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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.02.2014

New-York-RomanAls Geschichte in den Wahnsinn purzelte

Jonathan Lethem: "Der Garten der Dissidenten"

Von Hans von Trotha

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Ein Occupy-Demonstrant bei einer Demonstration in New York (picture alliance / dpa)
Ein Occupy-Demonstrant bei einer Demonstration in New York (picture alliance / dpa)

Jonathan Lethem erzählt in seinem achten Roman eine Familiengeschichte über drei Generationen im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Selbstbehauptung und Sex - und erschafft so einen Spiegel des 20. Jahrhunderts.

Jonathan Lethem wird von vielen für seine flirrenden New-York-Porträts geschätzt. In seinem achten Roman spiegelt sich die Stadt in einer Familiensaga, die über drei Generationen und ein Jahrhundert hinweg erzählt wird – ein Porträt des 20. Jahrhunderts, beginnend in Sunnyside Gardens, einer Siedlung idealistischer Kommunisten in Queens, endend mit den Ad-Hoc-Aktivitäten von Occupy. Dazwischen viel Hoffnung, Enttäuschung und Sex.

Dabei entlässt Letham seine Figuren nie aus einer gewissen Enge, so sehr jede Generation den Aufstand probt. Zur "Klaustrophobie der Mutterliebe" gesellt sich die Isolation von Immigranten, Dissidenten, Kommunisten, von politischen, ethnischen, sexuellen, religiösen Minderheiten.Sie bilden soziologische Gated Communities, für die Sunnyside Gardens als Metapher stehen mag.

So energisch sie ausgeschlossen werden, so leidenschaftlich grenzen sie sich ab. Gleich der erste Satz wirft uns mitten hinein: "Fick keine schwarzen Cops mehr, oder du fliegst aus der Kommunistischen Partei."

"Scheiß auf die Amnesie der Kommunisten"

Lethem liebt es, seine Leser mitten hinein zu werfen – in die Welt der kiffenden Hippies, der vögelnden Jugendlichen, der streitenden Kommunisten, der zynischen Juden, der scheinheiligen Quäker. Der Fixstern in diesem prallen Universum ist die jüdische Clan-Mutter Rose. Überzeugte Kommunistin, heiratet sie erst einen Deutschen, dann einen schwarzen Polizisten, der Sohn wird schwul: Roses sich verzweigende Familie erlebt alle denkbaren Formen der Aus- und Abgrenzung. Ihr letzter Liebhaber erklärt schlicht: "Ganz einfach, Rose. Juden und Christen passen so gut zusammen wie Bimbos und Schlitzaugen."

Doch auch Rose ist nicht zimperlich. Aus Wut steckt sie den Kopf ihrer pubertierenden Tochter in einen Gasherd – ein Ereignis, das als Trauma fortlebt. "Rose", heißt es, "wusste zu viel, war zu mitschuldig am 20. Jahrhundert, um nur sein Opfer zu sein. Obwohl sie auch das war."

Den nachfolgenden Generationen gelingt es nur bedingt, sich zu emanzipieren in einer Welt, deren stetige Veränderung Lethem eindringlich einfängt: "Scheiß auf die Amnesie der Kommunisten, die praktischerweise vergessen hatten, dass sie mal Kommunisten gewesen waren, Immigranten, die vergessen hatten, dass sie Immigranten waren", steigert sich eine wütende Suada bis zum defätistischen: "Scheiß auf alles, bis nur noch der Sex übrigbleibt".

Ein Spiegel des 20. Jahrhunderts

Lethem zeichnet Biografien im Dutzend in lebendigen Schilderungen und eindringlichen Szenen. Mit der Stadt spielt sich die Geschichte immer wieder in den Vordergrund, die eigentliche Akteurin dieses Romans: "Erneut strafte Rose das 20. Jahrhundert mit Schweigen. Aber das kündigte, bevor sie es feuern konnte. Ronald Reagan war Präsident, und die Geschichte war in den Wahnsinn gepurzelt."

Eine generationenübergreifende Familiengeschichte im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Selbstbehauptung und Sex, dabei ein Spiegel des 20. Jahrhunderts sowie der sich zerstäubenden Idee des Kommunismus im Lauf der Jahrzehnte – ein ehrgeiziges Projekt, an dem sich Lethem dennoch nicht verhebt.

Jonathan Lethem: "Der Garten der Dissidenten"
Übersetzt von Ulrich Blumenbach
Tropen Verlag Stuttgart 2014
480 Seiten, 24,95 Euro
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