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Studio 9 | Beitrag vom 03.10.2015

Neues Zuhause. Geschichten vom Ankommen"Ich kann mir gut vorstellen zurückzukehren"

Von Volker Finthammer

Der Bratschist Pawel Stawski (Deutschlandradio / Volker Finthammer)
Der Bratschist Pawel Stawski (Deutschlandradio / Volker Finthammer)

Pawel Stawski verließ 1975 Polen - schon Jahre bevor das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Land stark verändert. Eine Rückkehr in seine alte Heimat kann sich der Musiker deshalb durchaus vorstellen.

Es war die bleierne Zeit in Polen, die ihn aus dem Land getrieben hat, sagt Pawel Stawski. Der Aufbruch zu Beginn der Entspannungspolitik und nach dem Kniefall von Willy Brandt in Warschau währte nur kurze Zeit. Selbst als Student, der noch nicht einmal einer konkreten politischen Bewegung angehörte, hatte man immer wieder mit Repressionen und polizeilichen Übergriffen zu rechnen. Stawski hat das mehrfach zu spüren bekommen. Als der junge Musiker dann 1974 bei einem Auslandsaufenthalt in Finnland den deutschen Bratschisten Ulrich Koch kennen lernt, der ihn als junges Talent prompt nach Deutschland einlädt, wächst die Idee der Flucht. Ein Jahr später, bei einem Konzertaufenthalt in Bayreuth ist es dann soweit. Stawski kehrt der Heimat den Rücken und geht zum Studium nach Freiburg, wo er bald danach einen Meisterkurs absolviert.

"Gefährlich war nur über die Grenze zu kommen. Aber ich wurde schon bekannt vorher. Denn mein Lehrer, der wusste, wer ich bin, und auf welchen Niveau ich mich bewege, und das hat mir sofort auch mal die Türen aufgemacht. Also ich wurde gleich aufgenommen, ich hab diesen Meisterkurs auch sozusagen gewonnen. Ich spielte mit einem Freiburger Symphonie-Orchester ein Konzert von Hindemith als Gala Konzert und das ging dann weiter."

Musikalische Karriere in Deutschland

Es waren also in erster Linie die bestehenden Kontakte und die musikalische Karriere, die Stawski nach Deutschland geführt hatten. Aber auch politisch hatte das Land nach Brandts Kniefall in Warschau wieder an Achtung gewonnen. Doch für den jungen Musiker hätte der Weg nach dem Studium auch woanders hinführen können. Dass es 1980 Mannheim und damit dauerhaft Deutschland wurde, hatte zum einem mit einem ganz konkreten Jobangebot zu tun und der Entwicklung in seiner Heimat.

"Das Kriegsrecht in Polen spielt dabei auch eine sehr wichtigen Rolle. Weil nach diesem euphorischen Sommer in Polen, wo eigentlich jeder der emigriert war oder nicht dachte, okay, es geht vorwärts, es ist etwas Unglaubliches passiert. Und dann kam ein Jahr später Kriegsrecht, Panzer, Verhaftungen, vier Jahre Terror. Und diese Situation hat mir eigentlich gezeigt, was ich hier habe. Eine Sicherheit."

Neben dieser Sicherheit ist es dann die Arbeit an der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, das Pawel Stawski in Mannheim sesshaft werden lässt, wo er sich zudem in einem eher unerwarteten Milieu recht schnell zuhause fühlt.

Wie wäre das Leben in Polen verlaufen?

"Ich kam hier in eine offene Gesellschaft, in eine offene Art von Leben, die vielleicht nicht unbedingt Alltag ist in Deutschland. Als ich meine Frau dann kennen gelernt habe in den 90er-Jahren, dann sind wir auch einfach hier geblieben, weil unsere Existenzgrundlagen waren hier."

