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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.09.2009

Niemals weinen

German Sadulajew: "Ich bin Tschetschene", Ammann Verlag, Zürich 2009, 160 Seiten

Russische Truppen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, 23.11.2004 (AP Archiv)
Russische Truppen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, 23.11.2004 (AP Archiv)

German Sadulajew kämpft mit seiner Herkunft. Der 36-jährige Jurist, der längst in St. Petersburg lebt, schreibt in seinem ersten Buch über eine schmerzhafte Existenz als Tschetschene in Russland.

Sein "Ich bin ein Tschetschene" klingt dabei weniger nach Stolz, als nach: ich kann nicht anders. Der Krieg geht mitten durch sein Leben, durch seine Familie. German Sadulajew schreibt über sich selbst, der Ich-Erzähler stimmt weitestgehend mit dem Autor überein. Seine Schwester wurde im Krieg schwer verletzt, er schreibt, wie er sie nach Petersburg holt, um sie dort versorgen zu lassen, wie er am Flughafen die Beherrschung verliert, als ihn Geheimdienstmitarbeiter verhören wollen, während seine Schwester mit ihrer Kriegsverletzung medizinisch versorgt werden müsste. "Ihr Unmenschen!" ruft er, "Sie ist völlig entkräftet, wollt ihr sie vielleicht ins Gefängnis werfen? Sie ist Lehrerin. Sie kam gerade von der Arbeit, da habt ihr über unserem Dorf eine Rakete abgeworfen, als es dort überhaupt keine Rebellen gab!"
Es sind die seltenen Ausbrüche eines Mannes, der vieles eher mit sich selbst und mit seiner Literatur ausmacht. Der traurige, resignierte Grundton seines Buches zeugt davon: "Wieder schreibe ich. Das Rad meiner Zeit hat keine Speichen. Es ist nur eine schwere, gusseiserne Scheibe".

Sadulajew vergleicht seine alte Heimat Tschetschenien mit einer Mutter, die er verlassen musste, ohne die er aber nie auf der Welt wäre. Ein Tschetschene darf nicht weinen, schreibt er, "selbst wenn du von einer geliebten Frau verlassen wirst, wenn Armut dein Haus verwüstet, du darfst nicht weinen, wenn du Tschetschene bist. Nur ein einziges Mal, ein einziges Mal im Leben darfst du weinen, wenn deine Mutter stirbt."

Sadulajews Buch ist weniger ein Roman als ein Poem. Er schreibt oft in einem glühenden Pathos, das für einen westeuropäischen Leser irritierend und fremd wirken kann. Dann sind seine Zeilen wieder still, präzise und nüchtern. Es ist einer der ersten literarischen Versuche, den Tschetschenien-Krieg literarisch zu verarbeiten. Sadulajew ist kein Berichterstatter, er sucht eine Art poetischen Ausweg aus einer schmerzenden Erinnerung an den Krieg, er schreibt über Schwalben, die den Sommer im Kaukasus ankündigten, die diesmal über Trümmer flogen und ungewohnte Schreie ausstiessen, "kummervoll und untröstlich".
Es ist das Buch eines Entwurzelten - ein Buch, dass weniger auf literarische Eleganz und erzählerische Stringenz als viel mehr auf Wahrhaftigkeit achtet, das berührende Dokument eines Krieges.

Besprochen von Vladimir Balzer

German Sadulajew: Ich bin Tschetschene
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg
Ammann Verlag, Zürich 2009
160 Seiten, 17,95 Euro

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