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Rang I | Beitrag vom 19.06.2021

Neusser Theaterfestival Shakespeare im Garten

Von Stefan Keim

Szene aus der Coriolanus-Inszenierung auf dem Shakespeare-Festival in Neuss. (Marianne Menke)
"Coriolanus" beim Neusser Shakespear-Festival: Eine Metapher für die Machtanmaßungen kleiner und großer Diktatoren. (Marianne Menke)

Im Juni und Juli ist in Neuss traditionell Shakespeare-Zeit, normalerweise in einem nachgebauten Globe-Theater. In diesem Jahr steigt es nach coronabedingter Pause in 2020 wieder – draußen, im Grünen, als "Shakespeare Garden".

Caroll Vanwelden, die belgische Sängerin und Pianistin gehört, zu den Dauergästen des Shakespeare-Festivals in Neuss. Die Sonette des Meisters zu vertonen, gehört seit vielen Jahren zu ihren Leidenschaften.

Wenn sie nun ab Montag nicht im nachgebauten Globe-Theater konzertiert, sondern auf der Open-Air-Bühne direkt davor, wird eine besondere Atmosphäre entstehen. Auch wenn die Zuschauer auf Abstand unter den Pappeln sitzen müssen, können sie immerhin draußen den Mundschutz abnehmen.

Open Air in Neuss

Auch als "Shakespeare Garden" zieht das Neusser Festival wieder eine Menge Fans an. Es gibt zwar noch Karten, aber nur, weil kurzfristig mehr Publikum eingelassen werden darf. Das Programm ist diesmal weniger international als sonst, weil es noch viele Reisebeschränkungen gibt.

Immerhin sind zwei türkische Schauspielerinnen rechtzeitig angekommen und in Quarantäne gegangen. Sie spielen mit der Bremer Shakespeare Company eine zweisprachige Fassung der selten aufgeführten Tragödie "Coriolanus".

"Wir berichten live vom Vorplatz des Kapitols in Rom, eine Metropole im Ausnahmezustand. Caius Martius hat sich dem Volk gegenüber wie ein Schwein verhalten", heißt es dann auf Türkisch.

Die römische Gesellschaft ist gespalten. Der arrogante Kriegsherr Coriolanus will sich zum Konsul wählen lassen, verachtet aber das Volk. In der Inszenierung von Dogu Yasar Akal darf das Publikum in der Pause mitwählen. Dann wendet sich Coriolanus gegen Rom und verfolgt eigene Interessen.

Anspielungen auf Erdogan und andere Machthaber sind deutlich spürbar, werden aber nicht offen ausgesprochen. Fast wie zu Shakespeares Zeiten, als Kritik an den Mächtigen nur verdeckt möglich war.

"Macbeth" in weiblicher Besetzung

Gastspiele aus England sind gerade auch nicht möglich, deshalb zeigen die HandleBards aus London ihren "Macbeth" als Stream. Das Stück ist ausschließlich mit Frauen besetzt.

Die HandleBards sind eine besondere Truppe. Sie fahren mit dem Rad durch England, von Aufführung zu Aufführung. Die Schauspielerinnen sehen ihren weiblichen Macbeth nicht in erster Linie als feministisches Statement. Es geht ihnen um die Unterhaltung, um die komödiantischen Möglichkeiten des Geschlechtertauschens. Und ums spielerische Ausstellen von Männerklischees.

Doch in einer anderen Debatte sind die HandleBards ganz vorn, beim Klassismus. In der Darstellung des Macbeth zielen sie nicht auf heutige Diktatoren, sondern auf einen Mann aus der Arbeiterklasse. "Macbeth" als Geschichte eines Aufsteigers, dessen Ehrgeiz ihn und viele andere ins Verderben führt.

Das könnte eine der interessantesten Aufführungen des Festivals werden. Aber erst einmal müssen die HandleBards weiter nach Norfolk radeln.

Neue Impulse für das Festival 

Das Programm dieses Jahres wurde noch von der alten Leitung gestaltet, dem Festivalgründer Rainer Wiertz. Nun hat Astrid Schenka übernommen, die zuvor unter anderem beim Kunstfest in Weimar und den Berliner Festspielen gearbeitet hat.

Sie will dem etablierten Festival einige neue Impulse geben und das Publikum vergrößern. "Wie kriegt man es hin?", fragt sie rhetorisch. "Man geht mehr in die Stadt, in den Stadtraum. Man macht vielleicht partizipative Projekte. Man versucht, ein jüngeres und diverseres Publikum zu begeistern und da mehr in den Austausch zu geraten."

Welche neuen Wege zu Shakespeare Astrid Schenka finden wird, können wir im nächsten Sommer sehen. In den kommenden Wochen bleibt die Aussicht auf hoffentlich gewitterfreie Aufführungen im Angesicht des Globe im Shakespeare Garden.

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