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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 30.12.2020

Neues KlassenbewusstseinHabitus schafft Identität

Ein Kommentar von Konstantin Sakkas

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Illustration eines Mannes, der seinen Schatten betrachtet, der eine Krone trägt. (Getty Images / Malte Mueller)
Vor allem das Selbstbild, das man sich wählt, entscheide heute über die eigene gesellschaftliche Zugehörigkeit, sagt Publizist Konstantin Sakkas. (Getty Images / Malte Mueller)

Früher waren Haus, Auto oder Doktortitel Statussymbole. Heute entscheiden subtilere Kriterien: Soziale Distinktion hänge vom individuellen Selbstverständnis ab, meint der Publizist Konstantin Sakkas.

Das Dasein, glaubt man dem Hegel-Kommentator Alexandre Kojève oder dem Philosophen Axel Honneth, besteht im Kampf um Anerkennung. Liberalismus und Sozialismus, so lernt man, waren konkurrierende gesellschaftliche Strategien in diesem Kampf. Doch der Sieg des Liberalismus hat diesen Kampf nicht abebben lassen. Gesellschaftliche Distinktion ist nach 1990 nicht verschwunden, sie ist bloß viel komplexer geworden. Und genau das macht politische Analysen heute so schwer.

Der Niedergang der SPD etwa wird häufig mit der Abkehr der Partei von ihrer Stammklientel, der Arbeiterklasse, in Verbindung gebracht. Die Wahrheit ist aber: Es gibt in Deutschland kaum mehr eine Arbeiterklasse! Zumindest fühlen sich immer weniger Menschen ihr zugehörig.

Sehen eine Kassiererin oder ein Türsteher beim Modediscounter TK Maxx sich als Angehörige der Unterschicht? Wohl kaum. Die meisten sehen einen solchen Job wohl eher als Station auf einer Reise, die sie hoffentlich noch ganz woanders hinführen wird. Und dieses Selbstbild, diese Selbstprojektionen sind entscheidend für die Politik.

Selbstbild ist entscheidend, nicht Gruppenzugehörigkeit

Die Menschen, schrieb der spätantike Philosoph Epiktet, regen nicht die Tatsachen auf, sondern ihre Meinungen über die Tatsachen. In großem Maßstab lässt sich das natürlich an Trump und der autoritären Revolte weltweit beobachten. Es waren und sind nämlich nicht nur die wirtschaftlich Abgehängten, die abgehalfterte Industriearbeiterschaft, die aus Protest für rechte Populisten stimmen.

Man kann in Deutschland locker 10.000 Euro netto im Monat verdienen, aber komplett einflusslos sein, während jeder kleine Intellektuelle, jede freie Autorin mehr gehört wird, mehr Autorität hat. Das kann für Verbitterung sorgen. Und diese Verbitterung trug und trägt wesentlich zum Erfolg von Trump, Boris Johnson, der AfD oder diverser Verschwörungsmythen bei.

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Nicht das Wirtschaftliche allein entscheidet über soziale Distinktion, ja, nicht einmal der Bildungsgrad, sondern das Selbstbild, das man sich wählt. Man kann erfolgreicher Unternehmer sein, sich aber vom Staat, den Flüchtlingen oder den Intellektuellen enorm bedroht fühlen. Umgekehrt kann man, wie einst die nun berühmte demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, eine kleine Kellnerin in New York City sein und trotzdem für die elitäre demokratische Partei stimmen, weil man sich den Habitus der Demokraten zu eigen gemacht hat und sich eher mit der liberalen Karlie Kloss als mit der konservativen Ivanka Trump identifiziert.

Denn es ist vor allem der Habitus, der Identität stiftet, weniger die formelle Gruppenzugehörigkeit. Es gibt nicht die Gemeinschaft der Muslime. Es gibt nicht die universelle Sisterhood aller Frauen. Es gibt auch nicht die weißen Männer.

Das Themenfeld bestimmt über die Verbündeten

Fast die größte Sympathie für den Islam etwa findet man in Westeuropa paradoxerweise bei den alten weißen Männern schlechthin: nämlich katholischen und evangelischen Bischöfen, die im Islam eine Bruderreligion sehen und Einwanderung aus Prinzip befürworten. Das ist leider so simpel wie bei zwei Fußballfans oder – um ein berühmtes Beispiel Hannah Arendts zu zitieren – beim Schachbrett, das zwei Spieler miteinander verbindet, mögen sie sonst auch noch so unterschiedlich sein.

Das Verbindende des Schachbretts wird immer stärker sein als Geschlecht, Klasse und Herkunft. Das ist die gute und die schlechte Nachricht. Gut, weil dies für immer für neue friedliche Verbindungen in der Gesellschaft sorgen wird. Schlecht, weil der Habitus stets seine eigene Distinktion schaffen wird, die weder durch identitätspolitische Zuschreibungen noch durch wirtschaftliche Steuerung jemals ganz eingefangen werden kann.

Konstantin Sakkas, geboren 1982, studierte Philosophie und Geschichte. Er arbeitet als Publizist und Literaturkritiker in Berlin.

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