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Zeitfragen | Beitrag vom 04.01.2021

Nicht fertigEine unvollendete Sendung

Von Julius Stucke

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Die Sagrada Familia in Barcelona mit Baukränen und Baugerüsten. (Unsplash / Angela Compagnone)
Die Sagrada Familia in Barcelona, Baubeginn 1882: Noch immer wird an der Kirche gebaut. (Unsplash / Angela Compagnone)

Der Monumentalbau: nie fertiggestellt. Der große Roman: nicht über die ersten Seiten hinausgekommen. Das Unistudium: nie beendet. Wir streben zwar nach Perfektion und Abschluss. Doch auch das Unfertige hat einen Reiz. Ein Feature über das Unvollen...

So fängt es an. Immer. Ein weißes Blatt – eine Seite die auffordernd leer glotzt. Die ersten Sätze beschmutzen das saubere Nichts. Ein paar Tasten drücken. Backspace. Schreiben. Löschen. Schreiben...

Aber er ist gemacht! Der Anfang. Ein wichtiger Schritt. Was bleibt, ist die Frage, ob der Anfang ohne Ende bleibt. Denn was wird schon fertig in diesem Leben? Vollendet?

Das Streben nach Perfektion

Wir Menschen streben zwar nach Vollendung, nach Perfektion, nach einem Abschluss – doch hat das Unvollendete auch einen Reiz. Ob ein Bauwerk wie Antoni Gaudís Kirche Sagrada Familia, eine Komposition wie Mozarts Requiem. Denn der Akt des Abschließens, des für fertig Erklärens, fällt auch großen Künstlern nicht leicht.

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Manche sind Meister des Unvollendeten. Orson Welles, weltbekannter und gepriesener Filmregisseur, ließ die meisten Projekte: unfertig. Und erst recht der zu Lebzeiten eher wenig bekannte Franz Kafka:  

"Kafka hatte Zeit seines Lebens das größte Problem mit dem Abschluss. Selbst Erzählungen - mit wenigen Ausnahmen - sind in seinen Augen gerade vom Ende her misslungen", sagt Joseph Vogl, Professor für Literatur, Kulturwissenschaft und Medien an der Berliner Humboldt Universität. Beispielsweise bei Erzählungen wie "Die Verwandlung" oder "In der Strafkolonie". Dort könne man beobachten, wie Kafka mit unterschiedlichen Enden experimentierte und sich letztlich aufgrund des Publikationsdrucks für eines der Enden entschied.

Der Reiz des Unvollendeten

Die Liste mit Werken, die nicht fertig wurden, aber gerade deshalb spannend sind, ist lang. Genauso wie die Gründe vielfältig sind: von schnödem Unvermögen bis Größenwahn, von schlichtem Ableben bis zum Streben nach unerreichbarer Perfektion. Und so steckt hinter jedem unvollendeten Werk schon eine Geschichte vom Scheitern, ein Drama, das wert ist, erzählt zu werden.

Der Reiz, den unvollendete Kunstwerke ausüben, kann Ausstellungen füllen. Oder eine Reihe zum Leben erwecken, wie die, die der Journalist und Schriftsteller Thomas von Steinaecker für die "Neue Rundschau" schreibt.

"Bei unvollendeten Kunstwerken ist ja der Mechanismus eigentlich ein ganz einfacher. Dass man ins Träumen gerät: Was hätte sein können. Ja, da wird man selber so ein bisschen Co-Autor oder Mitträumer. Das Faszinierende und Schöne an den unvollendeten Kunstwerken ist natürlich, dass es alles und nichts sein kann – und in der Fantasie ist es meistens alles. Und das Schönste und Beste und Größte."

Wann ist etwas vollendet?

Wobei: Sind solche Werke, die unsere Fantasie beflügeln, wirklich unfertig? "Artifizielle Gegenstände, also Artefakte im weitesten Sinne, sind nie fertig durch irgendein Wachstum, sondern werden per Deklaration für fertig, für vollendet erklärt", meint Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Genügt es also, diesen Text für vollendet zu erklären – und schon ist er es? Na, dann…

Die Erstausstrahlung des Features von Julius Stucke war am 28. Dezember 2018.

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