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Tonart | Beitrag vom 27.03.2019

Newcomerin der Woche: KáryynKlanglandschaften einer unbekannten Künstlerin

Von Somar Ashkar

Cover der Káryyn-Veröffentlichung: "Quanta Series" (Mute Germany / Derek Hutchison)
"Ich denke nicht, dass irgendjemand meine Gefühle verstehen kann", sagt Musikerin Káryyn. (Mute Germany / Derek Hutchison)

Die US-amerikanische Komponistin Káryyn erforscht mit ihrer außergewöhnlichen Stimme Klangwelten der elektronischen Musik und immer auch sich selbst. Ihre Identität aber gibt sie nicht preis, über die Person "Káryyn" erfährt man nichts.

Eine Sammlung von Gefühlsäußerungen voller Energie und klanglicher Überraschungen. Káryyns Debutalbum zieht den Zuhörer fast magisch in den Bann. Musik, die eigentlich nur geschrieben wurde, um Gefühle des Verlustes zu erforschen. Man könnte meinen die US-amerikanische Musikerin mit syrisch-armenischen Wurzeln sei auf der ganzen Welt zuhause. Aber das stimmt nicht ganz. "Mein Gefühl, wo ich hingehöre, ist eng mit meiner Familie und meiner Sprache verbunden. Es geht um Erinnerung und Herkunft. Ich sehe ein Aleppo, das es nicht mehr gibt, und das war Heimat. Los Angeles ist Zuhause", sagt Káryyn.

Aleppo – die älteste Stadt der Welt

Aleppo oder Haleb auf Arabisch - die älteste Stadt der Welt. Ein Ort, wo schon immer unterschiedliche Religionen und Volksgruppen zusammenlebten. Diese Stadt wurde vor hundert Jahren zum Zufluchtsort von Káryyns Vorfahren. Für Káryyn war Aleppo zweite Heimat. Dieser Stadt widmet sie ihren ersten Song überhaupt, ein verzweifeltes Lamento um den Verlust von Familie, Gemeinschaft und Heimat: 

"Ich denke nicht, dass irgendjemand meine Gefühle und die meiner Familie verstehen kann. Nur jemand, der das auch durchgemacht hat, die Tragweite, den persönlichen Verlust, den Verlust der Gemeinde. Aber wenn es um diejenigen geht, die meine Musik hören können sie durch ihre Brille verstehen. Es ist wichtig, dass sie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen einen Zugang zu meiner Musik finden."

Sensibilität und Abstraktion sind für Káryyn keine Gegensätze. Káryyn war Schülerin der 2016 gestorbenen Komponistin Pauline Oliveros, die zur Avantgarde der experimentellen und elektronischen Kunstmusik in den USA gehörte: "Elektronische Musik regt meine Sinne an. Mehr als Gitarre oder Klavier. Der Gedanke, etwas bearbeiten und in etwas anders verwandeln zu können, war spannend.

Das ist der Kern für mich als Künstlerin. Ich möchte sehen, wie sich etwas verändert. Ich möchte die Reise von einem Ort zum anderen sehen. Deshalb ist elektronische Musik so aufregend für mich. Aber es geht nicht nur um elektronische Musik. Ich nutze meine Stimme und bearbeite sie und verwandele sie in viele Geräusche. Meine Stimme verwandelt sich in etwas anderes. Es geht um Potential. Das interessiert mich."

Wortfetzen verwoben mit digital erzeugten Tönen

Káryyns Stücke sind wogende Klanglandschaften und Strukturen, die sie aus Samples ihrer eigenen Stimme und aus wechselnden Beats übereinanderschichtet: Schichten aus menschlichen Gesangs- und Wortfetzen verwoben mit digital erzeugten Tönen. Das Gewebe wirkt fast übernatürlich, wie aus einer anderen Zeit oder von einem anderen Ort stammend.

Klangliche Hologramme geschaffen von einer experimentierfreudigen Baumeisterin, die musikalische Grenzen gekonnt überschreitet: "Mit meiner Musik bin ich ziemlich abenteuerlustig. Ich nehme mir viel Freiheit, um spannende Strukturen und Töne und Sounddesigns auszuprobieren. Ich bin aber auch sehr visuell. Ich denke an Architektur, wenn ich komponiere, produziere und schreibe, wie die Dinge aufeinander stehen, im Gleichgewicht sind oder hängen."

"Ich bin wie ein Schwamm. Ich höre alles, klassische Musik, ganz alte Blues, ich liebe einfach Töne. Es geht gar nicht um "westlich oder östlich. Es geht für mich um Töne und Schwingungen." Die Erfahrung als Grenzgängerin schon während ihrer Kindheit– als armenisch-syrisches Mädchen in Indiana und als amerikanisches Mädchen in Aleppo – prädestiniert sie dazu künstlerisch Brücken zu bauen, wie sie sagt: "Ich habe mich immer in dieser Art von Gegensätzen wohlgefühlt. Irgendwo zwischen drin, wo ich die Brücke bin zwischen unterschiedlichen Kulturen."

Káryyn: "Quanta Series"
Label: Mute, Veröffentlichung am 29. März 2019
Ab Mitte April ist KÁRYYN in München, Hamburg und Berlin live zu hören.

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