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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.10.2016

Niederländischer Autor Mit Geert Mak auf Spurensuche in Amsterdam

Von Holger Heimann

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Alltag in Amsterdam: Die Stadt ist rund 800 Jahre alt, viele Gebäudefassaden stammen aus dem 17. Jahrhundert.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Amsterdam: Die Stadt ist rund 800 Jahre alt. 1618 ist der Kunstliebhaber, Sammler und Dichter Jan Six hier geboren. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Geert Mak gehört zu den wichtigsten Publizisten der Niederlande. Bücher wie "Das Jahrhundert meines Vaters" und "In Europa" wurden zu Bestsellern. In "Die vielen Leben des Jan Six" zeichnet er nun die Geschichte der berühmten Amsterdamer Familie Six nach.

Der Tag in Amsterdam beginnt verregnet und kühl. Es ist nicht gerade das beste Wetter für einen Spaziergang durch die schmalen Straßen des alten Stadtzentrums. Genau dazu hat Geert Mak eingeladen. Er steht gut gelaunt unter einem Regenschirm im Hof der Amsterdamer Hermitage, einem Ableger des berühmten Sankt Petersburger Museums.

"Amsterdam hatte eine goldene Zeit. Und Jan Six hat in dieser Zeit gelebt. Er war ein sehr guter Freund Rembrandts, aber er hat auch Spinoza gekannt. Und das war eine sehr interessante Zeit. Es ist am besten, dass wir ein bisschen spazieren, dann kann ich weitererzählen."

Über seine Heimat hinaus bekannter Publizist

Meinen Stadtführer scheint der Regen überhaupt nicht zu stören – aber zum Glück lässt der ohnehin bald nach. Geert Mak, der über seine Heimat hinaus bekannte und preisgekrönte Publizist, ist ein wunderbar empathischer Erzähler mit einem schier unerschöpflichen Reichtum an Geschichten. Mit weit ausgestrecktem Arm zeigt er über die ruhig dahinfließende Amstel auf eines der prächtigen Bürgerhäuser, das die Familie Six seit hundert Jahren bewohnt. Gleich darauf nimmt Mak das nicht weniger imposante benachbarte Gebäude in den Blick.

"Das Haus ist auch interessant, dort lebte ein Freund von Jan Six und auch von Spinoza: Coenraad van Beuningen. Er war Bürgermeister Amsterdams und ein wichtiger Diplomat. Am Ende seines Lebens war er dement. Er rannte schreiend hier die Ufer entlang, mitten in der Nacht: ´Das Land geht zu Ende!` Wie viele verrückte Leute hatte er auch Recht. Das war auch das Ende der Republik: 1690. Aber wir spazieren jetzt über die Brücke, und dann können wir noch etwas davon sehen. Komm mit."

(Deutschlandradio - Matthias Dreier)Der niederländische Schriftsteller Geert Mak im Funkhaus von Deutschlandradio Kultur am 12. Oktober 2016. (Deutschlandradio - Matthias Dreier)
Elegant führt mein Cicerone durch die Jahrhunderte Amsterdamer Stadtgeschichte. Der 1618 geborene Jan Six, Kunstliebhaber, Sammler, Dichter, ist für Mak die Zentralfigur. Doch sein schriftstellerisches Temperament drängt ihn während unseres Stadtrundgangs immer wieder zu erzählerischen Ausflügen. Jetzt deutet er auf eine blass-rote Schrift an der Wand des Hauses, das einmal van Beuningen gehörte. Es sind wieder aufgefrischte, mehr als dreihundert Jahre alte Botschaften des wahnsinnig gewordenen Freundes von Jan Six.

"Am Ende seines Lebens hat er in seiner Verrücktheit mit Blut auf die Giebel geschrieben. Das kann man noch immer sehen, auch kabbalistische Zeichen."

Gleich um die Ecke, an der berühmten, prachtvollen Herengracht steht das Haus, das sich der aufstrebende Jan Six, der bald Amsterdamer Bürgermeister werden sollte, bauen ließ. Das rote Backsteingebäude fällt auf. Mit seinen großen weißumrahmten Fenstern wirkt es überraschend neuartig – inmitten der Häuserfassaden, die allesamt das 17. Jahrhundert widerspiegeln.

