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Tonart | Beitrag vom 13.01.2020

Neues Album von Bill Fay Wiederentdeckt dank prominenter Fans

Dirk Schneider im Gespräch mit Andreas Müller

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Bill Fay steht mit gelb getönter Sonnenbrille, Hut und Mantel vor einem Teich. (Mathew Parri Thomas)
Er hatte geglaubt, man habe ihn aus der Musikgeschichte gelöscht - doch ein Anruf Ende der 1990er-Jahre war der Auftakt zu Bill Fays zweiter Musikkarriere. (Mathew Parri Thomas)

Musiker Bill Fay veröffentlichte in den 1970er-Jahren zwei Alben. Wegen Erfolglosigkeit beendete sein Label die Zusammenarbeit. Jahrzehnte später startete der Brite einen zweiten, erfolgreicheren Anlauf – auch dank Kollegen wie Nick Cave und Wilco.

Andreas Müller: Aus dem Stück "Be Not So Fearful" vom ersten Album des Briten Bill Fay aus dem Jahr 1970 meint man fast, einen weniger aufgekratzten Elton John herauszuhören. Diesen Bill Fay, der 1971 ein weiteres Album veröffentlichte, wollte damals allerdings niemand hören. Der Mann verlor seinen Plattenvertrag und musizierte fortan nur noch privat – bis er Ende der 1990er-Jahre einen Anruf bekam: Man wolle seine ersten beiden Platten wiederveröffentlichen. Ein Schock für den damals Ende 50-Jährigen, der geglaubt hatte, man habe ihn aus der Musikgeschichte gelöscht. Unter anderem Jeff Tweedy, der Sänger der Band Wilco, war länger schon Fan von Bill Fay und bemühte sich, ihn einer jüngeren Öffentlichkeit vorzustellen. Und 2012 erschien dann erstmals seit 1971 ein Album mit neuer Musik. An diesem Freitag erscheint nun Bill Fays insgesamt fünftes Studioalbum mit dem Titel "Countless Branches". Tonart-Redakteur Dirk Schneider hat das Album gehört. Wie macht sich Bill Fay mit seinen inzwischen 76 Jahren als Singer-Songwriter?

"Als würde er ins Leere singen"

Dirk Schneider: Er macht sich ziemlich gut. Zehn recht kurze Songs finden sich auf "Countless Branches", einige davon hat er vor vielen Jahren geschrieben, andere sind neu; welche das sind, verrät er leider nicht. Bill Fay hat eine wirklich eigene Stimme, die für sein Alter noch sehr zart ist und auch sehr viel Zärtlichkeit ausdrückt. Man kann sich sicher an manchen Stellen darüber streiten, ob die Grenze zum Kitsch überschritten wird, mich berührt dieses Album allerdings sehr. Ich finde, man hört immer noch, dass Fay so lange ohne ein großes Publikum komponiert hat. Er klingt immer ein bisschen so, als würde er ins Leere singen, und warten, dass von irgendwoher eine Antwort kommt. Das macht diese Musik so intim.

Müller: Der lange vergessene britische Musiker Bill Fay wurde von Musikern und Fans als Geheimtipp gehandelt, wenn nicht gar verehrt. Mal ganz offen gefragt: Hört man auf "Countless Branches" mehr als einen alten Mann, der schöne Lieder singt? 

Schneider: Ich finde auch, dass man ein bisschen vorsichtig sein muss – das ist ja schon ein Sport, für manche auch ein Geschäftsmodell, vergessene Musikerinnen und Musiker zu entdecken. Es gibt so viele von ihnen: Die Amerikanerin Linda Perhacs könnte man als ein Beispiel nennen, sie ist Fays Jahrgang, hatte nur ein Album veröffentlicht, 1970, wurde wiederentdeckt und hat dann 2014 wieder ein Album veröffentlicht. In ihrem Fall war das allerdings auch eine absolut verdiente Wiederentdeckung, trotzdem: Diese Geschichten, die über diese Leute erzählt werden, verkaufen sich ja immer gut: "Großes Talent, ist aber gescheitert und hat ein ganz gewöhnliches Leben geführt, wie du und ich, oft noch mit Krisen und psychischen oder finanziellen Problemen – und bekommt jetzt im Alter die lang versagte Anerkennung." Das ist rührend, und das hat etwas Authentisches, von solchen Leuten lässt man sich gerne das Leben und die Welt in Songs erklären.

"Ein gelungenes, besonderes Album"

Müller: Und lohnt sich das nun im Fall von Bill Fay, oder nicht?

Schneider: Ich finde, es lohnt sich sehr. Was Fay hier macht, hat ein bisschen etwas von naiver Kunst – er findet einfache Worte zu großen Themen, es geht um Liebe, Tod, das Leben und den schlimmen Zustand der Welt. Das Ganze hat sehr christliche Untertöne – sein zweites Album "Time Of The Last Persecution" von 1971 war ja sehr christlich motiviert und wurde zum Genre "Jesus Rock" gezählt. Es geht aber nicht nur um eine christliche Weltsicht: Die Hoffnung auf Erlösung, die in vielen seiner Stücke eine Rolle spielt, könnte man auch ganz weltlich interpretieren.

Musikalisch habe ich den Eindruck, dass man sich hier teils nicht ganz sicher war, wie man die Songs präsentieren soll. Einige Stücke, die musikalisch sehr schlicht gehalten sind, teils nur Fay am Piano singend, gibt es auf der CD dann nochmal als Bonus-Tracks in größer instrumentierter Band-Version.

"Vierzig Jahre hat Bill Fay nur für sich musiziert"

Die Herausforderung bei diesem Album war es ohne Zweifel, die Balance zu finden, ob ein Song ganz nackt dastehen kann oder ob diese besondere Stimme von Fay und seine – wenn auch einfachen, so doch oft sehr guten – Texte doch noch ein bisschen abgemildert, erheitert oder anders zurecht gerückt werden sollten durch die begleitende Band. An wenigen Stellen ist das nicht geglückt.

Für mich ist "Countless Branches" insgesamt ein sehr gelungenes, ein besonderes Album – vor allem auch darum, weil Bill Fay ohne jede Eitelkeit zu singen scheint, er versucht nicht, sich als alter, weiser Mann, zu verkaufen, auch wenn er einen grauen Vollbart trägt. Er scheint völlig bei sich zu bleiben, und das kann er wahrscheinlich so gut, weil er vierzig Jahre lang nur für sich und seine Freunde oder Familie Musik gemacht hat und damit schon längst seinen Frieden geschlossen hatte. Bill Fay tritt übrigens mit seiner Musik auch nicht auf.

(abr)

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