Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Dienstag, 12.11.2019
 
Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.03.2016

Neuseeland stimmt über neue Flagge abWeg mit dem Union Jack?

Von Andreas Stummer

Podcast abonnieren
Ein Plakat in Wellington wirbt für das Referendum über die neuseeländische Nationalflagge. (afp / Marty Melville )
Ein Plakat in Wellington wirbt für das Referendum über die neuseeländische Nationalflagge. (afp / Marty Melville )

Für Neuseelands Premier John Key ist es schon fast Gewohnheit. Ob bei den Vereinten Nationen, bei internationalen Meetings, selbst bei Staatsbesuchen: Während er mit der Presse spricht oder mit Präsidenten Hände schüttelt, dann steht im Hintergrund nicht die Fahne Neuseelands, sondern die Australiens.

Es dauert nicht allzu lange, um dem neuseeländischen Parlament auf’s Dach zu steigen. Vom obersten Stockwerk des sogenannten "Bienenstocks", einem klobigen, kreisrunden Bau mit unverwechselbarer, verwitterter Kupferfassade führt eine Treppe zu einer schweren Sicherheitstür und dann nach draußen. Auf dem kiesbedeckten Flachdach, in 70 Metern Höhe, bekommt man zu spüren warum die Hauptstadt Neuseelands "Windy Wellington" genannt wird.

Die steife Brise, die unablässig vom Hafen her über die Stadt bläst ist so stark, daß die riesige Neuseeland-Flagge auf dem Dach des "Bienenstocks" meist waagrecht flattert. Aber geht es nach Premierminister John Key dann soll für die neuseeländische Nationalfahne bald ein anderer Wind wehen: 

"Für mich sollte unsere Flagge ein modernes Neuseeland repräsentieren. Sie sollte unverwechselbar zeigen wer wir sind und wie einmalig unser Land ist. Aber unsere Flagge tut das nicht. Das möchte ich ändern. Wir brauchen eine neue Landesfahne mit unseren Symbolen – auch die fehlen auf unserer aktuellen Flagge. Aber ich halte das für einen gesunden Patriotismus und eine nationale Identität sehr wichtig."

Seit jetzt acht Jahren regiert John Key an der Spitze der konservativen Nationalpartei gut vier Millionen Neuseeländer. Aufgeräumter Kauriholz-Schreibtisch, eine moosgrüne, tiefe Ledercouch und ein gerahmtes Photo mit US-Präsident Obama im Buchregal: Keys Büro liegt in der neunten und obersten Etage des Bienenstocks. "Kein Wunder, daß er über den Dingen steht", sagen seine Anhänger, "Kein Wunder, daß er auf Neuseeland herabschaut", mäkeln John Keys Kritiker. Denn das das Volk, per Referendum, über eine neue Nationalfahne abstimmen zu lassen, war alleine seine Idee.

"Wir sind ein modernes, junges, multikulturelles und offenes Land. Immer mehr Neu-seeländer möchten das auch zeigen. Veränderung ist immer schwierig, aber ich bin sicher, daß wir in Jahren auf diese Volksabstimmung zurückblicken und sagen werden: Es war die richtige Entscheidung sie abzuhalten."

Selbst bei Staatsbesuchen steht der Premier oft vor der falschen Flagge

Der britische Union Jack oben links in der Ecke und rechts – vor dunkelblauem Hintergrund – die rot eingefassten Sterne des Kreuz des Südens: Neuseelands Nationalfahne sieht der Australiens zum Verwechseln ähnlich. So ähnlich, daß Premier Key schon oft bei Pressekonferenzen oder Gipfeltreffen im Ausland vor die falsche gestellt wurde. Oder gleich vor den Union Jack. In einem aber ist sich die Besuchergalerie im Parlament einig: Neuseeland ist viel mehr als nur Großbritannien bei Nacht.

"Unsere aktuelle Fahne steht nicht für Neuseeland, es ist eine Billigflagge, die von den Briten zu Zeiten der Maori-Kriege hastig zusammengeschustert wurde". - "Es wird höchste Zeit, daß uns eine neue Fahne im 21. Jahrhundert repräsentiert. Und darauf hat der britische Union Jack nichts mehr zu suchen."

