Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 21.11.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.08.2018

Neues Stadtviertel für DarmstadtEhemalige Kaserne wird zum hippen Wohnraum

Von Ludger Fittkau

Podcast abonnieren
Kinder sitzen auf der Wiese und blicken auf ihren Kindergarten, einen modernen Bau. (Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt)
So sollen mal die Schule und der Kindergarten in der neu entstehenden Lincoln-Siedlung aussehen. (Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt)

Darmstadt boomt und braucht dringend neuen Wohnraum. Auf ehemaligen Kasernengeländen entstehen neue Stadtteile. Die sollen nicht nur bezahlbaren Wohnraum bieten, sondern auch eine moderne Infrastruktur, mit Kindergärten, Sportanlagen und mehr.

Kräne, Bagger und Bauarbeiter, wohin man blickt – das ist die Lincoln-Siedlung im Darmstädter Süden. Auf einem alten Kasernengelände entsteht gerade in der "Schwarmstadt" Darmstadt ein neues Stadtviertel für mehrere tausend Menschen:

"Eine Schwarmstadt ist eine Stadt, in der vor allem viele junge Leute ihre Zukunft suchen. Und das ist Darmstadt tatsächlich. Durch die Hochschulen, also die Technische Universität, die Hochschule Darmstadt, die Evangelische Hochschule, haben wir mittlerweile 45.000 Studierende bei 160.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Und wir haben aber nicht nur die Hochschulen, sondern nach wie vor viele industrielle Kerne, viele wissens- und forschungsbasierte Unternehmen." Sagt Jochen Partsch, der grüne Oberbürgermeister von Darmstadt.

Der urbane Raum als "Sportplatz"

Überall in der "Schwarmstadt" Darmstadt wird gebaut – wie hier auf dem Lincoln-Gelände. Während der meiste Wohnraum noch errichtet wird, sind am Rande der künftigen Siedlung bereits Radwege und eine schicke neue Kletter- und Kraftsportanlage für Erwachsene in Betrieb genommen worden. Nils Herrmeier, Student an der TU Darmstadt, trainiert hier seit zwei Wochen regelmäßig: "Liegestütze, Klimmzüge – fast alles, was so das Herz der Parkourszene begehrt."

Parkour - das ist eine Trendsportart, die auch in Darmstadt von vielen Studierenden gepflegt wird. Parkourläufer bewegen sich auf selbstgewählten Wegen durch den urbanen Raum. Hindernisse wie Mauern oder Zäune werden oft durch Klettern oder Springen überwunden. Das kann hier trainiert werden:

"Ja, auf jeden Fall. Ich bin jetzt hier seit zwei Wochen. Allein was ich in der Zeit, in der ich jetzt hier bin, gesehen habe, wie viele Jugendliche und junge Leute hier her kommen, hier Sport machen, sich bewegen und hier eben ihre Freizeit verbringen, das ist wunderbar, das ist eine wunderbare Community, die hier auch ist."

Bezahlbarer Wohnraum, Kraftsportanlagen und Kletterfelsen

Genauso hatte sich das Sybille Wegerich gedacht. Die Betriebswirtin ist Vorstand des kommunalen Bauvereins in Darmstadt, der das alte Lincoln-Kasernengelände maßgeblich zum Wohngebiet umbaut. Sybille Wegerich setzt in der "Schwarmstadt" Darmstadt auf kompakte, mehrgeschossige Wohnblocks, die aber genug Zwischenräume für Freizeitgestaltung im Freien lassen – nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene wie die "Parkour-Sportler":

"Mittlerweile hat man festgestellt, dass Darmstadt so intensiv wächst. Sie haben das Thema Schwarmstadt schon genannt. Es sind junge Leute, die möchten ein anderes Lebensgefühl haben. Die haben eine andere Erfahrung von Raum und von Zusammensein. Und ich finde es eigentlich sehr gut, dass man anfängt, kompakter zu bauen und dafür mehr Flächen zu lassen, um sie für die Zukunft zu erhalten oder für die jetzige Nutzung, weil man eben auch nicht nur in der Wohnung lebt, sondern eben auch außerhalb, mittlerweile."

