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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.11.2012

Nichts ist so, wie es scheint

Schriftstellerin A. L. Kennedy über ihren neuen Roman "Das blaue Buch"

A. L. Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

A. L. Kennedy spricht über "Das blaue Buch". (AP)
A. L. Kennedy spricht über "Das blaue Buch". (AP)

A. L. Kennedy spricht darüber, warum "Das blaue Buch" manipulativ ist. Sie erklärt, warum die schlimmsten Lügen die kleinen sein können und warum diese "einen sehr schädigen können".

Dieter Kassel: Die Rahmenhandlung des neuen Romans von A. L. Kennedy "Das blaue Buch" ist schnell erzählt: Ein Paar, Elizabeth und Derek, begibt sich auf eine Seereise von England nach New York, und schon beim Betreten des riesigen Schiffs taucht eine sehr merkwürdige dritte Person auf, Arthur. Reiner Zufall, scheint es, aber was scheint, das seint nicht in diesem Buch, denn Arthur ist kein Zufall, denn er ist der Ex-Partner von Elizabeth, und sie waren Partner privat und beruflich. Beruflich nun wiederum heißt einiges, denn Arthur ist ein Medium.

Er verdient sein Geld damit, reichen Menschen vorzutäuschen, er könne sie in Kontakt mit ihren verstorbenen Verwandten bringen. Und man merkt beim Lesen dieses Buches sofort, dass A. L. Kennedy sich sehr gut auskennt im Reich der Parapsychologie und der Medien, und ich habe sie deshalb als Erstes gefragt, als sie bei uns im Studio war, wie sie eigentlich für dieses Buch recherchiert hat: nur Bücher gelesen oder auch die Shows dieser sogenannten Parapsychologen besucht und sie getroffen?

A. L. Kennedy: Ich denke, dass in jedes Buch, das ich schreibe, drei Jahre Feldstudien einfließen. Und ich habe mich viel mit diesen Leuten getroffen, mit Handlesern, Kartenlesern, mit Leuten, die aus Kristallkugeln die Zukunft vorhersagen, mit Zigeunern – mit echten und falschen –, mit einer Cyberhexe, mit einem indischen Guru. Und es ist ja in England und Amerika ziemlich einfach, mit diesen Dingen ins Showbusiness zu kommen, diese Leute werden dann ganz schnell zu möglichen Fernsehstars, sie füllen große Hallen.

Und ich habe viel Zeit damit verbracht, und besonders diese Bühnenshows haben mich oft ziemlich durcheinander gebracht, sie sind mir ziemlich unangenehm gewesen. Die Leute werden dort sehr stark manipuliert, und es sind schreckliche Leute, die das auf der Bühne machen. Meistens haben sie überhaupt kein Charisma, und trotzdem kommen sie bei den Leuten an, weil sie ihnen eben etwas bieten, was diese Leute haben wollen. Und da fällt es ihnen leichter, darüber hinwegzusehen, dass sie eigentlich diesen Leuten auf der Bühne nicht einmal eine Zeitung abkaufen würden.

Kassel: Das Medium in Ihrem Buch, Arthur, ist tatsächlich, Sie nennen das auf Englisch auch immer ein Fake Medium, also wirklich ein Betrüger, jemand, der auch sehr genau weiß, dass er das nicht kann, was er tut und womit er sehr viel Geld verdient. Die Leute, die Sie in der Realität getroffen haben, haben die das alle auch gewusst, oder gab es auch welche, die selber an ihre Fähigkeiten glaubten?

Kennedy: Ich glaube nicht, dass die das wirklich selber glauben. Und viel zu viele von ihnen sind auch wirklich als Fake aufgedeckt worden, enttarnt worden. Das ist eigentlich zu offensichtlich.

Das ist aber ein Phänomen, wenn Menschen sehr stark an etwas glauben, selbst wenn es als falsch erwiesen ist, wenn es nachgewiesen wurde, dass es nicht stimmt, glauben sie nur umso heftiger daran - das ist ein Desaster für die menschliche Rasse, es trifft aber eben auch auf diese Medien zu, auf diese Wahrsager oder ähnlichen. Und das ist dann halt so, dass diese Zauberer, die sich als Wahrsager ausgeben, nicht offen zugeben, dass sie nicht die Wahrheit sagen.

Aber sie sind eben sehr gute Showleute, sie verkaufen das gut. Und das ist manchmal halt auch besser, das als Zauberer zu verkaufen – ich mache hier einen Trick –, als dann die Leute anzuschreien und sie zu Dingen zu bringen, die sie gar nicht machen wollen. Und zuerst hat es vielleicht den Anschein, dass sie das wirklich machen, aber nach der Lektüre all dieser Handbücher, die es ja für dieses Metier auch gibt, wo dann drin steht, ah, du möchtest gerne Leuten die Zukunft voraussagen, dann beachte dieses und jenes, mach es so, sag es so, sag es in dieser Stimmlage und drücke dich folgendermaßen aus, dann ist einem doch schon sehr klar, wie das Ganze funktioniert.

