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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2015

Neues Buch von Karen ArmstrongOhne Religion wäre die Welt nicht friedlicher

Von Philipp Gessler

Ein Halbmond mit Stern neben dem Kreuz der armenischen Santa Maria Kirche in Istanbul. (AFP / Mustafa Ozer)
Armstrongs Grundthese ist: Die Welt wäre kein besserer Ort ohne Religion. (AFP / Mustafa Ozer)

Täglicher erreichen uns Bilder von den Taten religiöser Fanatiker. Doch wie ist es um das Verhältnis von Religion und Gewalt wirklich bestellt? Damit befasst sich Karen Armstrong in einem voluminösen Buch - und sie kommt zu einem eindeutigen Ergebnis.

Spätestens seit den Anschlägen von 9/11 in den USA mit ihren rund 3000 Toten ist dem Westen klar geworden, welche gewaltige Macht in den Religionen steckt - und dass die hartnäckige und mittlerweile schon recht alte These der Moderne einer global zunehmenden Säkularisierung nur in manchen Regionen der Welt zutreffend ist. Immer wieder wälzt dabei die Wissenschaft die Frage, unter welchen Bedingungen Religion die Gewalt auf der Welt fördert oder, im besten Fall, einhegt. Gerade im sich immer weiter säkularisierenden Norden der Erde neigen viele dazu zu glauben, dass die Welt ganz ohne Religion ein friedlicherer Ort wäre. Und die fast täglichen Gräuelbilder vor allem dschihadistischer Gewalt im Nahen Osten scheinen dieser Ansicht Recht zu geben.

Die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong - ein vielfach ausgezeichneter Star ihres Fachs - wagt in ihrem Werk "Im Namen Gottes. Religion und Gewalt" Antworten auf diese großen Fragen. Auf knapp 700 Seiten schreitet sie durch die Weltgeschichte: von der Religion der Sumer im Zweistromland vor Tausenden von Jahren bis zu den Selbstmordattentaten von heute. Die Autorin untersucht das Zusammenspiel oder das Gegeneinander von Religion und Gewalt sowie Religion und Macht durch die Jahrhunderte hindurch. Und oft sind dabei die Trennlinien zwischen diesen Sphären nicht zu ziehen. Ja, dieses säkulare Modell wäre in früheren Jahrhunderten auch kaum verständlich gewesen.

Die renommierte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (GERRY PENNY / AFP)Die renommierte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (GERRY PENNY / AFP)

Fast immer wurde Gewalt nur religiös überpinselt

Armstrongs Grundthese ist: Die Welt wäre kein besserer Ort ohne Religion - wenn das denn überhaupt denkbar ist. Fast immer war die Gewalt in der Geschichte nicht religiös motiviert, sondern wurde bloß religiös überpinselt. Es ging immer um Macht und Anerkennung. Im Prozess der Zivilisation, des Fortschritts und der Bildung einer Kultur gab es in den Jahrtausende lang dominierenden Agrargesellschaften immer eine strukturelle Gewalt. Der Grund: Nur durch die Bildung einer ausbeutenden Elite waren für diese Gruppe Zeit und Ressourcen zur Entstehung von Kultur etc. da. Allerdings haben sich die Weltreligionen immer bemüht, diese Gewalt zu bändigen.

Fast alle großen Weltreligionen haben dazu, laut Armstrong, eine jeweils eigene Art der "Goldenen Regel" entwickelt, die, einfach gesagt, das Prinzip verfolgt: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu." Es waren und sind Regeln, die Gewalt einhegen. Dagegen wurden die größten Gewaltexzesse der Geschichte in der Regel säkular begründet, und zwar im Sinne von weltlichen, nicht-religiösen Ideologien, zum Beispiel beim Kolonialismus, Nationalismus, Imperialismus, Nationalsozialismus und Stalinismus. Im Gegensatz zu den Religionen habe, so Armstrong, die säkulare Welt bisher global keine vergleichbaren, verbindlichen Regeln der Gewalt-Einhegung wie die "Goldene Regel" entwickelt.

Karen Armstrong: Im Namen Gottes - Religion und Gewalt
Pattloch 2014
688 Seiten, 25 Euro

Mehr zum Thema:

Theologin Karen Armstrong - "Unsere Aufklärung war fehlerhaft"
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 07.12.2014)

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