Seit 23:05 Uhr Fazit

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Tonart | Beitrag vom 04.12.2018

Neues Pop-BuchIn 80 Plattenläden um die Welt

Marcus Barnes im Gespräch mit Dirk Schneider

Beitrag hören
Zu sehen ist das Public Possession in München. (Around the World in 80 Record Stores by Marcus Barnes)
Auch den Plattenladen "Public Possession" in München besuchte der Autor. (Around the World in 80 Record Stores by Marcus Barnes)

In "Around the World in 80 Record Stores" stellt Marcus Barnes die besten Plattenläden der Welt vor. Dabei geht's jedoch nicht bloß ums Kaufen. Die Läden sind Treffpunkt und Startrampen für Karrieren. Frauen aber stehen zu selten hinter dem Tresen.

Dirk Schneider: Was macht einen guten Plattenladen aus?

Marcus Barnes: Ein guter Plattenladen verkörpert die Leidenschaft seines Besitzers für Musik. Aspekte, die einen guten Plattenladen ausmachen, wären für mich eine gute Musikauswahl, das ist natürlich zentral.

Eine gute Präsentation der Ware ist natürlich auch wichtig, im Buch gibt es aber einige Läden, die eher durcheinander sind. Dafür werden sie als Schatzgruben geschätzt, in denen man echte Entdeckungen machen kann. Und die Kunden müssen sich entspannen können und gerne Zeit dort verbringen.

Dirk Schneider: Also ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Denn ein Plattenladen ist ja sehr viel mehr als ein Laden, in dem man Platten kaufen kann. Auf was für Läden sind Sie da gestoßen, was kann man sonst noch so machen in einem Plattenladen?

Marcus Barnes: Es gibt viele Läden in meinem Buch, die soziale Orte sind, Treffpunkte rund um die Musik. Musiker treffen sich dort, starten gemeinsame Projekte. Musikhörer holen sich Inspiration, werden vielleicht selbst zu Musikern.

In vielen Plattenläden gibt es kleine Konzerte. Das Jazzhole in Lagos, Nigeria, zum Beispiel, wird von einem echten Kenner afrikanischer Musikgeschichte betrieben und er holt immer wieder unglaubliche Musiker für Konzerte in seinen Laden. 

Und mit dem großen Fokus auf afrikanischer Musik, den wir zurzeit erleben, kann das eine echte Startrampe für eine Karriere sein. Es kommen ja nicht nur Einheimische in die Plattenläden, sondern auch musikinteressierte Touristen, aber auch Journalisten und Talentscouts. Ja, es geht um mehr als um das Kaufen von Vinyl, und darüber schreibe ich auch in meinem Buch.

"Man begegnet den Platten persönlich"

Dirk Schneider: Aber auch der Handel mit physischen Tonträgern hat ja inzwischen seinen Weg ins Internet gefunden, mit der Plattform Discogs, wo man weltweit nach Vinylplatten suchen und sie dann per Post bestellen kann. Wie hat das denn die Plattenläden verändert?

Marcus Barnes: Discogs ist eine unglaubliche Quelle, um Musik zu finden, und ich weiß aus Interviews mit DJs aus der ganzen Welt, wie wichtig diese Plattform für ihre Arbeit ist. Aber Musik im Internet zu entdecken, ist etwas anderes, man sitzt an seinem Schreibtisch und klickt und klickt immer weiter.

In einem Plattenladen aber ist man in der Realität, man begegnet den Platten, für die man sich interessiert, persönlich. Man blättert durch das Vinyl, und ich weiß, das ist ein furchtbares Klischee, aber Vinyl hat auch einen Geruch, und die alte Pappe der Plattencover hat auch einen ganz eigenen Duft, das hat eine ganz eigene Qualität, die zur Suche nach Musik, nach Platten dazugehört.

Discogs hat seine Berechtigung, aber in einen Plattenladen zu gehen, ist eine ganz eigene Erfahrung. Und natürlich kann man sich auch mit dem Inhaber des Ladens unterhalten, mit anderen Leuten, die man dort trifft. Und manchmal findet man auch durch solche Gespräche genau die Platte, die man gerade sucht.

Zu sehen ist der Plattenladen "OYE Records" in Berlin. (Around the World in 80 Record Stores by Marcus Barnes)In Berlin besuchte der Autor das "OYE Records" in Berlin. (Around the World in 80 Record Stores by Marcus Barnes)

Dirk Schneider: Auf jeden Fall. Oder auch die Platte, die gerade erst erschienen ist, und die man sonst nicht entdeckt hätte. Ein Freund von mir war gerade in Hamburg und ist dort in seinen Lieblingsplattenladen gegangen. Und wie Sie gerade gesagt haben, die Besitzerin des Plattenladens hat ihm eine neue Platte empfohlen, ich glaube mit iranischer Musik, auf jeden Fall etwas sehr Abseitiges.

