" und Kriegerdenkmal in Grosny (Frankfurter Verlagsanstalt / dpa / picture alliance / Michael Runkel / Montage: Deutschlandfunk Kultur)
Cover von Nino Haratischwilis Roman "Der Katze und der General" und Kriegerdenkmal in Grosny (Frankfurter Verlagsanstalt / dpa / picture alliance / Michael Runkel / Montage: Deutschlandfunk Kultur)

Nino Haratischwili ist eine Autorin der kraftvollen Bilder mit Mut zum Pathos. Dies beweist sie auch in ihrem neuen Roman "Die Katze und der General". Er beruht auf einer wahren Begebenheit.

Eine junge Tschetschenin wird während des Krieges in den 90er-Jahren brutal von russischen Militärangehörigen vergewaltigt und ermordet. Dabei sollten sich die Soldaten in der abgelegenen Bergregion eigentlich nur von den grausamen Kampfhandlungen in Grosny erholen. Sie wurden für diese Tat angeklagt, aber der Prozess verlief im Sande.

Nino Haratischwili stellte sich daraufhin folgenden Fragen: Was sind die Täter für Menschen, wie kann man mit so einer Tat leben, kann es danach eine Form von Gerechtigkeit geben?

Die Tschetschenin Nura wird in einem ausführlichen Prolog als wissbegieriges, lebenshungriges junges Mädchen vorgestellt. Der titelgebende General heißt zunächst Malisch. Seine Mutter will den Sohn eines gefallenen, hoch dekorierten sowjetischen Offiziers in die Fußstapfen des Vaters zwingen. Der feingeistige, eher ängstliche junge Mann, versucht sich dem zu entziehen, wird schließlich doch Soldat und gezwungenermaßen zu einem der vier Täter.

Nachdem sein Bemühen, die Tat anzuklagen, scheitert, verwandelt er sich in einen rücksichtlosen Bauunternehmer, der durch Erpressung und Kaltblütigkeit zu einem gefürchteten Oligarchen aufsteigt, der 2016 in Berlin lebt. Hier entdeckt er die georgische Schauspielerin Sesili, genannt die Katze − wegen ihrer Geschmeidigkeit und weil sie angeblich neun Leben hat. Die ruhe- und mittellose junge Frau sieht der getöteten Nura zum Verwechseln ähnlich. Der General entwickelt einen diabolischen Plan und Katze steigt in das Spiel mit ein.

Die Schriftstellerin Nino Haratischwili (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)Die Schriftstellerin Nino Haratischwili (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Nino Haratischwili erzählt in vielen Vor- und Rückblenden aus wechselnden Perspektiven ihrer Protagonisten. Ihre Vorliebe für Mythen und antike Dramen fließt stellenweise direkt in die Geschichte ein. Geschickt webt sie ein dichtes Netz an Beziehungsfäden und Verknüpfungen. Der große, unheilbringende schwarze Vogel taucht schon in den Geschichten der alten Tschetschenen auf. "Krähe" ist dann auch der bezeichnende Spitzname des Ich-Erzählers, der dritten Hauptperson. Es ist der deutsche investigative Journalist Onno Bender. Er recherchiert erfolglos die Geschichte des Generals, bis es ihm gelingt, in engen Kontakt zu dessen Tochter Ada zu treten. Durch Onno erfährt Ada von dem Verbrechen an Nura und kann mit der nicht eingestandenen Schuld ihres über allem geliebten Vaters nicht weiterleben.

Die große Orientierungslosigkeit

Nino Haratischwili hat nicht nur einen umfangreichen, wortgewaltigen Roman über Schuld, Rache und Sühne geschrieben. Sie nimmt ihre Leserschaft auch mit auf eine Reise in das weitgehend unbekannte Tschetschenien. Sie zeichnet ein Bild der großen Orientierungslosigkeit beim Zerfall der Sowjetunion, die der Korruption und vielen weiteren Verbrechen Tor und Tür öffnet und geht hart mit dem amtierenden Präsidenten ins Gericht. Und sie zeigt die komplizierte Lebenswelt und die Befindlichkeiten der Menschen, die es aus dem ehemaligen Ostblock in die sogenannte goldene Freiheit des Westens, in diesem Falle nach Berlin geschafft haben. Bei all dem gelingt es der Autorin, den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten.

Man kann dieses Buch mit dem georgischen Festessen Supra vergleichen. Viele schmackhafte Vorspeisen stehen auf dem Tisch und es kommen immer mehr hinzu, bis kein Platz mehr vorhanden ist. Wenn man sich langsam gesättigt fühlt, heißt es: Nun kommt das Hauptgericht. Äußerst abwechslungsreich, opulent und anregend, aber nicht für jeden leicht verdaulich.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Roman
Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 764 Seiten, 30 Euro

Mehr zum Thema:

Nino Haratischwili - "Heimat ist immer etwas Ambivalentes"
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 28.6.2017)

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