Ich habe das auch selber ausprobiert, ich habe Kurse besucht und so weiter, und wenn man versucht, etwas wirklich überzeugend zu machen, dann kann man sich auch dazu bringen, das selbst zu glauben, selber davon überzeugt zu sein. Und je mehr man selber davon überzeugt ist, umso leichter fällt es einem natürlich auch, das glaubwürdig darzustellen.

Und man erlebt die Dinge dann tatsächlich, als wären sie wahr, obwohl sie es gar nicht sind. Und das ist faszinierend, und ich habe mich auch sehr darauf konzentriert. Man muss sich in diesem Moment sehr darauf konzentrieren. Wenn man zum Beispiel einer Person gegenüber steht, die einen fragt, was ist mein liebstes Hobby, dann guckt man denjenigen so konzentriert an und nimmt das alles so auf, dass man wirklich glaubt, man weiß es, man errät es, man überzeugt sich sozusagen selbst. Das ist sehr interessant, aber es ist gleichzeitig auch sehr ermüdend.

Und ich hatte kaum Glauben an diese Medien oder Wahrsager oder so was. Und jetzt, nach drei Jahren Nachforschung ist überhaupt kein Glaube mehr daran übrig geblieben. Und ich bin sehr wütend auf diese Leute, auf diese ganze Industrie, die dahinter steckt, die Leute in Not ausnutzen. Und es ist in der letzten Zeit sehr, sehr viel größer geworden. In den USA und in England ist das riesig.

Kassel: Es gibt Menschen überall auf der Welt, in Großbritannien, in Schottland, in Deutschland, die sagen, wir werden alle ständig manipuliert, aber die meinen dann meistens, wir werden manipuliert von den Medien, von der Politik, von großen Firmen, vielleicht von der Werbung.

Nachdem ich Ihr Buch gelesen hatte, hatte ich selber das Gefühl, und ich habe es immer noch, das ist nicht richtig. Richtig aber ist, wir werden alle ständig von allen manipuliert und manipulieren auch selber. Ist das wahr, oder bin ich einfach von Ihrem Buch manipuliert worden?

Kennedy: Beides. Alle manipulieren, alle Menschen manipulieren. Das Interessante bei meinen Nachforschungen für dieses Buch war auch, wie die Leute Sprache nutzen, wie alle Menschen einander manipulieren. Und ich denke, die Medien sind voller Manipulation.

Man möchte ja eigentlich gar nicht komplett manipuliert werden. Wenn ich einen Film ansehe, möchte ich ja nicht davon manipuliert werden, sonst würde ich das ja nicht tun. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, wenn ich mir zum Beispiel "Hamlet" anschaue und glauben möchte, ja, das ist der Geist, der da auftritt, dann kann ich das genießen. Nicht so, wenn Tony Blair mir verkaufen will, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt, dann ist etwas anderes. Die schlimmsten Lügen können aber auch die kleinen sein, die einen sehr schädigen können.

Wenn man aber weiß, wie Lügen funktionieren, dann ist das auch eine Form der Selbstverteidigung, dann hilft es einem weiter. Und ja, Sie haben wahrscheinlich recht, das Buch ist manipulativ, so sehen Sie es als Leser, so haben Sie das wahrgenommen. Es zeigt aber auch, dass immer manipuliert wird, man schafft ein Bewusstsein dafür, vielleicht, dass man sieht, dass Manipulation stattfindet. Man hat das ja auch in seinem Freundeskreis manchmal ganz gerne, dass die Leute mit einem auf eine freundliche, angenehme Art umgehen.

Wenn mein Mann aufsteht, manipuliert er mich in gewisser Weise ja auch, und ich möchte das ja auch so. Und man will also ein bestimmtes Maß der Manipulation von einer nahestehenden Personen. Aber wenn dann ein Arzt sagt, oho, bei Ihnen ist eine OP nötig, oder ein Chirurg das sagt, dann muss man sich auch überlegen: Warum sagt er das, welche Richtung verfolgt er?

Will der Arzt mir vielleicht ein Medikament andrehen, weil er selber kein Chirurg ist, und der Chirurg will operieren, weil das sein Beruf ist? Darauf muss man eben achten. Was haben die Leute davon? Also, wer ist dieser Mensch, und in welche Richtung denkt er? Das muss man immer bewusst haben.

Ich denke, man sollte das schon in der Schule lernen. Ich hatte einen Super-Lehrer, der uns darauf hingewiesen hat, dass Nachrichten nicht von Gott gemacht werden, dass es Menschen sind, die diese Nachrichten aufschreiben, und dass das nicht unbedingt die Wahrheit sein muss. Und da ist mir aufgefallen, ja, das stimmt, ich schreibe ja selber Sachen auf, ich schreibe selber Dinge, und da stimmt nicht immer alles, was ich da schreibe.

Und das ist nichts Goldenes, was man da im Fernsehen sieht, nichts hervorragendes Heiliges, das sind einfach nur Leute in Zimmern, die da sitzen und schreiben. Und so ist das halt auch bei der BBC, es ist sicher gut zu wissen, und es ist sicherer und gesünder, dass mit manipulativem Ansatz vorgegangen wird. Wenn man nicht weiß, dass gelogen wird, dann verschwendet man sozusagen auch seine Energie in eine komplett falsche Richtung.