Wie eben der Student Nils Herrmeier: "Hervorragend! Ich wohne hier schon ein bisschen länger und hatte eigentlich immer nach Möglichkeiten gesucht, wie man draußen trainieren kann, gerade bei gutem Wetter im Sommer. Man weicht dann halt auf Spielplätze aus, aber sobald dort Eltern mit ihren Kindern sind, geht das natürlich auch nicht."

So soll der zukünftige Schulhof aussehen. (Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt)So soll der zukünftige Schulhof aussehen. (Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt)
Neben Kraftsportanlagen und Kletterfelsen im Freien und vor allem bezahlbarem Wohnraum brauchen die jungen Erwachsenen in der "Schwarmstadt" Darmstadt noch gute Fahrradanbindungen. Nils Herrmeier ist damit in der künftigen Lincoln-Siedlung sehr zufrieden: "Ich selbst komme mit dem Fahrrad hierher. Wunderbar. Wunderbare Anbindung."

Umweltbewusste Anbindung an die Innenstadt

Das sei kein Zufall, betont der grüne Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch. Neben guten Radwegen gibt es auch für absolut notwenige Autofahrten in der künftigen Siedlung ein neues, ökologisches Mobilitätsangebot:
Jochen Partsch (Bündnis 90/Grüne), Oberbürgermeister von Darmstadt (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)Jochen Partsch (Bündnis 90/Grüne), Oberbürgermeister von Darmstadt (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

"E-Car-Sharing-Modelle. Diejenigen, die einen Mietvertrag mit dem Bauverein, unserer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft dort abschließen, können gleichzeitig für vier Stunden in der Woche ein E-Auto nutzen. Sind auch Bike-Sharing-Angebote, wir haben eine neue Straßenbahn-Haltestelle, die jetzt schon in Betrieb ist. Das heißt, wir haben Formen von urbaner Mobilität mit neuen Formen des Wohnens zusammengebracht."

Doch trotz aller Öko-Elemente in der neuen Siedlung, in der künftig mehr als 3500 Menschen leben sollen: Die "Schwarmstadt" Darmstadt muss vor allem bezahlbaren Wohnraum schaffen. Sybille Wegerich vom kommunalen Bauverein: "Was in Darmstadt wie in jeder großen Stadt aber auch ist: Wir haben zwischen 40 und 50 Prozent der Haushalte, die einen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben. Das heißt, die haben ein vergleichsweise niedriges Einkommen."

Sozialwohnungen ohne sozialen Brennpunkt

In der Lincoln-Siedlung sollen deshalb auch viele Sozialwohnungen entstehen, ohne dass ein neuer sozialer Brennpunkt wird: "Dass es nicht Gettoisierung von Luxuswohnungen gibt oder Gettoisierung von einfachen Wohnungen, sondern dass es wirklich eine Durchmischung ist. Sozial hinsichtlich der Einkommen, sozial hinsichtlich der Herkunft, hinsichtlich – das was wir auch haben auf Lincoln – hinsichtlich Behinderungen – und das gibt einen ganz, ganz bunten Mix, von dem wir hoffen, dass er sich in den kommenden Jahrzehnten gut entwickeln wird. Dass es ein Melting Pot wird, dass man mal guckt, was da für eine chemische Reaktion passiert."