"Alle diese Häuser entlang der Kanäle sind Gebäude mit sehr strengen Regeln. Aber Jan und sein Architekt haben die Regeln gebrochen."

Hat auch eine Stadtbiografie über Amsterdam geschrieben

Geert Mak war für sein aktuelles Buch viel in den Straßen von Amsterdam unterwegs – nicht zum ersten Mal allerdings. Zu seinem umfangreichen Oeuvre gehört auch das 1997 auf Deutsch erschienene Buch "Amsterdam – Biographie einer Stadt". Und doch war es für ihn notwendig, die Stadt noch einmal neu zu entdecken. Er hat dabei versucht, sie mit den Augen der Zeitgenossen von Jan Six zu sehen. Vom Gehen ein bisschen außer Atem erklärt Geert Mak, was das bedeutet.

"Wenn man Amsterdam heute sieht und möchte eine Impression bekommen vom alten Amsterdam, muss man immer eine, sogar zwei Etagen dieser Häuser wegnehmen. Im Allgemeinen war das Amsterdam des 17. Jahrhunderts viel niedriger und die Plätze waren größer und die Kanäle breiter – nur durch die andere Perspektive."

Denkmal für den Philosophen Baruch de Spinoza  (picture alliance/dpa/Foto: Waltraud Grubitzsch)Denkmal für den Philosophen Baruch de Spinoza (1632-1677) in der Altstadt von Amsterdam (picture alliance/dpa/Foto: Waltraud Grubitzsch)
Es ist ein spannendes Experiment, sich durch Maks Erzählung in das Amsterdam des Goldenen Zeitalters zu versetzen. Aber es glückt kaum, zu dominant sind die Eindrücke der heutigen Stadt. Die Gegenwart lässt sich für einen ungeübten Betrachter nicht einfach ausblenden. Mak hingegen muss das gelungen sein. Er ist jetzt bei einer großen bronzefarbenen Statue stehen geblieben. "Spinoza" steht auf dem Sockel. Der Philosoph ist einer der berühmtesten Söhne der Stadt.

"Spinoza ist hier aufgewachsen – hier irgendwo. Rembrandt hatte sein Atelier dort um die Ecke. Beide müssen einander täglich begegnet sein. Spinoza war ein sehr wichtiger Mann – auch für Jan Six und mein Buch. Das machte die Arbeit so interessant. Es ist nicht nur über eine Familie, sondern auch eine Mentalität. Seine Eltern und Großeltern waren noch im Halbmittelalter aufgewachsen, und plötzlich ist es der Anfang der modernen Welt. Jan war mittendrin."

Bis zum Rembrandthaus

Der fast zweistündige Spaziergang mit Geert Mak durch Amsterdam endet vor dem Rembrandthaus. Rembrandts Porträt von Jan Six, das noch immer im Wohnhaus der Familie am Ufer der Amstel hängt, gilt als sein berühmtestes Porträtbild. Geert Mak aber mag den großen Maler nicht sonderlich, der sei ein schwieriger Mensch gewesen. Viel lieber als über den berühmten Künstler redet er über die Familie Six und wie sie ihn beim Schreiben immer weiter in ihren Bann zog.

"Ich dachte, es würde vielleicht zwei Jahre dauern, etwas Kleines, aber es ist wieder aus der Hand gelaufen. Ich konnte nicht mehr entkommen. Ich wurde wie in einer Achterbahn durch die Geschichte geschleudert."

Wie sich das anfühlt – davon hat Geert Mak während der kleinen Stadttour einen Eindruck vermittelt. Zuletzt winkt der Mann mit vom Wind zerzausten Haaren lachend noch von einer der schmalen Grachtenbrücken. Dann ist er verschwunden in den Straßen von Amsterdam.

Geert Mak: "Die vielen Leben des Jan Six"
Siedler Verlag, München 2016
512 Seiten, 26,99 Euro

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