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Tonart | Beitrag vom 15.11.2019

Neues Album von André HellerÜbers Älterwerden und Drogen auf der Bühne

Moderation: Mathias Mauersberger

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Porträt von André Heller. (picture alliance/ APA/ Karl Schöndorfer)
1983 beendete er seine Bühnenkarriere - Jahrzehnte danach ist André Heller wieder ins Studio gegangen. Das Ergebnis heißt "Spätes Leuchten". (picture alliance/ APA/ Karl Schöndorfer)

Nach mehr als 30 Jahren Pause in Sachen Platten und Konzerte hat es den österreichischen Musiker André Heller nochmal gepackt: "Spätes Leuchten" heißt sein neues Album. Es sei sehr intim, sagt der 72-Jährige. Auf die Bühne will er nicht zurück.

Mathias Mauersberger: André Heller ist ein Mann, den man mit Show, mit großen Aktionen in Verbindung bringt. Er war Kulturkoordinator der Fußballweltmeisterschaft 2006, er gründete in den 80er-Jahren den Zirkus Roncalli. Jetzt hat André Heller nach über 30 Jahren ein neues Album veröffentlicht: "Spätes Leuchten", es erscheint heute. Und es zeigt eine ruhigere und intimere Seite von André Heller. Es ist das erste Album seit 33 Jahren, seitdem André Heller in der Mitte der 80er-Jahren seine Bühnenkarriere offiziell beendete. Wieso hat es André Heller jetzt doch noch mal gepackt, wieso hat er jetzt noch mal ein Album aufgenommen? 

André Heller: Schauen Sie, 33 Jahre ist eine lange Zeit, und ich habe eigentlich kaum mehr in irgendeiner Weise eine Ähnlichkeit mit dem Mann, der diese CDs, diese Schallplatten, diese Lieder, diese Konzertauftritte in den 70er- und 80er-Jahren, bis '83, getan hat. Es gibt so viele neue Themen, weil ich so viel dazugelernt habe, weil ich mich lernend verwandelt hab'. Und ich wollte mal Wurzel ziehen aus den neuen Erkenntnissen und die in eine Liederform bringen - weil ich nicht sterben wollte und anderen das Missverständnis lassen, dass alles, was ich bis '83 getan habe auf dem Sektor, alles beinhaltet, was ich zu sagen habe.

Mauersberger: Nicht ganz unschuldig an der Entstehung des Albums sei auch Ihr Sohn gewesen, haben Sie in einem Interview gesagt. Ferdinand Sarnitz, der unter dem Namen Left Boy sehr erfolgreich auftritt, er ist musikalisch an diesem Album auch beteiligt. Ist das ein familiäres Album?

Heller: Es ist einfach für mich interessant gewesen, meinen Sohn vor tausenden Menschen zu beobachten und mich dann auch zu erinnern an diese Erfahrung: Was das für ein Energieaustausch ist zwischen Publikum und Bühne. Und dann sind mir wieder irgendwelche sentimentalen Ideen gekommen, wie schön das war, mit Musik in einem Studio zu musizieren. Und eines Tages war ich einfach überfällig, dieses Wagnis einzugehen. Das Ergebnis, das halten Sie in den Händen.

Der Tod als "bester Mitarbeiter"

Mauersberger: Das Ergebnis heißt "Spätes Leuchten" und ist ein eher ruhiges, kontemplatives, nachdenkliches Album geworden, in dem Sie auch die großen Themen des Lebens behandeln. Sie haben eben schon den Tod, die Sterblichkeit angesprochen. Es geht in einem sehr berührenden Song um den Tod Ihrer Mutter, es geht um Liebe, um Glück. Gleichzeitig tauchen aber immer wieder geliebte Orte Ihres Lebens auf, also Wien, Venedig, Marrakesch, wo Sie heute zeitweise leben. Ist "Spätes Leuchten" auch eine Art Retrospektive, ein Rückblick auf die eigenen Lebensstationen?

Heller: Es ist der Versuch, mir selber und anderen vor Augen zu führen, was ich für ein privilegiertes Leben habe. Ich habe viel an Verzweiflung, viel an Abgründen, viel an Schmerz, Rasereien und Dummheiten und Verwerfungen in meinem Leben gehabt, aber gleichzeitig war ich immer beschützt. Ich durfte immer wieder meine Träume in der Wirklichkeit auf Ihre Statik überprüfen. Ich durfte immer neue Berufe lernen, und ich durfte immer neue Expeditionen und Wagnisse eingehen. Ich finde das skandalös, wenn ich dem nicht Anerkennung zolle. Insofern ist es in vielem ein sehr positives, von Dankbarkeit, von Liebe getragenes Album. Es erzählt natürlich über das Älterwerden, und es erzählt darüber, dass der wichtigste Mitarbeiter eben deswegen der Tod ist, weil er uns ununterbrochen daran erinnert, dass wir nicht ewig Zeit haben und dass wir das Kostbarste aus unserer Gesundheit, nämlich diese Zeit für kluge Einlassungen nutzen sollten.

