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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.01.2011

Nike Wagner klagt über Vernachlässigung Franz Liszts

200. Geburtstag: Kein Festkonzert für Liszt im Bayreuther Festspielhaus

Nike Wagner im Gespräch mit Ulrike Timm

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Nike Wagner (AP)
Nike Wagner (AP)

Nike Wagner, die Urenkelin Richard Wagners und Leiterin des Kunstfestes Weimar, hat ihrer Familie vorgeworfen, den Komponisten Franz Liszt bis heute gering zu schätzen. Liszt sei in ihrer Familie nicht präsent gewesen, obwohl Richard Wagner seinem Schwiegervater viel zu verdanken gehabt habe.

Ulrike Timm: Er war der wohl meistfotografierte Mann des 19. Jahrhunderts, ein Promi mit Frauengeschichten, ein Pianist, der die Tasten von ganz links unten bis ganz rechts oben sportlich berserkern oder auch liebevoll streicheln konnte, und sich die entsprechend virtuosen Stücke in die Finger schrieb, aber auch ein zukunftsweisender Komponist, ein erzkatholischer Asket und ein generöser Förderer Richard Wagners, der viel von ihm gelernt hat.

Die Rede ist von Franz Liszt, und die vielfältigen Facetten dieses Musikers werden wir in diesem Jahr vielfach ergründen können, denn 2011 ist ein Liszt-Jahr, vor 200 Jahren wurde Franz Liszt geboren. Nike Wagner ist die Ur-Urenkelin von Franz Liszt, die Urenkelin von Richard Wagner und die Leiterin des Kunstfestes Weimar, das sich immer wieder ausdrücklich auf den Geist Liszts bezieht. Frau Wagner, ich grüße Sie herzlich!

Nike Wagner: Ich begrüße Sie auch!

Timm: Frau Wagner, so viele Identitäten versammelt in einer Person – da kann einem wirklich schwindlig werden. Staunen Sie da immer wieder aufs Neue?

Wagner: Da staune ich und ich staune gerne immer aufs Neue. Für mich stellte sich immer die Frage: Was verbirgt sich denn dahinter, wie kann denn ein Mann so viele Identitäten in sich vereinen, Pianist, Dirigent, Komponist, Pädagoge, Organisator musikalischen Lebens, Geistlicher, Frauenliebhaber, Publizist? Es ist phänomenal. Was kann man dazu sagen? Er ist eine außerordentlich romantische Figur. Der Romantiker – das hören Sie ja auch in seinen Werken – ist immer im Überschwang, in der Transgression, in der Grenzüberschreitung begriffen.

Grenzüberschreitungen sind bei Franz Liszt ja nicht nur die einzelnen Rollenidentitäten, sie spiegeln sich auch in seinem physischen Leben, im Dauer-Reiseleben wider, und es spiegelt sich wider in den verschiedenen musikalischen Stilen, die er in seinen Werken aufgezeigt hat. Also insofern ist es eine spannende Frage. Man muss nur sehen, was dahinter steckt, hinter diesem bewegten unruhigen Leben, hinter den vielen Identitäten … Wahrscheinlich muss man es so sehen, dass darin auch eine Quelle und Antriebskraft für sein kreatives Schaffen steckt. Deswegen hat ja die Welt auch gestaunt, dass er überhaupt fähig war, sich in diesem winzigen Ort Weimar einmal fest niederzulassen.

Timm: Da hat er sich dann eben doch nicht zur Ruhe gesetzt, sondern hat als Neutöner weitergemacht und den Weimarern Ur- und Erstaufführungen verordnet. Darauf kommen wir noch. Frau Wagner, in Ihrer Familie wurde das Können wie das musikalische Erbe von Liszt verdrängt, Sie haben sogar mal gesagt, in Ihrer Jugend habe er schlicht nicht existiert. Jenseits der Familienfehden des 19. Jahrhunderts – warum eigentlich, warum nicht das Bewusstsein, zwei große Musiker gehören zu unseren Ahnen, Wagner und Liszt?

Wagner: Es ist ein derartig trübes Kapitel. Sie haben vollkommen Recht, statt dass man stolz darauf ist. Aber wie das so ist mit Familientraditionen, es steuert ja niemand, das ist so ein unterirdischer Fluss, und ich glaube, er wurde von Cosima Wagner eingeleitet, die mit ihren Vaterkonflikten vielleicht auch nicht ganz fertig wurde, und die von sich sagen konnte, ich habe den größeren Komponisten geheiratet - also dass da untergründig noch eine stille Rivalität geschwelt hat.