Das führt mich jetzt zu der etwas provokanten Frage: Hamburg ist berühmt für seine Plattenläden, wenigstens in Deutschland, warum taucht in Ihrem Buch eigentlich kein einziger Hamburger Plattenladen auf?

Marcus Barnes: Dem Buch ging ein langer Rechercheprozess voraus. Ich kannte natürlich viele Plattenläden aus eigener Erfahrung, habe mit Freunden und Bekannten gesprochen, die Platten sammeln, mit vielen DJs, die sehr viel Zeit in Plattenläden verbringen. Ich war auch online in speziellen Foren.

Ich wollte auch ein breites Bild zeichnen in meinem Buch. Es wäre auch kein Problem gewesen, 80 legendäre Plattenläden vorzustellen, oder 80 ganz kleine Plattenläden, oder 80 große wie Tower Records. Ich hatte in Hamburg Smallville und Groove City auf meiner Liste. Es gibt keinen besonderen Grund, dass sie es nicht in mein Buch geschafft haben, es sind tolle Läden, aber es war einfach nicht genug Platz im Buch.

Da musste ich einige schwierige Entscheidungen treffen. Ich entschuldige mich dafür, ich war selbst schon in beiden Läden. Ich bin oft in Hamburg, es ist eine meiner liebsten deutschen Städte, und ich bin großer St. Pauli-Fan. Ich habe eine St. Pauli-Jacke, die ich ständig trage.

"Plattenläden bewegen sich meistens hart am Abgrund"

Dirk Schneider: Wir konnten in den letzten 15, 20 Jahren auch vielen Plattenläden beim Schließen zuschauen, das war oft auch sehr traurig. Glauben Sie, die Plattenläden, die sich bis heute gehalten haben, werden auch bleiben?

Marcus Barnes: Das ist sehr schwer zu sagen, Plattenläden bewegen sich meistens hart am Abgrund, es sei denn, sie erweitern ihr Sortiment. Es gibt viele Läden in meinem Buch, wie Play De Record in Toronto oder Rubadub in Glasgow, die auch DJ-Equipment anbieten. Das mussten sie machen, um zu überleben. 

Und auch wenn Vinyl wieder einen Boom, in Anführungszeichen erlebt, heißt das noch lange nicht, dass Plattenläden große Umsätze machen. Viele Läden kämpfen immer noch, aber je mehr Leute dort einkaufen, umso besser. Und wie gesagt, es empfiehlt sich auch andere Dinge anzubieten, für die sich Plattenkäufer interessieren.

Dirk Schneider: Was ich in Ihrem Buch nicht wirklich verfolgt habe, aber diese Frage habe ich mir jetzt doch noch gestellt: Plattenläden sind ja doch ein stark männliches Business, sind Sie bei Ihrer Recherche auf viele Plattenladeninhaberinnen gestoßen?

Marcus Barnes: Es gibt tatsächlich einige, da war ich durchaus positiv überrascht! Ja, das Geschäft wird stark von Männern dominiert aus dem einen oder anderen Grund. Ich denke, wenige Mädchen werden aufgezogen im Gedanken, dass Plattensammeln eine Beschäftigung für sie sein könnte. In dieser Hinsicht muss sich wirklich was ändern.

Die Botschaft muss sein: Egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist, wenn Du Musik liebst, ist es cool, wenn Du Platten sammelst. Es gibt das "Happy Feet" in Prag, das von einer Frau betrieben wird, sie heißt Magdalena Zemanová. Und es gibt Råck & Rålls in Oslo, der von einer Frau und einem Mann betrieben wird, die beide auch in einer Rockband spielen.

Es ist wirklich wichtig, dass auch Frauen hinter dem Tresen stehen und Platten verkaufen und, dass sie auch Läden besitzen, denn das kann natürlich dazu beitragen, dass Frauen sich dort wohler fühlen und mehr in Plattenläden gehen.

Es ist absolut lächerlich, dass diese Kultur von Männern dominiert ist. Jeder liebt Musik, und wenn Frauen sich nicht in Plattenläden trauen, weil da nur Männer rumhängen, oder jemand aufgrund seines oder ihres Geschlechts glaubt, keine Platten sammeln zu können, ist das wirklich ein trauriger Zustand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Marcus Barnes: "Around the World in 80 Record Stores"
Dog 'n' Bone, 2018
144 Seiten, 11,89 Euro

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur