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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.06.2011

Nihilismus und Weltekel in Novi Sad

László Végel: "Bekenntnisse eines Zuhälters", Roman, Matthes & Seitz, Berlin 2011, 251 Seiten

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Jean Seberg, Darstellerin in Godards "Atemlos", ist eine der Ikonen von Végels Protagonisten. (AP)
Jean Seberg, Darstellerin in Godards "Atemlos", ist eine der Ikonen von Végels Protagonisten. (AP)

Blue und seine Freunde versuchen, sich das langweilige Leben möglichst angenehm zu gestalten. Sie kümmern sich nicht um Studium und Karriere in der verachteten Gesellschaft, sondern um Sex, Alkohol und Geld.

Mit dem Thema, über das Blue bei Professor Sík eine Arbeit schreiben soll, kann er daher überhaupt nichts anfangen: "Die Kunst ist lang, das Leben ist kurz." Wäre es nicht sinnvoller, den Satz umzudrehen?

Die schwarzen Rollkragenpullover der Existenzialisten tragen Blue, Hem, Merkurosz, Pud, Csicsi, Tanja und Bea nicht. Die geballte Ladung Nihilismus, Depression und Weltekel aber zeigt die Jugend im nordjugoslawischen Novi Sad, im Sozialismus, als Zeitgenossen der tonangebenden westeuropäischen Spätmoderne. Sie ist überaus präsent mit Anspielungen auf Françoise Sagans Roman "Bonjour Tristesse" und Jean-Luc Godards Film "Atemlos", mit Sylvie Vartan, François Truffaut und den Beatles.

Die verzweifelt vergnügten "Bekenntnisse eines Zuhälters" von László Végel, im Original 1968 auf Ungarisch in der nordjugoslawischen, multikulturellen Vojvodina erschienen, von niemand Geringerem als Aleksandar Tišma ins Serbische übertragen und nun erstmals auf Deutsch zugänglich, lassen heutige Romane wie Kuschelliteratur wirken.

Die libertine Jugend verachtet die Gesellschaft, wird aber durch Geldmangel gezwungen, sich oder andere zu verkaufen, weshalb die Verachtung auch sie selbst trifft: Blue führt seine Freundin Csicsi dem geilen Schuldirektor zu, um mit Tanja ausgehen zu können. Dann fotografiert er im Auftrag eines Ingenieurs die Frauen, mit denen jener schläft. Mit den kompromittierenden Aufnahmen presst der Mann die Frauen zu erneutem Beischlaf. Dass manche von ihnen durchaus Vergnügen dabei empfinden, sagen sie nicht: Wer gibt sich schon freiwillig eine Blöße und aus der Hand. Jedes Miteinander gilt als Lüge und Verrat. Jeder ist allein und Härte Selbstschutz.

Die enge, bäuerliche Welt ihrer Eltern und Verwandten hat diese Jugend hinter sich. Vor sich hat sie mit dem Universitätsprofessor einen trotteligen Humanismus und mit dem Ingenieur einen autoritären Charakter, der vor Chefs kuscht und Frauen sexuell beherrscht. Solche Aussichten lassen einige von Blues Freunden Medikamente nehmen, andere im gestohlenen Auto in den Tod fahren. Blue nimmt diese Tragik möglichst nicht wahr. Er sucht täglich neu auf der Straße das Glück durch Ablenkung und Vergessen und erzählt davon mutwillig gut gelaunt und augenblickstrunken. Am Ende bricht er mit Csicsi auf. Sie fahren los ohne Ziel, denn für ihre Sehnsucht gibt es in dieser Welt keinen Ort.

Die sozialistische Jugend ist 1968 hoffnungslos, gibt aber nicht auf. Ihr Leben gründet auf rauer, ruppiger Negativität, die, das ist die größte Furcht, nicht lange durchzuhalten ist. Es ist, als ob die alten Vorstellungen vom Glück durchschaut und keine neuen an ihre Stelle getreten wären. Végels "Bekenntnisse eines Zuhälters" erkunden diese Wüstenei der Existenz mit der Kraft der Verzweiflung und dem ungebrochenen Willen zum Amüsement. Ein in seiner gut gelaunten Düsterkeit großartiger Roman.

Besprochen von Jörg Plath

László Végel: Bekenntnisse eines Zuhälters. Roman
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Matthes & Seitz Berlin 2011
251 Seiten, 19,90 Euro

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