Das hätte längst anders werden können, aber es hat sich leider so fortgepflanzt. Liszt war einfach nicht präsent - auch mein Großvater Siegfried Wagner hat ihn eher verachtet als einen Salonvirtuosen -, geschweige denn, dass seine symphonischen Dichtungen mal anerkannt worden wären. Ja, merkwürdig, und ich muss Ihnen noch was erzählen, was mich sehr traurig macht, warum sich das bis in unsere heutige Zeit hineinzieht: Franz Liszt soll auch von der Stadt Bayreuth am 22. Oktober, seinem 200. Geburtstag, geehrt werden mit einem großen Festkonzert. Ich habe die beiden Festspielleiterinnen, die ebenfalls Urenkelinnen vom Richard Wagner sind und demnach Ur-Ur von Franz Liszt, gebeten, das Festkonzert doch bitte im Bayreuther Festspielhaus zu machen, mit vollem Fug und Recht, damit die Familie Wagner diese Bringschuld gegenüber Franz Liszt mal irgendwie ausgleicht. Und zu meinem Bedauern kam da eine Absage. Also Sie können sagen, dass die Tradition der Vernachlässigung von Franz Liszt in der Familie Wagners, die doch so viel Dankbarkeit gegenüber Liszt zu zeigen hätte, sich leider fortpflanzt. Ich versuche, in Weimar dagegen anzugehen.

Timm: Das ist ja auch schon deshalb erstaunlich, weil Richard Wagner Franz Liszt sehr viel zu verdanken hatte. Er hat ihn gefördert, und wenn man mal genau in den Noten guckt, dann ist vieles, was man Wagner zuschreibt, bei Liszt schon da, also die Harmonik hat nicht erst Richard Wagner ausgehebelt. Es ist eigentlich doppelt erstaunlich, dass das so im Schatten stand, auch von der musikalischen Seite her.

Wagner: Ja, Wagner hat es ja auch selber gewusst und bekannt, dass er gelegentlich mal geklaut hat bei Franz Liszt. Das war nicht so arg. Dass er ihm auch als Harmoniker viel verdankt, das ist wahr, er verdankt Franz Liszt aber noch viel mehr. Er hat ihn ja nicht nur in den Exiljahren getragen, sondern hat dann auch in den Bayreuther Festspielen sozusagen Reklame und Propaganda gemacht, um dieses neue Festival erst mal durchzusetzen.

Timm: Frau Wagner, wir sollten dringend was hören. Wir hören von Franz Liszt die Etüde "Feux follets", gespielt von Evgeny Kissin.

[…]

Timm: Ein schillerndes Stück, die Etüde "Feux follets", Irrlichter, von Franz Liszt, gespielt von Evgeny Kissin. Wir sprechen mit Nike Wagner über den großen Pianisten und Komponisten. Frau Wagner, "Irrlicht" war auch das Motto des Weimarer Kunstfestes, das Sie leiten, im vergangenen Jahr – Irrlicht, auch als Bild für Liszts oder für unsere Zeit?

Wagner: Künstler, denen ich Aufträge gegeben habe, waren immer sehr erfreut über das Motto "Irrlicht", denn das Irrlicht bedeutet ja, dass man die bekannten Pfade verlässt, dass man hinausgeht in die Irre, sich einem Neuen und Unbekannten aussetzt, und das spiegelt ja sehr schön auch den Geist von Franz Liszt, und es spiegelt auch den Geist dieses Festivals. Wir wollen immer wieder im Sinne von Franz Liszt unbegangene Pfade öffnen oder ins Zeitgenössische oder ins Zukünftige hineingehen.

Timm: Heute denkt man, wenn man das hört, ein unglaublich schweres, ein schillerndes Klavierstück, ein irrlichterndes Klavierstück. Damals meinte man … zu den Kompositionen von Franz Liszt habe ich Kommentare gelesen wie "Beethoven rückwärts gespielt", man kam mit vielem eigentlich überhaupt nicht klar, es hat überall geschrammt. Worin liegt denn für Sie, Nike Wagner, die Modernität von Franz Liszt?

Wagner: Geschrammt hat es glaube ich mehr in der Rezeption seiner symphonischen Dichtungen, seiner Orchesterwerke. Ich glaube, die virtuosen Stücke haben im Großen und Ganzen ganz Europa überwältigt. Aber ich glaube, in den Orchesterwerken war die Sprache offenbar irgendwie für die Zeitgenossen schwer zu verstehen. Sie müssen ja auch bedenken: Liszt hat lange gelebt, sozusagen zwischen Beethoven und Debussy, den er auch noch getroffen hat. Welche Neuerungen er da eingeführt hat in die Sinfonik: Vorher gab es die einsätzige Symphonie nicht, es gab nicht diese Art von Literarisierung der Musik in der sinfonischen Dichtung, es gab sehr viele harmonische und formale Neuerungen nicht, und das hat die Leute verwirrt.

