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Tonart | Beitrag vom 21.05.2019

Neues Album von HGich.TKurznachrichten aus dem Unterbewusstsein

Von Juliane Reil

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Das Hamburger Musik- und Performance-Kollektiv HGich.T  (HGich.T)
„Jeder ist eine Schmetterlingin“ von HGich.T. ist bei Tapete Records erschienen. Ab Herbst sind die Hamburger auf Tour. (HGich.T)

Kluger Kommentar zur Gegenwart oder einfach nur Unsinn? Seit zehn Jahren sorgt das Hamburger Musik-Kollektiv HGich.T mit dadaistischen Texten für Verwirrung. Ihr neues Album "Jeder ist eine Schmetterlingin" ist eine düstere Gesellschaftsstudie.

Eine Dekade bedeutet im Pop eine kleine Ewigkeit. Vor etwas mehr als zehn Jahren veröffentlichte das Hamburger Musik- und Performance-Kollektiv HGich.T ihr erstes Musikvideo im Netz und ging damit viral. Zu sehen ist ein Mann mit Irokesenschnitt, der, lediglich mit orangefarbener Bauarbeiterweste und Windeln bekleidet, zum Technobeat über einen Acker stapft. Dabei singt er einen grotesken Song mit dem Titel "Hauptschule."

Soundtrack der digitalen Jugendkultur

"Ich würde sagen, ich bin froh, dass ich da so sein und so kommunizieren kann, wie ich möchte. Weil ich Kommunikation extrem wichtig finde. Manchmal kommt es mir sogar so vor, dass es das Einzige ist, das irgendwie einen Sinn ergeben kann zwischen Menschen."

Das sagt Arne Behrens alias "Tutenchamun". Als einer der Darsteller in den Videos von HGich.T prägt er bis heute sehr stark das Image der Gruppe. Er war es auch, der in dem Video zu "Hauptschule" den Party-Primaten auf dem Acker mimte. In einer damals gerade erst entstehenden digitalen Jugendkultur war das Video Kult. Mit stacheligem Irokesenschnitt und schwarzem Kajal um die Augen wirkte "Tutenchamun" damals wie der deutsche Raver-Zwilling von Prodigy-Sänger Keith Flint. Heute trägt er Vollbart, die Schläfen sind ergraut. Neben ihm in einem kleinen Büro in Hamburg-Altona sitzt Stella alias "DJ Balmi":

"Auch ich bin dankbar, Teil dieses Kollektivs sein zu dürfen und würde sagen, erst seit ich bei HGich.T mitmache, bin ich so richtig angekommen und weiß, wer ich bin."

Trashiger Sprechgesang und Goa-Beats

"DJ Balmi" ist seit fünf Jahren mit dabei. Insgesamt gehören heute etwa 20 Mitglieder zu HGich.T. Das Kollektiv entstand Mitte der 90er-Jahre im Umfeld der Hamburger Kunsthochschule. Verstrahlte Proll-Poesie und trashiger Sprechgesang, immer einen Schlag daneben, zusammen mit tranceartigen Techno- und Goa-Beats, das sind die Markenzeichen des Kollektivs.

"Ich bin der S-Bahn Kontrolleur, Du bist meine Biene Maja, meine Arschfickbarbie", heißt es in dem Song "S-Bahn". Was beim ersten Hören platt und grobschlächtig wirkt, hat in Wirklichkeit noch eine andere Dimension: Es geht um Machtmissbrauch, der im Kleinen beginnt. Wenn der Fahrgast etwa kein S-Bahn-Ticket hat und vom Kontrolleur schikaniert wird. Ganz beiläufig zeigen HGich.T eine Gesellschaft, die an Kleinbürgertum und Engstirnigkeit erstickt, meint zumindest "Tutenchamun".

"Hier passiert halt nichts, außer dass man vielleicht Angst davor hat, irgendetwas zu verlieren, und ich glaube, das haben viele junge Menschen leider. Das ist vielleicht auch düster, dass Menschen Angst haben, etwas zu verlieren, ohne sich vorher gefragt zu haben, was ihnen das eigentlich bringt? Dass junge Leute sozusagen eine neue Spießigkeit entwickeln und gleichzeitig sich sehr angepasst verhalten: Nichts machen, bloß nichts falsch machen!"

Die Schmetterlingin als Symbol für Veränderung

Auf den Konzerten erschafft das Kollektiv seine ganze eigene psychedelisch wirkende Welt mit Neonfarben, Bodypainting und aufwendigen Bühnenaufbauten, die während des Konzertes teilweise in wenigen Sekunden eingerissen werden. Befreiung und Veränderung, dafür steht im übertragenen Sinn auch der Titel des neuen Albums "Jeder ist eine Schmetterlingin" – mag er auch noch so naiv klingen. Denn der Gedanke dahinter ist, sagt "DJ Hundefriedhof", "dass eine Raupe ein kleineres Wesen ist, das auf dem Fußboden ansässig ist, und sich im Laufe des Konzerts vielleicht zu einem fliegenden Schmetterling und einer Schmetterlingin auch verändern könnte eventuell, so dass es ein Prozess ist, den man vielleicht wahrnehmen kann."

Sascha Schreibvogel alias "DJ Hundefriedhof". Auch auf Album Nummer fünf ist die Musik von HGich.T gnadenlos anstrengend und verstörend. Die 14 Tracks wirken wie unvollständige Kurznachrichten aus dem Unterbewusstsein. Der Sprechgesang torkelt, taumelt und lallt zum unnachgiebigen dreckigen Beat. Rave-Hymnen über Nesthocker, Kiffer und Obdachlose. "Jeder ist eine Schmetterlingin" klingt unglaublich düster und kaputt. Wenn das die Welt widerspiegeln soll, wie sie ist, kann man sie nur betäubt im Rausch ertragen. "Tutenchamun" ergänzt:

"Was Ungeschöntes kann ja auch sehr schön sein. Es ist manchmal gut, Wege zu gehen, die einem erst nicht sinnvoll erscheinen, weil sie halt nicht schnell zum Ziel führen, aber alles, was schnell zum Ziel führt und wenig Spuren hinterlässt, brauch ich aus meiner Sicht gar nicht erst leben."

Pop abseits von Hochglanzproduktion

"Jeder ist eine Schmetterlingin" ist eine ungeschönte Betrachtung der Gesellschaft, mehr Studie als Kritik. Trotzdem ist auch indirekt Empowerment die Botschaft und zwar durch die Künstler selbst. Innerhalb des Pop und seiner Maschinerie von Hochglanzproduktionen bildet die Gruppe eine kleine Insel von Exoten jenseits von Filtern, Selbstoptimierungswahn und Perfektionismus des 21. Jahrhunderts.

"Wir sagen eben 'nö, seid divers! Sei so wie Du bist.' 'Jeder ist eine Schmetterlingin' heißt: Sei wie Du bist. Und Du bist so schön, wie Du bist. Aber sei halt auch Du selbst", sagt "DJ Balmi".

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