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Länderreport | Beitrag vom 28.04.2021

Neunutzung von FriedhofsflächenGemüse, wo einst Gräber standen

Von Wolf-Sören Treusch

Robert Shaw auf einer Bank (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)
Robert Shaw, Gründungsmitglied des Gartenkollektivs. Als Jugendlicher wurde er zum Friedhofsgärtner ausgebildet: "Das finde ich schon lustig." (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Was tun mit nicht mehr benötigten Friedhofsflächen? Im Berliner Bezirk Neukölln wird das gerade getestet: Freiwillige können direkt neben alten Gräbern Gemüse anbauen.

Verwaiste Grabsteine, hohe Bäume und viel Wiese: Das ist der Neue Sankt Jacobi-Friedhof in Berlin-Neukölln. Einige Gräber werden noch regelmäßig besucht, beerdigt wird hier niemand mehr. In spätestens 30 Jahren, wenn Ruhezeit und Pietätsfrist für die Gräber abgelaufen sind, soll der Friedhof stillgelegt sein.

Auf einer riesigen Freifläche am Ende des Friedhofs ist ein Acker angelegt. Daneben wachsen in Hochbeeten erste zarte Pflänzchen. Bewirtschaftet wird das Gelände seit zwei Jahren vom Kollektiv der Prinzessinnengärten, das mit seinem Konzept des Urbanen Gärtnerns im Stadtteil Kreuzberg überregional bekannt wurde. Wer Lust hat, kommt einfach vorbei und hilft mit.

"Die Natur gebiert sich ja selbst"

Wie zum Beispiel Yvette Ihlow-Gaedicke. Sie freut sich, an der frischen Luft und mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Und findet es kein bisschen pietätlos, in Sichtweite zu den Gräbern Erbsen zu pflanzen:

"Das gehört ja mit zum Leben: das Sterben. Und wir machen ja sozusagen neues Leben, die Natur gebiert sich ja selbst. In dem Sinne sehe ich da keinen Widerspruch. Und Totenruhe, klar, für die Gräber, die es noch da gibt, und für das andere kann man sich ja nichts besseres wünschen, als zu gestalten mit Pflanzen."

Ein Ort der Zusammenkunft

Ole Strietzel verbringt sein Freiwilliges Ökologisches Jahr in dem Projekt. Die Idee eines Nachbarschaftsgartens auf Friedhofsgelände findet er total sinnvoll:

"Ein alter Space verschwindet, ein neuer kommt. So würde ich das sehen. Und ich finde, hier entsteht eine super Alternative. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, wo man etwas über Natur lernt, was in der Stadt auch nicht selbstverständlich ist. Ich bin total froh, dass ich das hier entdeckt habe."

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Robert Shaw ist Gründungsmitglied des Kollektivs und mittlerweile Geschäftsführer der gemeinnützigen Nomadisch Grün GmbH, der Trägerin des gemeinschaftlichen Gartenprojekts.

"Ich habe mit 15 eine Ausbildung als Friedhofsgärtner gemacht. Dass ich jetzt über Umwege wieder hier auf dem Friedhof bin, das finde ich schon lustig."

Ein Drittel der Arbeitszeit wird bezahlt

Neben den vielen Freiwilligen arbeiten hier 25 Festangestellte. Wiesen mähen, Büsche schneiden, Gräber pflegen: Siebeneinhalb Hektar ist der Friedhof groß. Das ist jede Menge Arbeit. Dazu macht das Kollektiv Gartenbau für Schulen, Museen und private Firmen. Und betreibt das kleine Café am Eingang zum Friedhofsgelände.

"Wir haben mit dem Friedhofsverband eine Vereinbarung, dass wir ein Drittel unserer Arbeitszeit bezahlt bekommen.", so Shaw. "Und zwei Drittel sind im Grunde genommen unsere Miete. Für die Caféfläche und für die Büros und für die anderen Sachen, die wir angemietet haben, zahlen wir natürlich ganz normal Miete."

Alte Damen, wo einst Junkies waren

Gerade mal sieben Prozent der Fläche nutzen die Prinzessinnengärten für eigene Belange: um Obst und Gemüse anzubauen und – das ist ihnen besonders wichtig – Kindern die Grundlagen von Umwelt- und Naturschutz zu vermitteln. Der Friedhof in Neukölln ist ein wertvolles Biotop.

Bevor das Gartenkollektiv einzog, war der Drogenkonsum auf dem Friedhofsgelände ein großes Problem. Überall dichtes Buschwerk, hinter dem sich die Junkies verstecken konnten. Jetzt trauen sich auch wieder ältere Damen hierher, um die Gräber ihrer Angehörigen herzurichten.

Ein Drittel der Fläche soll grün bleiben

Offen ist, wie lange die Prinzessinnengärten bleiben können. Wird das Gelände bebaut, wenn die Nutzungsrechte der Grabstellen und die zehnjährige Pietätsfrist abgelaufen sind? Pfarrer Klaus-Ekkehard Gahlbeck, Geschäftsführer beim Evangelischen Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte, dem Eigentümer des Friedhofes, findet das Projekt gut:

"Wir wollen, dass bei diesem Teil, bei dem wir gesagt haben, dass ein Drittel des ehemaligen Friedhofs dauerhaft grün werden soll, die Nutzung dauerhaft von Prinzessinnengärten übernommen wird. Die Frage wird sein, wie sich das planungsmäßig verankern lässt. Das ist schwierig."

Denn auch der Bezirk Neukölln hat ein Wort mitzureden. Er ist für Baugenehmigungen und Grünflächenmanagement zuständig. Robert Shaw, Gründungsmitglied der Prinzessinnengärten, ist dennoch optimistisch, dass das Projekt die Politik überzeugt und ein möglicher Bebauungsplan dem Gartenkollektiv Rechtssicherheit gibt:

"In diesem Bebauungsplan wird ja nicht nur geregelt, was man hier bauen könnte, sondern auch: Was kann man auf den restlichen Flächen machen? Wir wollen gerne versuchen, unsere Nutzung als urbanen Garten planungsrechtlich in diesen B-Plan einfließen zu lassen. Da gibt es auch einen Beschluss des Bezirksparlaments dazu, der sagt, dass das passieren soll. Das ist dann eine Planungsebene, auf der sowas für einen Friedhof meines Wissens noch nie passiert ist."

Wie eine Bebauung alter Friedhofsflächen aussehen könnte, wird aktuell rund um Friedhöfe in Berlin Kreuzberg und Weißensee diskutiert [AUDIO]. Die dortige Friedhofsverwaltung will ungenutzten Grund verkaufen.

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