Neuseeland ist gespalten: Die eine Hälfte der Kiwis liegt sich über nationales Selbstverständnis, die Angst vor Neuem oder dem Mut zum Wechsel in den Haaren, die andere Hälfte aber ist nicht im Geringsten interessiert.

Auch Linda Anderson, die im Cafe des Bienenstocks arbeitet, hält das Gerede um eine neue Fahne für einen alten Hut: "Wir haben grundlegende, wirtschaftliche Probleme, die mehr Aufmerksamkeit verdienten wie Arbeitsplätze, Wachstum oder wie wir für unsere Zukunft vorsorgen können. Aber nein – wir debattieren über unsere Nationalflagge. Wenn es keinen dringenden Grund für einen Wechsel gibt dann haben wir weiß Gott jede Menge andere Themen, um die wir uns kümmern sollten."

Fragestunde im Parlament, James Shaw von den neuseeländischen Grünen hat das Wort. Er ist auch nicht gerade ein Fahnenträger für eine neue Flagge. Shaw hält das Referendum für nichts weiter als ein zynisches Ablenkungsmanöver. "Premier Key möchte eine vierte Amtszeit", sagt Shaw. Und während öffentlich und lauthals "alte Fahne/neue Fahne" diskutiert werde würde heimlich, still und leise hinter den Kulissen politisch Umbequemes wie das umstrittene Transatlantische Freihandelsabkommen kritiklos durchgewunken: "Was ändern wir denn wenn wir die Flagge ändern? Unser Staatsoberhaupt, die Queen, ist immer noch eine Ausländerin die in dieses Amt hineingeboren wird. Premier Key möchte progressiv und staatsmännisch wirken, aber das alles ist nur Fassade. Ihm geht es nur um Äußerlichkeiten und sein politisches Vermächtnis."

Der Entwurf eines stillen Patrioten

Das Referendum ist zweigeteilt: Erst gab es eine Abstimmung über das Design der neuen Fahne. Mehr als 10.000 Vorschläge wurden eingereicht – von Maori-Symbolen, über kopfstehende Schafe bis zu einem Kiwi, der grüne Laserstrahlen aus seinen Augen abschießt. Der Gewinner war eine schwarz-blaue Fahne mit einem diagonalen Silberfarn in der Mitte und dem gewohnten Kreuz des Südens. Diese Flagge tritt jetzt, im zweiten Teil des Referendums, gegen die aktuelle Fahne an.

Entworfen hat die neue Flagge der 38jährige Bau-Designer Kyle Lockwood. Ein stiller Patriot für den das vordergründige Aussehen der Flagge genauso wichtig ist wie die Bedeutung, die dahinter steckt: "Der blättrige Silberfarn steht für die verschiedensten Kulturen, die in Neuseeland zusammenleben, die Farbe schwarz feiert unsere Errungenschaften und blau steht für das Meer und den Himmel, die uns umgeben. Das Kreuz des Südens ist eine Verbeugung vor der alten Flagge. Ich war eine Zeitlang in der Armee. Aber schon damals war ich stolzer auf den Silberfarn, den wir auf unseren Barretten trugen, als auf die Flagge über unserer Kaserne."

Eigentlich sollte die Fahne antreten, die jeder Neuseeländer kennt und liebt. Ein einsamer Silberfarn auf schwarzem Hintergrund: das Symbol der All Blacks, dem mehrfachen Rugby-Weltmeister – Neuseelands Ausnahme-Sportteam. Doch dann kam die Weltpolitik in die Quere. Wenn die pechschwarze Fahne mit dem weißen Farn in leichtem Wind flattert ähnelt sie der Propaganda-Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat. Damit war der Favorit vom Tisch. Seitdem wird Kyle Lockwoods Silberfarn-Flagge von ganz Neuseeland auf die Goldwaage gelegt.

"Ich mag die neue Fahne, sie zeigt mein Neuseeland", sagt eine Frau in Wellington, "Aber: "Diese Fahne ist wie ein Küchenhandtuch", schimpft eine andere, "das Design ist nicht annähernd gut genug, um unser Land zu vertreten." Frustriert meint ein Passant nur: "Ich finde wir brauchen eine neue Flagge aber es ist schon verrückt wie sehr dieses Referendum politisiert wurde."