Januar 2018 vor dem Baubeginn: Leere Häuser in der Lincoln-Siedlung in Darmstadt. Aus der alten Kaserne sollen attraktive Wohnhäuser entstehen. (imago/Michael Schick)Januar 2018 vor dem Baubeginn: Leere Häuser in der Lincoln-Siedlung in Darmstadt. Aus der alten Kaserne sollen attraktive Wohnhäuser entstehen. (imago/Michael Schick)

Der grüne Oberbürgermeister Jochen Partsch weiß, dass manche alteingesessene Darmstädter sich vom starken Wachstum der "Schwarmstadt" ein wenig überrumpelt fühlen. Doch zum kräftigen Zuwachs an Quartieren gibt es für ihn keine Alternative:

"Ich glaube, die Dynamik der wachsenden Stadt aufzuhalten ist ein mühseliges und auch sinnloses Unterfangen. Städte sind die Orte, an denen Menschen zusammenkommen, um klüger, reicher, gesünder und mit mehr Zukunftsaussichten ihr Leben zu gestalten. Stadtluft macht frei! Und wir können nicht sagen: Wir sind jetzt hier, wir genügen uns jetzt selbst und dann ist alles gut."

Die Dynamik der wachsenden Stadt

Wenn Darmstadt nicht genug baue, dann müssen die Menschen in die Umlandgemeinden ausweichen, so sieht es Sybille Wegerich aus dem Vorstand des kommunalen Bauvereins. Das sei im Grunde auch kein Problem, aber:

"Aus Sicht der Stadt Darmstadt ist es natürlich so: Wir stellen sehr viel Infrastruktur, sei es Berufsschulen, sei es Theater. Die ganze ÖPNV-Geschichte wird auch federführend von Darmstadt gemacht und wir würden uns natürlich freuen, wenn man diese Vorhaltekosten in der Region mit sieht und einfach gemeinsam an Lösungen arbeitet, wie Kosten und Erträge für die Region sich gut darstellen. Ich bin im Übrigen auch der Meinung, dieses abwehren zu wollen und zu verhindern, dass neue Wohnungen entstehen, neue Stadtteile entstehen, ist auch eine Haltung, die im Grunde asozial ist. Weil: Dann werden sich nur noch die die Stadt leisten können, die schon hier sind oder die reich genug sind. Eine Haltung, die abwehrt, führt zu Gentrifizierung. Es führt genau zu dem, was wir nicht wollen, nämlich, dass die Leute, die es sich nicht mehr leisten können oder die Leute, die auf der Suche nach Zukunft sind und damit ja auch neue Ideen und neue Anregungen bringen, dass die nicht hier herkommen. Es wird zu einer Erstarrung der Stadtgesellschaft führen und zu im Grunde unsozialen Lebensverhältnissen."

Die Darmstädter Lincoln-Siedlung soll hingegen ein soziales und ökologisches Gesicht bekommen. Und ein Sportliches - jetzt schon sehr zur Freude des Studenten Nils Herrmeier, der sich noch mehr Kraftsportanlagen unter dem freien Himmel der "Schwarmstadt" Darmstadt wünscht:

"Gerade für Leute, die am anderen Ende der Stadt wohnen, wird das eine super Sache sein, wenn es einfach mehr von diesen Anlagen gibt. Wenn es die einfach über das Stadtgebiet verteilt gäbe, dass einfach mehr Jugendliche die Möglichkeit haben, für sich Sport zu machen, wie sie sich das vorstellen, so wie sie Trainieren wollen."

Mehr zum Thema

Stadtplanung - Mainhattan verpasst sich neuen Look
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 30.10.2014)

Architekturkritiker - Städtebaupolitik "momentan auf einem gefährlichen Holzweg"
(Deutschlandfunk, Interview, 19.08.2018)

Länderreport

HebammenmangelKeine Sonntagskinder in Emden
Ein neugeborenes schreiendes Baby wird nach der Geburt von einer Hebamme gewogen. (Getty / Christopher Furlong)

Jede Frau hat Anspruch auf eine Hebamme – so will es das Gesetz. Das nützt aber nichts, wenn es nicht genug Hebammen gibt. In Emden in Ostfriesland blieb deshalb der Kreißsaal vorübergehend am Wochenende geschlossen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur