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Lesart | Beitrag vom 25.01.2021

Nicola Gess über ihr Buch "Halbwahrheiten" Faktencheck allein reicht nicht

Moderation: Frank Meyer

Nicola Gess (Universität Basel / Florian Moritz)
Wer Halbwahrheiten entzaubern will, sollte das Handwerk der Fiktion verstehen, meint die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess. (Universität Basel / Florian Moritz)

Verschwörungsideologien, populistische Propaganda und Fake News profitieren von Halbwahrheiten, sagt die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess. Mit Faktenchecks allein komme man ihnen oft nicht bei, denn sie folgten einer anderen Logik.

Als Literaturwissenschaftlerin hat Nicola Gess ständig mit Fiktionen zu tun. Den Anstoß, sich mit dem Thema Halbwahrheiten in der realen Welt auseinanderzusetzen, habe sie durch zwei Ereignisse vor etwa vier Jahren bekommen, sagt die Professorin an der Universität Basel. Sie leitet dort das Schweizer Forschungsprojekt "Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im 'postfaktischen Zeitalter'".

Politische Diskurse jenseits von Wahrheit und Lüge

Diese beiden Ereignisse seien zum einen die Brexit-Abstimmung gewesen, und zum anderen die Wahl Donald Trumps: "In beiden Fällen konnte man einen politischen Diskurs beobachten, der sich von der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge gewissermaßen verabschiedet zu haben schien."

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Das habe bei ihr Fragen aufgeworfen, wie dieser "postfaktische Diskurs" funktioniere, und warum so viele Menschen auf ihn ansprängen. Dabei sei sie sehr schnell zu der Hypothese gekommen, dass Halbwahrheiten eine wichtige Rolle spielten, erklärt Nicola Gess. Weil sie "sozusagen die Brücke schlagen zwischen dem Raum der Tatsachen und dem Raum der Spekulation - und eben auch der Fiktion".

Wohlfühlen wird wichtiger als Tatsachen

In ihrem Buch "Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit" nimmt Gess neben der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema drei "Fälle" aus unserer Gegenwart in den Blick: den betrügerischen Journalisten Claas Relotius, den Verschwörungsideologen Ken Jebsen und den Schriftsteller Uwe Tellkamp.

Halbwahrheiten seien so wirkungsvoll, weil sie sich auf Fakten zu stützen scheinen. Aber ihre andere Hälfte gehe einen entscheidenden Schritt weiter: "Sie verlässt die Orientierung an einer Tatsachenwahrheit und steigt in ein Universum ein, das sich nach anderen Regeln richtet." Beispielsweise danach, ob einem die Information passe, ob man sich damit wohlfühle, ob man damit Anhängerinnen und Anhänger gewinnen könne.

Logik von Geschichten

"In dieser Weise sind Halbwahrheiten ganz zentral, wenn man versucht zu verstehen, was Postfaktiziät ausmacht", so Gess.

Um gegen Halbwahrheiten vorzugehen, seien Faktenchecks ein Mittel. Doch das reiche häufig nicht aus. Deshalb schlägt Gess einen "Fiktionscheck" vor: Man müsse in den Blick nehmen, dass Halbwahrheiten und die Diskurse, in denen sie zum Einsatz kommen – etwa Verschwörungstheorien –, nicht nach der Logik eines faktenbasierten Diskurses und der Unterscheidung "wahr oder falsch" funktionierten. Sie funktionierten stattdessen nach der Unterscheidung "passend oder unpassend", "glaubwürdig oder unglaubwürdig" und "emotional befriedigend oder unbefriedigend".

Nur wenn man sich dieser Dimension bewusst sei, könne man Halbwahrheiten entzaubern. Und nur so sei auch zu verstehen, welche Beweggründe die Menschen dazu verleiteten, daran zu glauben.

(abr)

Nicola Gess: Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit
Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2021
157 Seiten, 14 Euro 

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