Kassel: Wir reden heute hier im Deutschlandradio Kultur mit A. L. Kennedy über ihren neuen Roman "Das blaue Buch", und das gab es schon vorher, es gab schon mal ein "blaues Buch" von Ludwig Wittgenstein, dem Philosophen, und dieses Buch – es ist im Original Englisch, er hat ja lange in England gelebt und gearbeitet, aber übersetzt lautet der erste Satz des Buches: Was ist die Bedeutung eines Wortes? Und da unterstelle ich mal, das kann eigentlich kein Zufall sein. Ist das also tatsächlich A. L. Kennedy inspiriert von Ludwig Wittgenstein?

Kennedy: Also ich bin eher eine Anhängerin von Karl Popper, aber wenn Philosophen anfangen, über Sprache zu reden, heißt plötzlich nichts mehr etwas. Dann stellen sie sich fragen wie: Ist der Tisch wirklich ein Tisch? Und so weiter, und das ist doch einfach, wenn man davon ausgeht, das Ding, worauf ich mein Sandwich gelegt habe, ist ein Tisch. Und es ist auch praktischer, wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir beide das Gleiche meinen, wenn wir darüber reden.

Und das gibt diese große Anstrengung in der Philosophie, die Sprache dadurch praktisch sinnlos zu machen, und das Akkurate dabei ist natürlich gut, aber wenn es dann wirklich um die Bedeutung einzelner Worte geht, aber um das einzelne Wort an sich, dann wird es schnell kontraproduktiv, denke ich.

Ja, ich habe nicht wirklich an Wittgenstein dabei gedacht, also – aber es ist in der Tat so, dass ein Medium oder Wahrsager blaue Bücher benutzen, um die Dinge über die Leute festzuhalten, denen sie Vorhersagen machen und so weiter, mit denen sie sich befassen, und dort schreiben sie dann zum Beispiel rein, der Großvater ist da und dort gestorben, das sind so Erinnerungen. Und auf Englisch heißt bluebook ja auch, dass das der Ort des geheimen Wissens ist, das ist die Schrift, wo man festhält, was sozusagen die Geheimnisse des eigenen Fachs, der Schlüssel zu seiner Macht ist.

Und in dem Buch ist das Buch ja auch wirklich blau, das muss man ja auch sagen, und es ist sozusagen ein Buch der Geheimnisse. Ich möchte nicht allzu viel verraten, aber ich könnte natürlich auch sagen, ja, ja, das war Wittgenstein, daran habe ich gedacht. Aber ehrlich gesagt hat mich seine Art zu schreiben und sein Lebensstil nicht wirklich angezogen, das muss ich sagen.

Kassel: Sie haben schon gesagt, wir können extrem wenig darüber reden, was in dem Buch passiert. Ich habe sogar schon zwei, drei Dinge gesagt, die stimmen und auch wieder nicht stimmen, wenn man es zu Ende liest. Aber wir können natürlich darüber sprechen, wo es passiert.

Da haben wir auch wieder die Farbe blau, es passiert alles mitten auf dem Atlantischen Ozean, die Rahmenhandlung, das sind sieben Tage, eine Fahrt von England nach New York auf einem riesigen Schiff. Und wo ich Sie nun seit einigen Minuten doch sehen darf und kennenlerne – ich kann mir eines nicht vorstellen, nämlich dass Sie je auf so einem Schiff gewesen sind. Waren sie?

Kennedy: Für die Studien zu meinem Buch bin ich tatsächlich auf einem Ozeanriesen gefahren, das habe ich dort alles gemacht, und das liegt daran, dass ich eine ganz extreme Flugangst habe. Und deshalb war ich sozusagen auf dieses schwimmende Luxushotel angewiesen, um in die USA zu kommen, von England, von Großbritannien muss man damit fahren. Und man kann aber dieses ganze Luxushotelgehabe ignorieren und einfach sich an die Reling stellen, sich den Wind ins Gesicht blasen lassen und die Möwen anschauen, dann kann das gar nicht so schlecht sein, dann kann das sehr schön sein.

Und ich habe das Boot für das Buch ausgewählt, weil es sozusagen eine Insel des Lichts darstellt, in dieser Masse isoliert und umgeben von einer tödlichen Umgebung. Also, wenn man das einzeln betrachtet, sieht man diese Insel des Lichts in der Dunkelheit, und das finde ich eine Metapher für das Leben, eine ganz treffende. Und ich habe diese Reise auch tatsächlich zweimal wiederholt, wenn ich Großbritannien in die USA gefahren bin, bin ich halt auf diese Schiffe angewiesen.

Kassel: A. L. Kennedy über ihren neuen Roman "Das blaue Buch", erschienen ist der Roman im Hanser Verlag, selbstverständlich komplett blau, Sie können das schön finden in der Buchhandlung. Und A. L. Kennedy liest aus diesem Buch, am Samstag in München und am Sonntag in Stuttgart.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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