Es ist familiär insofern, als es sehr intim ist. Das möchte ich schon sagen. Wir haben auch zuerst einmal die Aufnahmen in meinen Privaträumen begonnen und haben dort ein Studio aufgebaut, dass ich nicht irgendwie fremdele in einer Umgebung, die nicht auf meinen Ton gestimmt ist, aber dann später bin ich mutiger geworden, und wir sind dann in ein Studio ausgewandert.

Hören Sie es sich an. Ich will keine Betriebsanleitungen und auch nicht zu viel Erklärungen geben. Es ist doch so: Was immer man im Leben tut, ist dann, wenn man es in die Öffentlichkeit gibt, wie eine Flaschenpost, die man in das Meer der Aufmerksamkeit anderer schmeißt, und dann fischen sich das Leute heraus, horchen es sich an, lesen es, schauen es an und machen damit, was sie wollen. Das ist auch gut so. Das wäre ja vollkommen dumm zu sagen, Freunde, wenn ihr euch das anhört, dann bitte ich euch, das oder jenes zu denken oder diese oder jede Reaktion zu zeigen. Was immer einer damit macht, ist mir recht, und er ist für eine Reaktion verantwortlich, und ich bin für mein Album verantwortlich.

Nicht bereit, Lehren aus der Geschichte zu ziehen

Mauersberger: Dennoch wollen wir noch auf einen Song auf Ihrem neuen Album zu sprechen kommen, "Heldenplatz", da geht es nämlich um den gleichnamigen Platz in Wien, an den angrenzend ja der österreichische Bundespräsident und der Bundeskanzler residieren, ein politischer Ort mit bewegter Geschichte. Hier verkündete Adolf Hitler den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich 1938. Mit welchen Gefühlen schauen Sie heute auf den Heldenplatz, den Sie ja im Song als eine Wunde bezeichnen?

Heller: Ja, er ist eine ewige schwärende Wunde. Ich habe dort auch viele Veranstaltungen mitorganisiert in der Zweiten Republik - unter anderem die größte, die es jemals gab, nämlich das Lichtermeer. Für mich ist das eine Flanierzone in der Nacht, wenn dort maximal drei, vier Leute auch irgendwie ihre Schlaflosigkeit vertreiben wollen. Und ich gehe dann zwischen Burgtheater und Hofburg und Heldenplatz herum und sinniere. Immer empfinde ich das wie einen riesigen Ballsaal für Gespenster. Das ist eine Geschichte, die nie abgeschlossen ist; in Österreich schon gar nicht, der Ausbruch des Faschismus zuerst und dann des Nationalsozialismus. Es gibt einen bestimmten Prozentsatz von Menschen in Österreich, die nicht bereit sind, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Und dem muss man entgegenhalten eine Verfeinerung der Gesellschaft; nicht nachlassen, drauf hinweisen, dass alles, was mal schrecklich war, wiederkommen kann.

Für die Bühne immer Drogen

Mauersberger: Herr Heller, eine Frage zum Abschluss: Sie haben Ihre Konzerttätigkeiten 1982 offiziell beendet. Wird es jetzt Konzerte geben zum neuen Album?

Heller: Einer der Hauptgründe, warum ich meine Karriere in diesem Feld beendet habe, war, dass ich immer Drogen nehmen musste, um die Energie zu haben, Menschen am Abend zu faszinieren, wenn so eine Tournee Monate dauert und man viermal in der Woche auftritt. Es hat mir nicht gutgetan, diese Drogen zu nehmen, das nimmt jeden her, und das schädigt jeden und unterminiert jeden, der das tut. Ich habe dann 1983 gesagt, ich muss mich jetzt entscheiden zwischen einem würdigen Leben und Erfolgen, von Erfolg auf dem Sektor Konzert und Schallplatte - und habe mich dann verabschiedet von dieser Versuchung, dort weiterzuarbeiten.

Jetzt habe ich nicht im Geringsten die Absicht, wieder Konzerte zu geben, weil ich es wahrscheinlich wieder nicht könnte. Aus meiner Tradition kommend, die eine jüdische Tradition ist, die sagt, man singt nicht, wenn es 20 Uhr ist und Leute Eintritt bezahlt haben, sondern man singt, wenn man besonders fröhlich ist oder besonders traurig - und man darf nur an solchen Abenden auftreten, und unter diesen Voraussetzungen lässt sich keine Tournee veranstalten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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