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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.08.2005

"Neues Bauen für alle!"

Ausstellung zum 125. Geburtstag des Architekten Otto Haesler

Von Adolf Stock

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"Neues Bauen für alle!" in Dessau zeigt die erste Gesamtdarstellung des Werkes von Otto Haesler. Zu sehen sind die zentralen Stationen seines architektonischen Lebensweges.

An der Wand hängt ein Foto des Direktorenwohnhauses der Altstädter Schule. Der verputzte Ziegelbau mit Flachdach und großzügiger Terrasse steht am Rande der Celler Altstadt. Sieht man aus dem Fenster des Oskar-Schlemmer-Hauses, ist das Vorbild nur unschwer zu erkennen: Es sind die Dessauer Meisterhäuser, die Bauhausgründer Walter Gropius Mitte der zwanziger Jahre entworfen hat. Mithin kein schlechter Ort, um Otto Haesler zu ehren, der zu den großen Architekten des Neuen Bauens zählt. Als Walter Gropius 1928 das Bauhaus verließ, war Otto Haesler als Nachfolger im Gespräch, erzählt Kirsten Baumann, stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau.

"Haesler hat das nicht gemacht, weil er sehr viele andere Aufträge hatte. Und ich glaube die Ablehnung rührt auch daher, dass die Aufgabe am Bauhaus nicht in erster Linie Bauen war, sondern in der Lehre tätig sein. Und Haesler war einfach in erster Line Architekt und nicht Lehrer. Gropius hat sicher eine große Sympathie für ihn gehabt, weil er einfach ein sehr solider Architekt des Neuen Bauens war, auch in der Architektengruppe der Ring vertreten, und insofern wäre er sicher auch ein guter Nachfolger gewesen."

Otto Haesler ist 1880 in München geboren. Er wurde Architekt und ging 1906 nach Celle, weil er den Wettbewerb für ein Kaufhaus gewonnen hatte. In Celle gründete er ein Architekturbüro und blieb bis 1934. Über Aufträge konnte sich der Architekt nicht beklagen, mit über 80 Bauten hat er das Gesicht der niedersächsischen Provinzstadt geprägt. In Celle gab es reichlich Auftraggeber, sagt Ausstellungskuratorin Simone Oelker.

"Dazu zählte eben der berühmte Zwiebackfabrikant Harry Trüller. Harry Trüller hat die Zwiebackschneidemaschine aus einer Nähmaschine heraus entwickelt und war stadtbekannt in Celle und auch darüber hinaus für seine Kekse und Zwiebäcke. 'Iß immer düller, Zwieback von Trüller', ist nicht nur ein Werbeslogan, sondern das war eigentlich der Inbegriff für die Trüllerschen Markenprodukte. Und nach einem Wohn- und Geschäftshaus, was Haesler für Trüller 1908 gebaut hat, sollte er ein Musterlager, ein Verkaufslager errichten."

Vielleicht war der Werbespruch schon von Kurt Schwitters. Jedenfalls hat der Dadaist und Werbekünstler später für Haesler gearbeitet, als es darum ging, die Häuser der Heimtyp-AG mit Broschüren zu vermarkten.

Mit dem Tüller-Haus war die Moderne in Celle angekommen. Das war ein weiter Weg, auch für Otto Haesler, denn wie die Ausstellung zeigt, hatte er zuvor alles rezipiert und gebaut, was die Reformer jenseits des Historismus Anfang des letzten Jahrhunderts zu bieten hatten. Der Gang durch die Ausstellung ist wie ein Lehrpfad durch die jüngste Architekturgeschichte: Jugendstil, Prager Kubismus, englisches Landhaus, nichts, aber auch gar nichts hat Otto Haesler ausgelassen.

1924 wurde das Tüller-Haus eröffnet. Im gleichen Jahr entstand die erste farbige Siedlung des Neuen Bauens. Die Siedlung Italienischer Garten bestand aus farbigen Kuben mit Flachdach und Übereckfenstern, eine Mustersiedlung der Moderne, die keinen Wunsch der Architektur-Avantgarde offen ließ. Und so war er auch diesmal ganz dicht am Puls seiner Zeit.

