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Buchkritik | Beitrag vom 02.08.2019

Niko Tinbergen: "Eskimoland"Notizen aus einer vergangenen Kultur

Von Günther Wessel

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Das Cover des Buches "Eskimoland" des niederländischen Forschers Niko Tinbergen. (C.H. Beck / Deutschlandradio)
Wie aus der Zeit gefallen, wirken die Beobachtungen des niederländischen Forschers Niko Tinbergen. (C.H. Beck / Deutschlandradio)

Der Forscher Nikolaas Tinbergen verbringt Anfang der 30er-Jahre ein Jahr in Ostgrönland. Dort beeindruckt ihn das Leben der dortigen Inuit. Seine lebendigen und wehmütig stimmenden Aufzeichnungen liegen nun, 75 Jahre später, auch auf Deutsch vor.

Anfang der 1930er-Jahre erlaubt die dänische Regierung nur wenige Reisen in ihre damalige Kolonie. Doch Nikolaas Tinbergen und seine Frau können sich einer meteorologischen Forschergruppe anschließen. Auf Grönland wohnen sie dann lange bei einer Inuit-Familie und bekommen rasch Einblick in deren Alltag.

Die Sprache erlernt

Dabei lernt Tinbergen schnell von den Einheimischen. Als erstes übernimmt er ihre Kleidung, denn fellbesetztes Robbenleder hält auch bei extremen Minustemperaturen warm und ist absolut winddicht. Er spricht auch bald ihre Sprache – nicht gut, wie er schreibt, aber wohl ausreichend, um mehr als bloße Alltagsgespräche zu führen.

Tinbergen geht mit den Inuit auf Robben- und Eisbärjagd. Im Sommer werden Robben mit Harpunen erlegt. An dieser hängt eine luftgefüllte Fangblase, die dazu dient, die getöteten Robben über Wasser zu halten. Im Winter nutzen die Inuit das Gewehr, da dann die dickere Speckschicht der Robben verhindert, dass die getöteten Tiere untergehen. Die Löcher im Fell der getöteten Robben werden mit Pfropfen verschlossen, dann wird Luft in den Robbenkörper geblasen, damit dieser gut hinter dem Kajak treiben kann.

Am Tisch Platz genommen

Bartrobben sind kostbare Beutetiere, weil auch ihr Fell für Gurte und Stiefelsohlen genutzt wird. Doch liefern sie auch große Menge an Fleisch, das Tinbergen als sehr delikat beschreibt. Anders als Seetang, der eher hart und geschmacklos ist und ihm nur schmeckt, wenn dick Fischlaich drauf klebt.

Ist genug Robbenfleisch vorhanden, wird bereitwillig mit den Familien ohne erwachsene Jäger geteilt; bei Nahrungsmittelknappheit gibt es aber keine soziale Fürsorge. Es gibt offensichtlich auch keine Vorratshaltung, um etwaige Hungersnöte auszugleichen.

Tinbergen rügt die mangelnde Voraussicht der Grönländer und verfällt dabei mitunter auch in eine paternalistische Haltung. Andererseits ist er offen und neugierig genug, seine Urteile immer wieder zu überprüfen. Klagt er anfänglich über den Schmutz bei den Inuit, so lernt er bald, dass man sich dort im Winter nicht oder nur selten wäscht, da das eigene Hautfett vor Erfrierungen schützt. Auch sieht er, dass die Lebensgrundlagen der Inuit in Ostgrönland durch norwegische Robbenfangboote bedroht ist, ebenso wie ihre Kultur durch Güter wie Tabak, Alkohol oder auch importierte Textilien.

Zuneigung zu den Inuit

Der Niederländer Tinbergen ist ein guter Beobachter, mit Blick für Details und Stimmungen, was auch für seine dokumentarischen Fotos gilt. Seine Begeisterung für die mächtige, aber doch so fragile Eislandschaft der Arktis und seine Zuneigung zu den Inuit sind deutlich zu spüren. So ist sein Buch mehr als bloß ein eindrucksvolles Porträt einer damals schon gefährdeten und heute weitgehend untergegangenen Lebensweise: nämlich die Aufforderung, sich fremden Kulturen neugierig, respektvoll und vorurteilsfrei zu nähern.

Niko Tinbergen: "Eskimoland. Ein Bericht aus der Arktis"
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse und Ulrich Faure
C.H. Beck Verlag, München 2019
240 Seiten, 22 Euro

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