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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.04.2020

Neurowissenschaftler zu ethischer Herausforderung"Ganz ohne Tierversuche wäre die Forschung extrem gehemmt"

Stefan Treue im Gespräch mit Ute Welty

Weibliche weiße Ratten stehen in einem Becken in einem Tierlabor einer medizinischen Fakultät am der Stadtverwaltung von Chongqing in China. Im Labor, in dem die Temperatur auf 24 Grad Celsius gehalten wird, werden jedes Jahr über 100.000 Ratten und Mäuse in Experimenten für die pharmazeutische Forschung eingesetzt. (Getty Images / China Photos)
Die praktische Erfahrung zeige, dass kaum ein medizinsicher Durchbruch in den letzten 100 Jahren ohne Tierversuche gelungen sei, sagt Stefan Treue. (Getty Images / China Photos)

Die medizinische Forschung wäre ohne Tierversuche "gehemmt", sagt der Neurowissenschaftler und Biologe, Stefan Treue. Das gelte auch bei der Suche nach Impfstoffen. Dennoch dürften Tierversuche nur durchgeführt werden, wenn sie "alternativlos" seien.

Tierschutz spiele in der Wissenschaft heute eine größere Rolle als noch vor 50 Jahren - "und das ist gut", meint Stefan Treue. Der Neurowissenschaftler und Biologe ist Sprecher der Initiative "Tierversuche verstehen" und setzt sich für einen ethisch vertretbaren Umgang mit Tierversuchen ein - zum Beispiel bei der Suche nach Impfstoffen.

"Wenn es Alternativen gibt, dann sind Tierversuche nicht vertretbar", betont Treue. "Das muss in vielen Einzelfällen jeweils entschieden werden." Oft könne die Forschung mit Zellkulturen, Computermodellen oder auch Untersuchungen am Menschen arbeiten, "aber eine Reihe von Fragen könne wir nur über Tierversuche klären", so der Wissenschaftler.

Tierversuche müssen "alternativlos" sein

Tierversuche dürften im Einklang mit den gesetzlichen Grundlagen nur dann durchgeführt werden, "wenn sie alternativlos sind - und von entscheidender Bedeutung" - seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. In der medizinischen und biologischen Forschung gehöre die Abwägung zum Tagesgeschäft, sagt der Wissenschaflter. Leid von Tieren müsse auf ein absolutes Minimum reduziert werden. "Wir müssen nachweisen, dass das, was wir tun unerlässlich ist."

Treue stellt zudem fest, dass die deutsche Öffentlichkeit großes Interesse an Forschung zeige. Sie verstehe, "wie wichtig Forschung ist". Mit populistischen Mythen komme man nicht weiter. "Tierversuche finden ja mit gesellschaftlicher Unterstützung statt", so der Forscher.

Medizinische Erkenntnisse ohne Tierversuche "gehemmt"

"Wir kommen nur durch die Krise mit Wissenschaft", meint der Wissenschaftler. Das erhöhe auch das Verständnis für die angewandten Methoden.

Die praktische Erfahrung zeige, dass kaum eine medizinische Erkenntnis, kaum ein medizinsicher Durchbruch in den letzten 100 Jahren ohne Tierversuche gelungen sei, sagt Treue. "Wenn wir uns komplett gegen Tierversuche entscheiden würden, dann würde die Forschung extrem gehemmt. Wir würden im besten Fall viel länger brauchen und in vielen Fällen gar nicht zu den Erkenntnissen kommen, die wir brauchen."

(huc)

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