Eine recht teure Umstellung

Libyen, Malawi, Myanmar oder Georgien: Einige Länder haben erst vor kurzem ihre Flaggen geändert, die Kanadier – mit Erfolg - schon 1965. Was für sie das Ahornblatt ist soll der Silberfarn für Neuseeland werden.

Autor David Slack aber fragt sich: Warum? Es gab keinen Putsch in Neuseeland, keine Revolution und auch kein historisch bedeutendes Jubiläum. Der einzige Grund für das Referendum, glaubt Slack, sei der Ego-Trip eines Premierministers: "Es hätte mehr Sinn gemacht zu warten bis wir überlegen ob Neuseeland eine Republik werden soll. Dann hätten wir eine ehrliche Bestandsaufnahme machen und über einen Neuanfang reden können – auch über ein besseres Flaggen-Design. Wenn Neuseelands große Unternehmen, Sportverbände oder Regierungsabteilungen ein anständiges Logo wollen, dann lassen sie es nicht von der Bevölkerung entwerfen." 

Die alten Flaggen müssten im In- und Ausland ausgetauscht, Wirtschafts- und Regierungslogos geändert werden, dazu Sport-, Militäruniformen usw.  Das Umstellen auf eine neue Landesfahne würde Neuseeland 75 Millionen Euro kosten.

Historiker Warren Smith aber fürchtet einen Ausverkauf der  Vergangenheit: "Die Flagge ist unsere Geschichte, auch die zweier Weltkriege. Für viele hat das große Bedeutung, sie wollen keine Änderung. Und von wegen: Die Fahne sollte ein modernes, sich veränderndes Neuseeland repräsentieren. In den nächsten 50 Jahren wird sich Neuseeland weiter verändern, sollen wir unsere Fahne dann wieder ändern?”

Ein Kriegstanz zu Ehren früherer Krieger. Wiedersehensfeier für die Veteranen vergangener Militärkampagnen Neuseelands in Wellington. Robert Gillies und Hinga Smith, beide über 90, tragen stolz ihre Orden an der Brust. 1944 kämpften beide im 28. Regiment gegen die deutschen Besatzer in Italien. In Maori-Sprache erinnern Robert und Hinga daran, daß sie bei Monte Cassino mehr als die Hälfte ihrer Kameraden verloren. Sie hätten nicht eine so blutige Schlacht des Zweiten Weltkrieges überlebt, um unter einer anderen neuseeländischen Flagge zu sterben:

"Das wäre eine Sünde. Wenn unsere Kameraden noch lebten würden sie nie und nimmer für eine neue Fahne stimmen”. – "Unter dieser Flagge sind wir in den Krieg gezogen und deshalb wollen wir sie behalten."

Vietnam-Veteran Chris Mullane hat größten Respekt für jeden Kiwi, der in bewaffneten Konflikten gedient hat. Aber für die, die sie abkommandierten und für Neuseelands Alliierte hat er nur Verachtung übrig. "Wir waren doch nur Kanonenfutter", glaubt Mullane. Das kleine Neuseeland hätte in großen Kriegen nie für seine eigenen sondern nur die Interessen anderer gekämpft:

"In beiden Weltkriegen wurden die Särge unserer gefallenen Soldaten, auf Befehl unserer eigenen Regierung, in den britischen Union Jack gewickelt – nicht in die neuseeländische Fahne. Was soll also das Gerede über die stolze Tradition der Neuseeland-Flagge ? Wir haben sie damals einfach ignoriert."

Mehr als 18.000 neuseeländische Soldaten liegen in Kriegsfriedhöfen im Ausland - in Europa, Asien und in Afrika.

Maggie Barry hat als Ministerin für Kulturerbe viele besucht. Alle der schlichten Grabsteine sehen gleich aus. Aber nicht auf einem einzigen ist die neuseeländische Landesfahne:

"Unser unverwechselbares Symbol ist der Silberfarn, er ist auf all unseren Gedenkstätten. Der Farn vereint unsere Vergangenheit mit dem Heute und unserer gemeinsamen Zukunft. Ich habe nichts gegen den Union Jack, er ist Teil unserer Kolonialzeit, aber für mich ist der Silberfarn das Zeichen Neuseelands und deshalb sollte er auch auf unserer Nationalflagge sein."

