Neues von der Zusatzstoff-Front

Eine junge Frau kauft Lebensmittel in einem Supermarkt in Düsseldorf. © AP
Von Udo Pollmer · 29.11.2009
Gerade fand in Frankfurt die Food Ingredients Europe statt. Das ist die größte europäische Messe für Zusatzstoffe. Ein wichtiger Treffpunkt für die großen Lebensmittelproduzenten, geht es doch darum, neue Trends in Sachen Geschmack aufzuspüren.
Alle zwei Jahre trifft sich die europäische Lebensmittelindustrie auf der Food Ingredients, der Messe für Zusatzstoffe. Aussteller aus aller Welt bieten Kunstgriffe aus der Trickkiste der Chemie, Physik und Gentechnik für unser aller Essen. Damit die Anbieter dort nicht von Konkurrenten oder gar Journalisten ausspioniert werden, rückt man an den meisten Ständen nur belangloses Infomaterial raus. Als Besucher nennt man dann eben seine Wünsche, reicht seine Visitenkarte rüber und kann dann nur hoffen, dass man die gewünschten Daten zur Spezifikation oder Anwendungstechnik per Mail zugesandt bekommt. Die Fachleute des Anbieters prüfen dann erst mal, mit wem sie es zu tun haben. Dann kriegt er seine Infos – oder auch nicht.

Der vermutlich größte Stand verrät erst gar nicht, was er anzubieten hat. Der Besucher kennt die Firmen und weiß natürlich worum es hinter den Kulissen geht. Ich kann die Geheimniskrämerei manchmal recht gut verstehen. In diesem Falle war es ein großer Molkenverwerter, der aus dem Abfall der Käsereien neuartige Zusätze designed, mit denen man teure Milch ersetzen kann.

Kosteneinsparung ist das erste Zauberwort dieser Messe. Sie verwenden noch echte Eier? Das muss nicht sein. Mit einem geheimnisvollen technischen Gel lassen sich in Bäckereiprodukten und Fertiggerichten die Eier komplett ersetzen. Das ist natürlich viel billiger als das übliche Eipulver von echten Hühnern, die für teures Geld gefüttert werden müssen. Und das Zeug funktioniert in den Maschinenparks der Hersteller auch störungsfreier als richtige Eipampe. Ich ahne auch schon wie die Deklaration unserer Verarbeiter aussehen wird: "Jetzt mit echten Hühnereiern". Denn ein paar Eier bleiben für Werbezwecke vorerst noch in der Rezeptur.

Woraus besteht dieses geheimnisvolle Egg-Replacement? Auf die E-Mail mit dem Datenblatt werd ich wohl noch lange warten. Aber es geht auch ohne. Meistens bestehen sie aus Spezialeiweißen, halt aus den umgearbeiteten Rückständen der Sojaölextraktion, der Molkenverwertung oder dem Weizengluten aus den Stärkefabriken. Oder es handelt sich um Mixturen aus Verdickungsmitteln wie Alginaten in Kombination mit Emulgatoren. Das Kurioseste, was ich kenne, ist ein Ei-Ersatz aus den Abfällen der Orangensaftherstellung. Oh Wunder der Technik. Tierschützer und Ärzte sind begeistert. Keine Tierhaltung und auch kein Cholesterin – und schon wird der Inhalt der Biotonne zum Heilsbringer.

Das zweite große Thema der Messe war das "Clean Label". Wie kriege ich ein sauberes Etikett hin ohne wirklich was zu ändern? Wie kann ich am geschicktesten den Eindruck vortäuschen, der Inhalt meiner Tüten strotze nur so vor Natürlichkeit? Frei von Konservierungsmitteln, von Emulgatoren und künstlichen Farbstoffen! Dank der funktionalen Additive, dieser High-Tech-Mixturen aus den Verarbeitungsrückständen, ist alles wie bisher ewig haltbar, bunt und cremig – und nicht zu vergessen: absolut natürlich. Alle Pülverchen und Pasten gibt’s selbstverständlich auch mit "ohne Gentechnik", mit grünem Bioetikett und wahlweise wasser- oder fettlöslich.

Wer jetzt bei den Eiern nicht mehr weiß, was für die Ernährung des Menschen die vernünftigere Lösung ist, - die rein pflanzlichen Präparate aus den Preßrückständen, so wie von Tierschützern und Ärzten gefordert, denen entweder anderer Leute Tiere oder ihre Theorien am Herzen liegen, - oder vielleicht doch richtige Eier, dem empfehle ich ein einfaches Experiment: Lassen Sie doch mal die Wundertüten mit dem Ei-Ersatz von einer Glucke bebrüten. Nur da, wo drei Wochen später ein kleiner Piepmatz rausschlüpft, ist auch all das drin, was man so zum Leben braucht. Mahlzeit!