Seit 22:03 Uhr Musikfeuilleton

Freitag, 20.09.2019
 
Seit 22:03 Uhr Musikfeuilleton

Tonart | Beitrag vom 29.08.2019

Neues !!!-Album "Wallop"Die Dance-Punks aus New York lassen es knallen

Von Christian Lehner

Beitrag hören
Auf einem bearbeiteten Bild leuchten die Augen der Mitglieder der Band gelb. (Kelsey Bennet)
Die Band !!! tanzte Anfang der Nullerjahre an die Spitze der Dance-Punk-Bewegung New Yorks. (Kelsey Bennet)

"Wallop" heißt das neue Album von !!!, was soviel bedeutet wie "jemanden verhauen". So wolle man auf die politisch aufgeheizte Stimmung reagieren, erklärt der Gründer der Dance-Punk-Band Nic Offer – und die Ohrfeige der letzten US-Wahl verarbeiten.

Die Dance-Punks sind zurück mit einem Knall. "Wallop" ist der Titel des achten Albums von !!! - sprich: ChkChkChk - aus New York City. "Wallop", das bedeutet so viel wie "jemanden verhauen" - natürlich symbolisch gemeint, wir haben es hier schließlich mit Kunst zu tun.

"Das ist doch ein schöner, knapper und einfacher Titel", sagt Nic Offer. "Und er passt gut zu der aufgeladenen politischen Stimmung unserer Zeit. Wir haben uns noch immer nicht von der Ohrfeige der letzten Wahl erholt. Dieses Album ist eine Antwort darauf. Jetzt lassen wir es knallen."

Protest gegen Nachtclub-Politik in New York

Der Sänger Nic Offer hat !!! vor mehr als 20 Jahren mitbegründet. Mit einer Mischung aus Funk, Techno und Indie-Rock tanzte das Künstlerkollektiv Anfang der Nullerjahre an die Spitze der Dance-Punk-Bewegung New Yorks.

Damals wandten sich !!! gegen die restriktive Nachtclub-Politik ihrer Heimatstadt und versuchten, die Stimmung im Big Apple nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aufzuhellen. Bass und Politik sind noch immer Programm.

Titel wie "UR Paranoid" und "Let It Change You" befassen sich mit dem Stillstand des Individuums durch die politisch-mediale Überreizung. Stücke wie "Domino" oder "Off The Grid" handeln von enger werdenden Lebensräumen in der Großstadt – Räume, die man vor einer Dekade als Künstler in Bezirken wie Brooklyn noch selbst miterschlossen hatte.

"Die Zeiten haben sich geändert und das Album reflektiert das", sagt Nic Offer. "Heute trifft man Hipsters nicht mehr im Club, sondern auf den Spielplätzen ihrer Kinder, falls sie überhaupt noch in der Stadt leben können. Wir wollten allzu offensichtliche politische Themen auf diesem Album vermeiden. Sie sind dann aber doch über solche Geschichten eingesickert. Wir sehen uns nach wie vor als eine Band, die etwas über das New York der Jetztzeit zu sagen hat."

Protziger produziert, vom 1990er-Pop inspiriert

Auch auf Soundebene versuchen !!! den Anschluss nicht zu verlieren. Der Song "Serbia Drums" markiert einen temporären Richtungswechsel. Der Dance-Floor-Stil, der bisher vor allem vom Post-Punk der späten 70er- und frühen 80er-Jahre zehrte, ist nun hörbar vom Pop der 1990er-Jahre inspiriert – Britney Spears statt Talking Heads, protzige Produktion statt eng geschnittener Funk.

"Der Recyclingzyklus im Pop funktioniert im 20-Jahre-Abstand", erklärt Nic Offer. "Eine Auseinandersetzung mit dem Pop von heute ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem, was vor 20 Jahren passierte. Was die konkrete Geschichte von 'Serbia Drums' betrifft: Wir waren auf Tour und spielten in Serbien. Beim Soundcheck war unser Drummer vom Sound der Halle so begeistert, dass er eine Aufnahme mit dem Smartphone machte. Irgendwann landete das File bei unserem Produzenten Raphael und der verwendete den Beat als Basis für den Song."

Eigene Umlaufbahn nicht weit verlassen

"Wallop", das achte Album von !!!, ist der unverkrampfte Versuch einer Band, relevant zu bleiben, ohne die eigene Umlaufbahn allzu weit zu verlassen. Dieser Versuch ist Nic Offer und seiner vielköpfigen Truppe gelungen.

Wenn die Theorie vom 20-Jahre-Zyklus des Pop stimmt, können !!! sich beim nächsten Album selbst zitieren und in den Modus der ewigen Wiederholung eintreten. Wie das funktioniert, haben bereits die Rolling Stones und andere Pop-Veteranen vorgemacht.

Mehr zum Thema

Verkleidungen in der Musik - Die Maske als Stilmittel
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 05.03.2019)

Prodigy-Sänger Keith Flint - Der tragische Tod des Techno-Punks
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 04.03.2019)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur