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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 18.03.2012

Nicht als Lichtgestalt überhöhen

Der neue Bundespräsident will mit uns über Freiheit und Engagement reden

Von Ernst Rommeney

Bundespräsident Joachim Gauck spricht vor der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Hannibal)
Bundespräsident Joachim Gauck spricht vor der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Hannibal)

Joachim Gauck warnt vor Gleichgültigkeit, ja vor Verdruss über Demokratie und Rechtsstaat. Es ist falsch, ihn dafür als naiv zu kritisieren. Muss sich doch jeder Bürger selbst davor schützen, in diffusem Volkszorn sein Gesicht zu verlieren.

Zwischen "Hosiana!" und "Kreuzige ihn!" liegen nur ein Paar Tage. Demnächst - in der Karwoche vor Ostern - wird diese biblische Geschichte rasant schwankender Stimmung der öffentlichen Meinung oder des Volkes wieder nacherzählt.

Nun ist ein Bundespräsident kein Heiland, kein Prophet, auch kein Monarch, kein Glitzerpolitiker, sondern der erste Bürger des Landes - einer von uns. Wir dürfen ihn nicht als Lichtgestalt überhöhen und uns als Demokraten nicht kleiner machen, als wir sein sollten.

Er will mit uns über Freiheit und Verantwortung, Einstellung und Engagement reden. Das kann durchaus ungemütlich werden. Denn Joachim Gauck fragt nach der politischen Substanz der deutschen Gesellschaft – der konservativen wie der liberalen, die sich irgendwo in einer scharf bewachten, ideologisch verseuchten Wolke verbirgt und deren jüngstes Opfer die FDP zu werden scheint.

Dabei benennt er die Angst als ein gefährliches politisches Moment. Zum Bürger gehört die Zivilcourage – die erfolgreiche wie die vergebliche. Beate Klarsfeld wie auch er selbst stehen dafür. Darum sollte er ihr auch das Bundesverdienstkreuz verleihen. Das dürfte den Christdemokraten wehtun, weil ihnen die Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger noch immer auf der Backe brennt.

So aber könnte er den Linken helfen zu begreifen, dass sie sich nicht im antifaschistischen Becken die Hände in Unschuld waschen und das Unrecht der DDR von sich weisen dürfen, ja dass Antifaschismus sich überlebt, so er einseitig und zuweilen undemokratisch begründet wird.

Aufklären, Erinnern, Genugtuung leisten, gehören zur politischen Verantwortung, ob wir über Diktaturen von gestern oder Morde von heute reden. Sie verlangt unverändert Engagement und Zivilcourage, sich gegen Gewalt und Militanz zu wehren.

Hasstiraden, Morde, auch wenn sie das gesellschaftliche Klima vergiften, sind jedoch zuallererst kriminell und nicht politisch. Und sie nähren sich aus Angst und Wut, aus Ressentiment und Intoleranz, welche nicht nur am Rande, sondern inmitten der Gesellschaft entstehen.

Joachim Gauck warnt vor Gleichgültigkeit, ja vor Verdruss über Demokratie und Rechtsstaat. Es ist falsch, ihn dafür als naiv zu kritisieren. Muss sich doch jeder Bürger selbst davor schützen, in diffusem Volkszorn sein Gesicht zu verlieren und zum Spielball von Populisten oder Antidemokraten zu werden.

So gibt der neue Bundespräsident mit "Freiheit und Verantwortung" sehr aktuelle Schlüsselworte für zwei strittige Themen vor: das Pro und Contra repräsentativer Demokratie wie basisdemokratischer Volksentscheide zum einen, Spielregeln und Kultur auf dem Marktplatz Internet zum anderen.

Uns allen wünsche ich anregende und ernste Debatten mit unserem "Ersten Bürger". Unterstützen wir Joachim Gauck als "lebendige Bürgergesellschaft" dabei. Und möge er sich seine innere Freiheit erhalten - und natürlich den Kontakt zum Publikum, den er auf seinen Lesereisen aufgebaut hat.

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