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Fazit | Beitrag vom 26.09.2020

New Yorker Ausstellung Kunst als Rettungsanker im US-Strafvollzug

Von Andreas Robertz

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Eine Collage aus verschiedenen Gesichtspartien (Collection Ellen Driscoll)
Die Ausstellung im MoMA-Ableger PS1 zeigt unter anderem diese Collage von Tameca Cole: "Locked in a Dark Calm" (Eingesperrt in dunkler Stille). (Collection Ellen Driscoll)

Das New Yorker MoMA zeigt eine Gruppenausstellung, die sich mit Kunst im Zeitalter des US-Strafvollzugs auseinandersetzt. Sie zeigt beeindruckende Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus den Haftanstalten, die Gefahr laufen, vergessen zu werden.

Für Gastkuratorin Nicole Fleetwood ist Selbstbehauptung der eigenen Identität eines der großen Themen der Ausstellung "Marking Time: Art in the Age of Mass Incarceration" im Ableger PS1 des New Yorker Museum für moderne Kunst (MoMA). Seit sie in ihrer Jugend regelmäßig Familienangehörige im Gefängnis besucht hat und dort Werke von inhaftierten Künstlerinnen und Künstlern an den Wänden des Besucherzimmers sah, beschäftigt sie das Thema "Kunst und der Gefängnisstaat", wie sie den US-amerikanischen Strafvollzug nennt.

"Viele, mit denen ich gesprochen habe, haben mich darum gebeten, ihre Namen zu benutzen oder von Menschen zu reden, die im Gefängnis sitzen", sagt Fleetwood. "Denn Wärter und Verwaltung benutzen gerne Labels wie Insassen, Straffällige oder Verurteilte, um sie zu erniedrigen und ihnen ihre Identität zu nehmen." 

Collagen, Miniaturporträts und ein Musikvideo

Nach jahrelanger Planung kam diese Gruppenausstellung mit 36 Künstlern zusammen. Fleetwood sagt: "Die Ausstellung präsentiert eine gute Auswahl von Arbeiten von Künstlern, die unterschiedliche Beziehungen zum Gefängnisstaat haben, von relativ kurz bis lebenslang."

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Das PS1 zeigt Collagen mit Zeitungsausschnitten und Farben auf Bettlaken, Miniaturporträts auf Gefängnisseife, Strichzeichnungen auf Toilettenpapier, wild zusammengeschweißtes Gefängnismobiliar und eine Gedenkwand mit Tabletts aus der Gefängniskantine, jedes mit dem Namen eines politischen Gefangenen.

Ein Musikvideo der Rapperin Isis Tha Saviour, erzählt davon, wie sie im Gefängnis mit Handschellen an ein Bett gefesselt, ihr Kind gebären musste. Viele Arbeiten sind geprägt vom eingeschränkten Zugang zu Materialien, dem Überleben in Isolationshaft und dem Kampf gegen den eintönigen Alltag. 
 
"Wir haben gehofft, eines Tages eine Ausstellung in einem wichtigen Museum in New York zu haben", sagt der Künstler Jared Owens. Er hatte Glück. In seinem Gefängnis gab es ein Kunstprogramm. Seine Bilder und Installationen verbinden die Geschichte der Sklaverei mit der Erfahrung vieler Afroamerikaner heute, die jahrelang mit unverhältnismäßig hohen Haftstrafen eingesperrt werden.

Ein Leben im Gefängnis 

In den 18 Jahren seiner Haft studierte Owens Kunst und Kunstgeschichte, gründete Künstlerkollektive und half Dutzenden von Künstlern, ihre Arbeiten aus dem Gefängnis zu schmuggeln: "Kunst zu machen, war mein Rettungsanker. Auf diese Weise konnte ich mich und andere von Problemen fernhalten. Jeden Tag habe ich mich darauf gefreut. Sobald ich aufgewacht bin, ging ich los und machte Kunst."

In einem der Ausstellungsräume hängen zwei riesige überproportionale Porträts des Malers Russell Graig. Sie sind mit Rinderblut auf auseinander geschnittenen Ledermappen mit Reißverschlüssen gemalt. Blut und Leder als Assoziationen einer Jahrhunderte alten Geschichte der Unterdrückung.

Graig hat seine Kunst von seinem Zellengenossen, dem Maler und Grafiker James Hough, gelernt. Ihre Arbeiten sind im selben Raum ausgestellt – als würde der Dialog der beiden Männer hier fortgesetzt, erklärt Kuratorin Fleetwood: "James hatte ein unglaublich grausames Urteil bekommen, das so nur an wenigen Orten auf diesem Planeten existiert: lebenslang, ohne Aussicht auf Bewährung, obwohl er erst 17 Jahre alt war. Das bedeutete, er würde sein gesamtes Leben im Gefängnis verbringen und dort auch sterben."

Einblick in Häftlingsbiografien

Von Hough sind mehr als 120 kleine Strichzeichnungen auf Notizbuchblättern zu sehen. In einem sehr formalistisch-comicartigen Stil gezeichnet, handeln sie von einer schockierenden Welt von Strafen, Folter, sexuellen Übergriffen und systematischer Erniedrigung. 

Mit "Marking Time" ist den Machern eine sehr persönliche Ausstellung gelungen. Ausführliche Wandtexte geben zusätzlich Einblick in die Biografien von Menschen, die in einem brutalen Justizsystem darum kämpfen, nicht vergessen zu werden. Das ist auch für den Künstler Jared Owens das Wichtigste: "Mir ist wichtig, dass Leute verstehen, dass Menschen, die weggesperrt wurden, trotzdem etwas für die Menschheit tun können. Wir sind ja immer noch hier. Wir warten nicht darauf rauszukommen, um einen Job bei McDonalds zu bekommen. Wir sind Künstler. Wir können der Schönheit der Welt etwas hinzufügen."

Auch das Dresdner Hygienemuseum widmet sich dem Leben in Haftanstalten. Die Sonderausstellung "Im Gefängnis – Vom Entzug der Freiheit" zeigt, wie sich Menschen hinter Gittern einrichten, zwischen Gewalt und Kreativität. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Musée des Confluences Lyon und dem Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum Genf. Es gehe bewusst darum, den "Blick von Innen nach Außen" zu zeigen, sagt die Kuratorin Isabel Dzierson im Interview - das Gespräch mit ihr hören Sie hier: 

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