Später, als er auch ein bisschen ins Abseits und in Vergessenheit geriet, hat er einen Altersstil entwickelt, den die Zeitgenossen irgendwie eher als Schwäche klassifiziert haben. Heute erblickt man darin das Moderne, das heißt, das langsame Verlassen des Bodens der Tonalität, ein schwebendes Metrum, alles im Sinne einer immer karger werdenden Ausdrucksskala. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das als sehr modern entdeckt, aber damals konnte man gar nichts damit anfangen.

Timm: Er hat nach seiner großen Pianistenkarriere sich in Weimar überhaupt nicht zur Ruhe gesetzt, sondern nur anders gearbeitet, er hat komponiert und er hat dem Nationaltheater einen Spielplan voller Ur- und Erstaufführungen verordnet, muss man glaube ich sagen. Wie kam das an?

Wagner: Zunächst nicht schlecht. Er hat ja doch auch sehr überzeugt, er war ja ein Star in diesem Nest. Aber er war natürlich auch einer, der sich mit der Institution Theater auseinandersetzen musste. Das Theater war ärmlich, das Orchester war in seiner Besetzung viel zu ärmlich ausgestattet. Allein die Streicherbesetzung: Damit den Lohengrin uraufzuführen, muss irgendwie entsetzlich geklungen haben. Also er hatte ganz normale Geldprobleme. Also musste er aus der Schatulle des Hofs halt immer wieder was dazukriegen, und da hat er sehr viel erreicht und durchaus auch Anerkennung gewonnen.

Was dann schwierig war in Weimar. Er hat ja Weimar dann mit einen Eklat verlassen: Was sollte die Priorität haben, das Schauspiel am Theater, wie damals zu Zeiten Goethes, oder eben Musik und Oper? Und letztlich hat die Fraktion gewonnen, die das Schauspiel befürwortet hat, und dann wurde eine Oper von Peter Cornelius ausgepfiffen, die es weiter gar nicht verdient hätte. Insgesamt sind all seine Bemühungen um ein Neu-Weimar gescheitert, und er hat die Stadt dann sehr enttäuscht verlassen.

Timm: Ihre Bemühungen gehen jetzt weiter, seit 2004, Nike Wagner, leiten Sie das Kunstfest Weimar, das sich in seiner ganzen Vielgestaltigkeit auch im Geiste Liszts begreift. Pèlerinage haben Sie es genannt nach einem Klavierzyklus von Liszt, Pèlerinage, die Pilgerreise, vielleicht auch so was wie Wanderjahre, je nachdem, wie man übersetzt. Warum ein Festivaltitel, der als Wort einen wunderschönen Klang hat, das man aber immer wieder nachschlagen muss?

Wagner: Ja, es war mir klar, dass das Wort nicht unmittelbar verstanden würde, aber ich dachte, es ist ein schönes Wort, und irgendwann spricht es sich rum. Die Pelerine kennt ja irgendwie jeder, und die Idee der Pilgerschaft begreift man auch - und dass man zur Kunst mal wieder pilgern sollte, gefiel mir auch. Das ist ja durchaus im Sinne von Franz Liszt, der die Musik ganz im beethovenschen Sinne auf ein ganz, ganz hohes Niveau gehoben hat. Musik hat Würde und Erhabenheit, da kann man auch mal hinpilgern. Ja, ich denke, das Wort hat sich inzwischen herumgesprochen, und das Festival läuft ja gut.

Timm: Gibt es eigentlich, wenn Sie planen, auch im Sinne von Franz Liszt, gibt es da so was wie ein imaginäres inneres Gespräch mit dem Ur-Urgroßvater, ob ihm das gefallen würde?

Wagner: Ach, manchmal schon. Natürlich ist er für mich eine historische Figur, obwohl man mir viel physiologische Ähnlichkeit mit ihm nachsagt. Er ist für mich eine historische Figur. Jetzt, 2011, zum Liszt-Jahr habe ich sieben Komponisten aus sieben verschiedenen Ländern, in denen Franz Liszt vornehmlich gewirkt hat, gebeten, eine Art Hommage an ihn zu schreiben, also neue Stücke zu komponieren mit Franz Liszt im Hinterkopf. Den brauchen sie natürlich nicht zu zitieren. Wir werden diese sieben Stücke, Hommage à Franz Liszt, beim Kunstfest präsentieren. Und ich glaube, so etwas hätte ihn sehr gefreut, das wäre ganz in seinem Sinn gewesen - und ich hoffe dann auch im Sinn des Publikums.

Timm: Das Neue an Franz Liszt geht weiter. Wir sprachen mit Nike Wagner, der Ur-Urenkelin von Franz Liszt, und wir hören noch mal Franz Liszt nach vorne weisend, fast ein bisschen wie Debussy klingend, aus den Années de pèlerinage "Les jeux d'eaux", gespielt von Alfred Brendel, die Wasserspiele. Vielen Dank, Frau Wagner!

Wagner: Danke Ihnen!

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