Ob und wie weit ihn die neue Heimat verändert hat, darüber mag Pawel Stawski kein Urteil wagen, weil er kein Bild, keine Idee davon hat, wie das Leben in Polen verlaufen wäre. Die Gedanken nach Polen zurückzukehren, hat er bis heute nicht verworfen. Doch wenn er von Zuhause spricht, dann meint er Mannheim. Mit der absehbaren Pensionierung stellt sich für ihn trotzdem die Frage neu, wo man den sogenannten Lebensabend verbringen will.

"Ich habe hier nie gearbeitet, um ein Wohnsitz aufzubauen oder ein Haus, wo ich dann mal alt werden kann. Also ich kann mir vorstellen, dass wenn meine Tochter, die jetzt 14 ist, wenn sie schon auf den Beinen steht, dass ich so eine Entscheidung treffen könnte. Ob das wird, weiß ich nicht. Also ich fühle mich hier wohl genug, um hier alt zu werden, aber eigentlich die andere Option ist sehr realistisch."

Pawel Stawski, 61 Jahre, Musiker aus Polen, seit 40 Jahren in Deutschland

Fühlen Sie sich in Deutschland zu Hause?

"Die Gedanken, wieder nach Polen zu gehen, habe ich bis heute nicht verworfen. Aber ich bin hier zuhause."

Wie lange hat es gedauert, anzukommen?

"Es dauerte einige Zeit nach dem Studium. Ich wusste überhaupt nicht, wo ich weiter einmal landen werde. Ich habe spekuliert, vielleicht einmal nach England zu gehen, aber ungefähr fünf Jahre danach, ja, als ich dann nach Mannheim kam, habe ich dem Impetus verloren mal weiterzusuchen. Ich habe für mich gearbeitet und für hier. Das ist ungefähr 1980 gewesen. Das Kriegsrecht in Polen spielt dabei auch eine sehr wichtige Rolle. Diese Situation hat mir gezeigt, was ich hier habe: eine Sicherheit."

Hat die neue Heimat Sie verändert?

"Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß auch nicht, wie ich mich entwickelt hätte, wenn ich nur in Polen geblieben wäre. Als ich nach Mannheim kam, kam ich hier in eine Gruppe - eigentlich linkes Spektrum von Menschen, die etwas freier denken. Ich kam hier in eine offene Gesellschaft, in eine offene Art von Leben, die vielleicht nicht unbedingt Alltag ist in Deutschland. Das hat mir aber sehr gepasst und ich habe festgestellt, solche Leute gibt es hier, ja super."

Was ist Ihr Lieblingsort? Wo ist der?

"Also, hier gibt es einen Ort, der liegt am Neckar. Also, wie sie wissen kommt der Neckar aus Heidelberg, ist dann geteilt irgendwann von Ladenburg ab, es gibt einen Kanal, also der ist auch schiffbar und irgendwann gibt es in Mannheim eine Schleuse und dann in Richtung Heidelberg gibt es ein Kraftwerk . Das ist eine Gegend, wo ich mich sehr gerne aufhalte. Ich weiß nicht, wegen Wasserweg. Die Schiffe, die sich da vorbeibewegen und das Wasser und das Kraftwerk, das ist ein Symbol für mich. Ich weiß nicht was. Ich gehe dorthin und das ist eine ganz winzig kleine Anlage, aber ich gehe sehr gerne dorthin."

Wollen Sie hier alt werden?

"Also, ich habe diese Frage immer von mir weggeschoben. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich zurückgehen werde und das liegt vor allem daran: Ich habe hier nie gearbeitet, um einen Wohnsitz aufzubauen oder ein Haus, wo ich dann mal sein, mal alt werden kann. Also ich kann mir vorstellen, dass wenn meine Tochter, die jetzt 14 ist, wenn sie schon auf den Beinen steht, dass ich so eine Entscheidung treffen könnte. Ob das wird, weiß ich nicht. Also ich fühle mich hier wohl genug, um hier alt zu werden, aber eigentlich die andere Option ist sehr realistisch. Ja, ich finde da ist eine gewisse Balance da, ein ständiger Ausgleich."

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