Über zwei Millionen Neuseeländer dürfen im Referendum abstimmen. Um ihnen die Wahl zu erleichtern wurden an 200 Orten, überall im Land, beide Fahnen nebeneinander probegehißt: Vor Rathäusern, auf der Auckland Harbour Bridge oder in Nationalparks.

Ein wortloser, nur mit Jubelmusik unterlegter Zweieinhalb-Minuten Videoclip auf Youtube zeigt Neuseeländer mit der alten und der neuen Fahne: Beim Wandern und Segeln, beim Rugby und am Strand. Trotzdem sind sich die Kiwis weiter uneins über eine Fahne, die sie eigentlich vereinen sollte.

Die Maus, die wieder 'mal brüllt

"Ich möchte unsere aktuelle Flagge behalten – allein schon aus Respekt für viele unserer älteren Neuseeländer." –  "Ich mag den Silberfarn auf der neuen Fahne aber auch die Tradition der alten. Ich werde mich erst entscheiden wenn ich mein Kreuz mache, aber ich bin offen für einen Wechsel."

Sam Holt ist Neuseeländerin lebt aber seit 20 Jahren in Sydney. Abstimmen tut sie trotzdem, Ehrensache – für die neue Fahne. Über Facebook hat sie tausende Kiwis im Ausland daran erinnert die alte Heimat nicht zu vergessen und mitzuhelfen ein Kapitel neuseeländische Geschichte mitzuschreiben: "Seit wir wissen wie die neue Fahne aussieht und seit gewählt wird, hat sich die Ein-stellung der Neuseeländer zum Flaggen-Referendum geändert. Die Gleichgültigkeit ist vorbei und die Stimmen für einen Wechsel werden immer lauter. Nach all den Monaten hin und her können wir endlich abstimmen und ich denke, daß mehr Leute wählen werden als vorhergesagt."

Die Maus, die wieder 'mal brüllt. Die Kiwis waren weltweit die ersten, die Frauen das Wahlrecht gaben und sie schlossen als erste einen Gesellschaftsvertrag mit ihren Ureinwohnern. Jetzt können sie als erste bestimmen wie ihre Nationalflagge aussehen soll. Im benachbarten Ausland holt man schon mal das Popcorn.

Kiwi Sam Holt in Sydney glaubt, daß es die Australier kaum erwarten können bis der Queen ein Zacken aus der Krone fällt: "Als das Referendum angekündigt wurde war hier in Australien in den sozialen Netz-werken der Teufel los. "Das ist phantastisch”, "Gut gemacht Kiwis!” Die Australier wissen: Ändert Neuseeland die Fahne dann ist der erste Dominostein gefallen. Heute die Flagge, morgen Republik werden. Ist ein Anfang gemacht dann bekommen auch die Reformer in Australien Aufwind bald nachzuziehen."

Nach drei Wochen Briefwahl wird morgen in Neuseeland mit dem Auszählen begonnen. Glaubt man letzten Umfragen könnte die Volksabstimmung so oder so ausgehen.

Kyle Lockwood, der Designer der Alternativ-Fahne, aber hofft, daß die Mehrheit der wahlberechtigten Kiwis ihre Stacheln zeigen werden. Und vor allem Flagge: 

"Wäre es nicht phantastisch wenn Neuseeland bei den kommenden olympischen Spielen mit unserer neuen, vom Volk gewählten Flagge einmarschieren würde? Aber egal was das Referendum ergeben wird. Es wird wohl eine lange, lange Zeit dauern bevor wir wieder über eine neue Flagge nachdenken werden."

 

Mehr zum Thema

Booker-Prize-Trägerin Eleanor Catton - "In dem Buch steckt viel von mir"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 19.11.2015)

Australien will Republik werden - Die Queen muss weg
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 09.02.2016)

Christchurch fünf Jahre nach dem Beben - Die Katastrophe wird zur Chance
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 22.02.2016)

Weltzeit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur