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Tonart | Beitrag vom 24.04.2020

Neues Album von Ufo361: "Rich Rich"Tiefe Leere und neoliberales Leistungsdenken

Raphael Smarzoch im Gespräch mit Andreas Müller

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Rapper Ufuk Bayraktar aka Ufo361 steht bei einem Konzert in Huxleys in Berlin auf der Bühne. Er ist in dunklen Farben gekleidet und trägt eine Sonnenbrille. (picture alliance / Eventpress Hoensch)
Er hat's geschafft und alle sollen es wissen: Rapper Ufo361 bei einem Konzert in Berlin. (picture alliance / Eventpress Hoensch)

Luxusklamotten, Diamantenschmuck: Auf "Rich, Rich" feiert Ufo361 die Reichtümer, die er sich erarbeitet hat. Gleichzeitig zelebriert der Rapper seine Einsamkeit. Vielleicht das beste Album, das Ufo361 je gemacht hat, findet Kritiker Raphael Smarzoch.

Andreas Müller: Knapp zwei Millionen Follower auf Instagram, über eine Million Abonnenten auf YouTube, seit 2017 über 200 Millionen Streams auf Spotify. Tendenz steigend. Ufo361 gehört zu den erfolgreichsten Rappern in Deutschland. So erfolgreich, dass er vor Kurzem einen Acht-Millionen-Euro-Deal einfach so platzen ließ. Offenbar kann es sich der gebürtige Berliner mit türkischen Wurzeln leisten. "Rich Rich" heißt passenderweise sein neues Album, das heute erschienen ist. 

Unser Kritiker Raphael Smarzoch hat sich das Album angehört. Wenn man "Allein Sein" hört, dann passt doch die Aussage "Erfolg macht einsam", oder?

Raphael Smarzoch: Ja, das kann man tatsächlich so sagen. In diesem Fall ist es aber so, dass Ufo361 freiwillig in Isolation geht. Der Track passt auch ganz gut in unsere Pandemie-geprägte Zeit, in der immer wieder von sozialer Distanzierung die Rede ist. Und Ufo praktiziert dieses "social distancing" sehr souverän. Wobei man fairerweise sagen muss, dass der Zusammenfall mit Corona sicherlich Zufall ist. Dennoch ein Zufall, der sich monetarisieren lässt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der Track in zahlreiche Meme verarbeitet wird, die sich wiederum in höheren digitalen Abrufzahlen niederschlagen. Also Ufo361 zeigt, wenn auch ungewollt, dass auch eine Krise finanzielles Kapital abwirft.

Geld heißt nicht Glück

Müller: Womit wir auch schon beim Thema des Albums sind. Es geht um Geld, "Rich Rich". Aber dieses Geld scheint Ufo361 nicht glücklich zu machen.

Smarzoch: In der Tat. Das ist tatsächlich ein paradoxer Zustand, den Ufo da thematisiert, der im Rap allerdings überhaupt nichts Neues ist: Drake rappte schon vor Jahren darüber, dass all die Luxusgüter und Frauen nicht glücklich machen. Man könnte sagen, dass Ufo361, so wie viele andere Rapper auch, an einer hedonistischen Depression leidet. Obwohl man alles haben kann, bleibt eine Leere, die sich auch in der Musik zeigt.

Müller: Dieses Bild der Leere, das finde ich interessant. Beschränkt sich das auf die Texte?

Smarzoch: Nein, dieses Bild der Leere prägt das Gesamtkonzept, also auch die Musikvideos, die das Album begleiten. Und das hat auch etwas buchstäblich, ja, Erschreckendes. Man sieht Ufo361 oftmals ganz alleine. Mal sitzt er in einem luxuriösen Restaurant. Dann spaziert er in teuren Designerklamotten durch Wald- und Berglandschaften, verweilt in menschenleeren Hotellobbys. Hin und wieder sieht man auch Bedienstete oder auch hübsche Models, mit denen er allerdings auch nicht wirklich interagiert, also irgendwie Spaß hat.

Das alles wirkt auf mich abgestumpft, gleichgültig, desinteressiert, ist aber wundervoll in so einer körnigen Retro-Optik in Szene gesetzt. Und auch geprägt von einer sehr intensiven melancholischen Stimmung, die wirklich alle Tracks auf "Rich Rich" durchzieht. Wie zum Beispiel auch im gleichnamigen Titeltrack zu hören.

Müller: Ufo361 mit dem Stück "Rich Rich", in dem es auch um seine Reichtümer geht, die er sich mit viel Arbeit verdient hat. Gibt es eigentlich noch andere Themen auf dem Album als Geld?

Smarzoch: Nicht wirklich. Das ganze Album ist von diesem neoliberalem Leistungsdenken geprägt, das sich auch in den Tracktiteln niederschlägt: Zum Beispiel "Fokus auf die Zukunft" – es geht immer wieder um teure Luxusklamotten bekannter Designer, die Ufo natürlich alle besitzt und die immer wieder in den Songs erwähnt werden. Außerdem prahlt er auch mit seinem diamantbesetzten Schmuck, der ebenfalls von angesagten Herstellern kommt, die auch von US-amerikanischen Rappern frequentiert werden.

Also, dieses Bild der Leere, das ich gerade erwähnte, das prägt auch die Inhalte des Albums. Und man fragt sich schon, wen das alles überhaupt beeindrucken soll. Dennoch ist "Rich Rich" ein sehr ambitioniertes Album für Deutschrap-Verhältnisse. Vielleicht sogar das beste Album, das Ufo361 je gemacht hat.

Angefangen bei den stilvollen Videos, denen man wirklich ansieht, dass sie sehr, sehr teuer waren, und dass man sich mit ihnen von der üblichen Deutschrap-Optik abheben möchte. Dann ist die Track-Auswahl wirklich auf den Punkt - es gibt keine unnötigen Füller.

Und erstaunlicherweise auch kaum Features, anders als auf früheren Alben, auf denen er mit RIN, Yung Hurn oder RAF Camora zusammenarbeitete. Lediglich der US-amerikanische Rapper Future, unter anderem auch Ufos Vorbild, hat es aufs Album geschafft. Er ist im Track "Big Drip" zu hören:

Müller: Der deutsche Rapper Ufo361 zusammen mit Future, "Big Drip", das klingt schon alles ziemlich dick, diese Produktion. Ich verstehe eh nichts. Es ist kaum ein Unterschied zu hören, ob da einer englisch oder deutsch rappt, mit diesem Autotune-Sound drauf. Kann die Platte denn musikalisch überzeugen?

Smarzoch: Ja, die Musik ist wirklich sehr, sehr gelungen. Die Beats sind sehr gut gemacht, funktionieren auch als Instrumentals ohne Gesang. Und Ufos Stimme, es wird mit Autotune-Effekt gearbeitet und auch mit anderen, weiteren interessanten Effekten bearbeitet. Es gibt immer etwas zu entdecken. Das Album ist ambitioniert produziert und wird allein deswegen schon sehr erfolgreich werden und zu einer Messlatte für viele andere Deutschrap-Alben werden.

Das liegt natürlich auch an den vielen namhaften Produzenten, die Ufo gewinnen konnte. Man hört Beats von US-amerikanischen Super-Producern wie Tay Keith oder 808 Mafia. Aber auch deutsche Produzenten, zum Beispiel Sonus030 sind dabei, dessen düsteren und stimmungsvollen Synthie-Flächen dem Album so etwas wie einen cineastischen Touch geben. Also, mein Fazit, unter musikalischen Gesichtspunkten volle Punktzahl. Das macht schon alles sehr viel Spaß.

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