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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.04.2012

Nicht Fakten, sondern Gefühle

Hörbuch: Inge Kurtz: "Meine Erinnerung", Der Hörverlag 2012 , 4 CDs, 284 Minuten

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Geschichte ist nicht nur in Fakten erfahrbar. Persönliche Erinnerungen transportieren Emotionen, machen historische Epochen für die Nachgeborenen spürbar. So in dem Hörbuch "Meine Erinnerung. Zeitzeugen erzählen vom Krieg".

"Eine Bombe fällt, Maschinengewehr rattert, Soldaten marschieren"

"Die ganze Geschichte, die läuft ja nicht ab wie im Kino."

"In dem Moment kracht es oben, da flog er zurück, und dann hatt ich den armen Kerl im Arm. Der Helm war weg und der halbe Kopp. Das hat mich - das geht mir heut noch manchmal nach."

"Ehemalige Wehrmachtsoldaten erzählen vom Krieg": So lautet der Titel der einstündigen Hörspiel-Dokumentation, die Inge Kurtz bereits 1986 für den Hessischen Rundfunk produziert hat. In einer Sammlung mit drei anderen langen O-Ton-Collagen von ihr aus den 80er- und 90er-Jahren hat es der Hörverlag nun als Hörbuch neu heraus gebracht.

Adolf Hitler: "Meine Maßnahmen - sie werden nicht angekränkelt werden durch irgendwelche juristischen Bedenken. Wir haben keine Gerechtigkeit zu üben, wir haben nur zu vernichten und auszurotten. Weiter nichts!""

Inge Kurtz, 1949 in Österreich geboren, wollte mit ihren Dokumentationen die "seelische Atmosphäre" der Hitlerzeit einfangen. Sie hat die Erzählungen der Zeitzeugen mit historischen Aufnahmen und Kriegsgeräuschen ergänzt. Das hätte sie nicht gebraucht: Die Stimmen ihrer Interviewpartner, die sie in heute ungewohnt langen Passagen zu Wort kommen ließ, sind stark genug. Aneinandergereiht erzeugen sie einen Sog erlebter Geschichte.

""Da ging‘s Tag und Nacht, ununterbrochenes Feuer, Tag und Nacht. Also mindestens einmal am Tag biste haarscharf am Tod vorbei und mindestens dutzende Male an Verwundungen. Und mehr als sechs, acht Wochen war keiner an der Front. Dann war er entweder tot oder verwundet.""

Es fällt schwer, die CD zu stoppen und zum friedlichen Alltag des Jahres 2012 zurückzukehren. Und die "Originaltöne" dieser ganz normalen Menschen bestätigten schon Mitte der 80er-Jahre, dass für Soldaten im Krieg das Töten eine erschreckend emotionslose Angelegenheit ist. Die Schilderungen der Zeitzeugen decken sich mit den Abhörprotokollen von Wehrmachtssoldaten, deren Veröffentlichung in dem Buch "Soldaten" von Sönke Neitzel Harald Welzer derzeit für große Aufregung sorgt.

""Da kannst du ja gar nicht mehr denken, das ist ja nur noch ein Mechanismus, du bist selbst nur noch Mechanismus, du könntest ja gar nicht mehr existieren. Du reagierst nur noch wie eine Maschine."

Inge Kurtz hatte in allen vier Features ihre Zwischenfragen heraus geschnitten, sie überlässt die Bühne ganz ihren Interviewpartnern. Die Autorin widerspricht auch nicht, wenn die Legende von der sauberen Wehrmacht erzählt wird, die unbeteiligt gewesen sei an den Morden der SS hinter der Front.

"Und zwar waren wir einige Male mit SS-Divisionen zusammen eingesetzt. Teilweise mit der Leibstandarte Adolf Hitler, und teilweise mit der Nordland-Division SS Wiking. Es waren schlimme Erlebnisse für uns Wehrmachtsangehörige, das mit anzusehen. Aber Schlussfolgerungen hat von uns keiner daraus gezogen. Zu meiner Schande muss ich das gestehen."

Es geht in "Meine Erinnerung" nicht um die historische Wahrheit, sondern um das persönliche Erleben. Nicht um Fakten, sondern um Gefühle. In dem Hörbuch wird deutlich: Der Krieg hat nicht nur die Generation der aktiven Soldaten geprägt.

"Bin Jahrgang 24, bin in Oberschlesien geboren. Meine Heimat habe ich verlassen müssen im Januar 1945 durch die Flucht."

Dass viele in die Generation der so genannten "Kriegskinder" massive psychische Traumata erlitten haben, ist heute unstrittig. Mittlerweile beschäftigt sich bereits die dritte Generation mit den Auswirkungen dieser Zeit in den deutschen Familien: "Kriegsenkel" tauschen sich im Internet aus, Erinnerungsbücher boomen, Filme widmen sich dem Schicksal der deutschen Flüchtlinge. Inge Kurtz war eine Vorreiterin dieser Entwicklung. Und sie hat es geschafft, das oft Jahrzehnte alte Schweigen aufzubrechen.

"Mein Bruder ging jeden Tag zum Rathaus, wo die Kriegsheimkehrer erwartet wurden, um auf den Vater zu warten. Und ich habe mich geweigert, das zu tun. Ich nehme an, weil ich nicht wollte, dass der wieder kommt. Aber ich weiß es nicht."

"Ich denke, dass die Eindrücke und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, etwas bewirkt haben. Nämlich zu einer sehr frühen Zeit den Verlust der Kindheit."

Besprochen von Vanja Budde

Inge Kurtz: Meine Erinnerung. Zeitzeugen erzählen vom Krieg
Der Hörverlag 2012 , 4 CDs
Laufzeit 284 Minuten, 24,99 Euro

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