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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2007

Nichts für Zartbesaitete

David Peace: "1980", Liebeskind Verlag 2007, 464 Seiten

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Die Jagd nach dem "Ripper" droht zu einem Politikum zu werden. (AP)
Die Jagd nach dem "Ripper" droht zu einem Politikum zu werden. (AP)

Mit dem Thriller "1980" legt der preisgekrönte britische Schriftsteller David Peace den dritten Teil seines "Red Riding Quartetts" vor. Im Mittelpunkt dieses Werkes steht der authentische Fall des Serienmörders Peter Sutcliff, der im Norden Englands dreizehn Frauen ermordete. Dabei recherchiert Peace genau und schreckt vor blutigen Details nicht zurück.

Donnerstag, der 11. Dezember 1980. Die Radiostationen melden es bereits am frühen Morgen: "Der Yorkshire Ripper hat ein neues Opfer gefunden." Die Krankenschwester Laureen Bell wurde in Leeds grausam ermordet, und bei der Polizei liegen die Nerven blank. Seit dem ersten Todesfall im Jahre 1975 haben die Ermittlungsbehörden in West Yorkshire mehr als 30.000 Wohnungen durchsucht und 25.000 Zeugenaussagen aufgenommen. Ohne Erfolg. Inzwischen droht die Jagd nach dem "Ripper" zu einem Politikum zu werden, und im Innenministerium fällt die Entscheidung, Assistant Chief Constable Peter Hunter nach Leeds zu schicken, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Er soll als interner Ermittler die "dreckige Wäsche" waschen und "den Wichser schnappen", wie ihm seine Vorgesetzen unmissverständlich mitteilen. Peter Hunter weiß, was ihn erwartet: "nur Mord und Lügen, Lügen und Mord."

Mit dem Thriller "1980" legt David Peace jetzt den dritten Band seines "Red Riding Quartetts" vor. Im Mittelpunkt dieses Werkes – die Bände "1974" und "1977" sind bereits auf Deutsch erschienen – steht der authentische Fall des Serienmörders Peter Sutcliff, der in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren im Norden Englands dreizehn Frauen ermordete. Die Suche nach dem so genannten Yorkshire Ripper gehört zu den umfangreichsten und zugleich am meisten kritisierten Ermittlungen in der englischen Kriminalgeschichte. Unter anderem stellte sich nach der Festnahme Sutcliffs im Jahre 1981 heraus, dass die Polizei den Verdächtigen bereits mehrere Male verhört und wieder laufen gelassen hatte, und sich darüber hinaus durch ein gefälschtes Tonband mit einer vermeintlichen Botschaft des "Rippers" auf eine falsche Fährte hatte locken lassen. Und genau darum geht es in diesem Buch.

Dass die angebliche Stimmprobe des Rippers die Polizei auf einer "Memorex"-Kassette für Diktiergeräte erreichte, ist aber nur eines der vielen Details, mit denen David Peace aufwartet. Wer die ersten beiden Bände des Red-Riding-Quartetts gelesen hat, weiß, dass der 1967 in Yorkshire geborene Schriftsteller äußerst genau recherchiert und dabei auch vor den blutigen Details der gerichtsmedizinischen Protokolle nicht zurückschreckt. Die finsteren Romane von David Peace sind darum nichts für Zartbesaitete: Gnadenlos rollt er in "1980" noch einmal sämtliche Mordfälle auf, mit ihren "massive Kopfverletzungen", "unzähligen Stichen in den Unterleib" und "durchschnittenen Kehlen".

"Eine weitere schwarze Fahrt durch eine weitere schwarze Nacht": Mit angehaltenem Atem arbeitet Peter Hunter sich in seinem überheizten Büro im Millgarth Polizeirevier durch die blutgetränkten Akten, und während das "Flüstern und Schreien" der Opfer in seinem Kopf immer lauter wird, stößt er auf Hinweise, dass der Mord an der Prostituierten Janice Ryan aufgrund des "Ripper"-Bandes fälschlicherweise dem Serienmörder zugeschrieben wurde. Hunter findet heraus, dass Janice Ryans Zuhälter ein Polizist war und ihr gewaltsamer Tod die Verwicklungen mehrerer Beamter in das Geschäft mit Sex und Pornografie verdecken sollte. Hunter bekommt Drohbriefe, aber er macht weiter, "versessen, besessen, überzeugt", bis schließlich sein eigenes Haus in Flammen steht.

Es geht um mehr als um eine Reihe von brutalen Morden und eine Handvoll korrupter Polizisten. In Peter Hunters Albträumen vermischen sich die Bilder der Mordopfer mit den quälenden Erinnerungen an die lange Reihe von Fehlgeburten, die er und seine Frau hinter sich haben, und so macht er aus der Jagd auf den Ripper einen verzweifelten Handel mit einem namenlosen Gott: "Ich kriege ihn, halte ihn davon ab, Mütter zu morden, Kinder zu Waisen zu machen, und du gibst uns eins, nur eins."

Das kennt man. Die Geschichte des Polizisten, der bei der Suche nach einem Serienmörder von seinen eigenen Ängsten eingeholt wird, ist in der jüngeren Kriminalliteratur oft genug erzählt worden, und wenn David Peace immer wieder dafür gelobt worden ist, dass er die Konventionen des Genres weit hinter sich gelassen habe, so muss man dieses Urteil nach der Lektüre von "1980" zumindest vorsichtig revidieren. Die Sprengkraft dieses Autors, dessen Debüt "1974" vor einigen Jahren in der Szene wie eine schmutzige Bombe einschlug, liegt eher im Umgang mit der Sprache: in den hastigen, atemlosen Monologen seiner verzweifelten Erzähler und den knappen, wie mit einem Rasiermesser verstümmelten Sätzen, in denen jeder einzelne Buchstabe "Botschaft, Zeichen und Symbol des Todes" trägt.

David Peace größter Verdienst besteht allerdings sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das "Red Riding Quartett" ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der "Yorkshire Ripper"- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982: Das düstere Bild der "toten Landschaft" von Yorkshire mit ihren trostlosen Arbeitersiedlungen und heruntergekommenen Vororten, das David Peace zeichnet, entspricht dem Stimmungsbild der gesamten Nation in jenen Jahren.

"Diese ganze leere, vergessene, gewöhnliche Welt" befindet sich "im Krieg", stellt Peter Hunter an einer Stelle in "1980" fest. Seine Bemerkung bezieht sich weniger auf die eingeblendeten Nachrichtenmeldungen aus Afghanistan oder Polen als auf die schwelenden Konflikte in seinem Heimatland: Arbeitslosigkeit und Inflation treiben England in den siebziger Jahren in eine schwere politische Krise, und insbesondere im Norden des Landes gerät die traditionelle Arbeiterklasse immer mehr unter Druck, während der Alltag in den Stadtparlamenten von Korruption und Vetternwirtschaft bestimmt wird.

Das ist das Schlachtfeld, auf dem die gebrochenen Familienväter und rassistischen Polizisten, die versoffenen Journalisten, rücksichtslosen Unternehmer und korrupten Politiker sich in David Peace' Romanen begegnen. Der gesichtslose "Yorkshire Ripper", und das ist die hoffnungslose Pointe dieses dunklen und unheimlichen Werkes, ist einfach nur einer von ihnen.

Rezensiert von Kolja Mensing

David Peace: "1980"
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag, München 2007
464 Seiten, 22 Euro

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