"Das lag alles schon in der Luft. Farbige Architektur verbindet man mit Bruno Taut, gab es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg. Die Kuben, das kam aus Holland. Also diese Formensprache, in der Weimarer Ausstellung ist es schon umgesetzt worden. Alles was in der Luft lag hat er zusammengefügt und sich dann auch einen kompetenten Mitarbeiter gesucht, Karl Völker aus Halle, der dann die entsprechende Farbigkeit kreiert hat."

Otto Haesler war kein kongenialer Erfinder, er war kein Neuerer, der mit spektakulären Entwürfen die Welt ins Staunen versetzte. Stattdessen hat er die Moderne in die Provinz gebracht, handwerklich perfekt, mit einer ungemeinen Sicherheit, was Stil- und Geschmacksfragen betrifft. Mitte der zwanziger Jahre geht es Schlag auf Schlag. Es entsteht die Siedlung Georgsgarten im Zeilenbau, und mit der Siedlung Blumläger Feld baut Haesler kleine und noch kleinere Wohnungen für das Existenzminimum. Doch wirklich berühmt wurde Haesler mit seinen öffentlichen Bauten, wie der Volksschule in Celle, die an das Dessauer Bauhausgebäude erinnert. Architekten und Pädagogen sind damals in die Provinz gepilgert, um den Schulbau mit der funktionalen Sport- und Festhalle zu bestaunen.

"Und immer wieder steht man vor der Frage, wo hat er das her, oder wo kam das her? Wie steht er dazu, kam das wirklich aus dem tiefsten Innern? Es gibt halt auch ein Beispiel, die Löns-Jugendherberge in Müden an der Örtze. Mitten in der Lüneburger Heide hat er einen Flachdachbau errichtet, der natürlich zu regen Protesten geführt hat. Es gibt dazu eine Äußerung, wo man sieht, er war diesem Ganzen verpflichtet, aber vielleicht hätte er doch gern manchmal wieder anders gebaut, weil ihm das andere auch lag."

In der Ausstellung sind fast nur Originalexponate zu sehen: Ein paar Briefe, zeitgenössische Pläne und Fotografien, Werbematerial und Zeichnungen von Kurt Schwitters und schöne Modelle, die eigens für die Ausstellung angefertigt wurden. Und so wird der Rundgang unversehen zu einer authentischen Zeitreise. Das ist schon deshalb schön, weil Haeslers Bauten in Celle, Kassel und anderswo oft gar nicht mehr stehen oder manchmal reichlich unsensibel verändert wurden. Am Ende der Ausstellung hängt ein Plan von Rathenow. Es ist der Wiederaufbauplan für die kriegszerstörte Stadt, erklärt Simone Oelker.

"Den Bezug zu Rathenow gab es schon vorher. Er hat dort 1929 die Siedlung am Friedrich Ebert Ring errichtet, und der damalige Stadtbaurat hat sich seiner erinnert und war zu dem Zeitpunkt dann Bürgermeister und hat ihn nach Rathenow geholt. Und er hat für das so gut wie komplett zerstörte Rathenow eine Wiederaufbauplanung gemacht, die doch sehr an seine Zeilenbauten der Zwanziger Jahre erinnert, also klassische Nord-Süd-Ausrichtung, Ost-West-Besonnung, ohne Rücksicht auf historische städtebauliche Strukturen."

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Otto Haesler seinen Zeitgeist-Instinkt verloren. Die junge DDR lehnte die Prinzipien der klassischen Moderne rundweg ab, und so blieben Haeslers Pläne weitgehend Makulatur. In der DDR hat Otto Haesler dann nicht mehr gebaut, stattdessen hat er die Möglichkeiten der Industrialisierung beim Wohnungsbau erforscht. Als er 1962 in Wilhelmshorst bei Berlin starb, wurde der Plattenbau gerade zum großen Thema des ostdeutschen Wiederaufbaus.

Weiterführende Literatur:
Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Hamburg, München (Dölling und Galitz Verlag) 2002.

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