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Tonart | Beitrag vom 15.04.2015

Neues Album "Instruments"Klassik darf tanzbar sein

Von Martin Risel

Der Plattenspieler (Turntables) einer Musikanlage, aufgenommen am 14.04.2005 (picture-alliance/ ZB / Andreas Lander)
Klassische Musik mit wummernden Sounds. (picture-alliance/ ZB / Andreas Lander)

Seit einigen Jahren gibt es den Trend, Clubkultur und klassische Musik zusammenzubringen. Techno-Miterfinder Jeff Mills hat vor zehn Jahren das Referenzprojekt geschaffen - nun zieht der Berliner Elektromusiker Henrik Schwarz nach.

Es gibt unzählige Remixes von "Leave my head alone brain", aber so hat man diesen bekanntesten Track von Henrik Schwarz noch nicht gehört: Eingespielt vom Tokio Secret Orchestra mit ausschließlich akustischen Orchesterinstrumenten. "Instruments" heißt denn auch das neue Album von Henrik Schwarz. Ein Grenzgänger ist der vor 42 Jahren geborene Schwabe, der in Berlin zum international gefeierten Elektromusiker wurde, schon lange. Mischt Jazz, Soul und Weltmusik in seine House-Live-Sets. Ist mit dem Staatsballett Berlin im Berghain aufgetreten, mit Maler Norbert Bisky bei einer Klanginstallation in der Kunsthalle Rostock und mit dem Innervisions Orchestra in vielen Clubs. Dieses Laptop-Orchester seines House-Labels war allerdings "peanuts" gegen sein Orchester-Projekt jetzt. Vier Jahre lang hat Henrik Schwarz Arrangements seiner Stücke entworfen, verworfen, neu entworfen.

"Das war jetzt aber schon das Aufwendigste, was ich je gemacht hab. Und auch eher ungewohnt, dass ich häufiger während des Produktionsprozesses gedacht hab: Das wird nichts. Und deswegen würde ich aus heutiger Sicht sagen: Ich bin schon stolz, dass ich durchgehalten hab. Und ich finde, die Leichtigkeit nicht verloren hat auf dem Weg."

Der gelernte Grafikdesigner kann zwar von Remixes und Live-Auftritten ganz gut leben, sich aber eine solche Produktion auch nur leisten, weil er das Ganze im Auftrag für ein Orchester begonnen und nun für das Label Sony Classical abgeschlossen hat.

"Heftige Diskussionen um Timing und Groove"

Mit dem Arrangeur Johannes Brecht erarbeitete Henrik Schwarz zunächst eine Aufführung im Berliner Kammermusiksaal mit dem Deutschen Kammerorchester, dann im Amsterdamer Concertgebouw mit dem Niederländischen Kammerorchester, schließlich für das Album mit dem Tokio Secret Orchestra. Jungen japanischen Musikern, die eigens dafür zusammen gecastet wurden. Die größten Schwierigkeiten im Produktionsprozess gab es immer wieder mit rhythmischen Faktoren. Erst flogen alle 16tel-Noten raus, dann alle Schlaginstrumente.

"Es gab immer wieder heftige Diskussionen um Timing und Groove und Akzentuierung und solche Dinge. Weil einiges von der Musik tatsächlich zerfällt, wenn es nicht absolut präzise, maschinenartig gespielt wird. Das habe ich aber immer versucht, sehr streng einzufordern und trotzdem ist es nicht immer gelungen."

Klavier spielt Henrik Schwarz erst seit fünf Jahren, sonst war immer der Computer sein Instrument. Und der spielt im Techno die Bassdrum immer exakt auf der eins, kennt nicht die menschlichen und akustischen Faktoren des Orchesterklangs. Wo minimale rhythmische Verzögerungen in der Klangerzeugung der Instrumente begründet liegen, in der Reaktionszeit der Musiker auf Anweisungen des Dirigenten. Oder es schon reicht, wenn nur zehn Prozent der Musiker nicht hundertprozentig rhythmisch exakt spielen, weil das eben in der Klassik seltener gefordert wird.

Jeff Mills hat mit "Blue Potential" vor zehn Jahren das Referenz-Projekt zwischen klassischem Orchesterklang und elektronischer Musik geschaffen. Der Techno-Gott ist dabei – wie jetzt Henrik Schwarz – auch schon am Problem der rhythmischen Dynamik fast verzweifelt, das sich aus dem Zusammenspiel zwischen Orchester und digitalen Rhythmus-Instrumenten ergibt.

"Ich füge Klänge hinzu, die ein Orchester unmöglich nachempfinden kann. Ich spiele Percussion und drum machine. Instrumente, die immer Grundlage für meine Werke waren."

Anders als jetzt bei Henrik Schwarz waren für dessen Idol Jeff Mills diese elektronischen Rhythmus-Instrumente unverzichtbar. Einen jungen Komponisten und Arrangeur hatte der Elektro-Held aus Detroit aber auch an seiner Seite, um die eigenen Tracks in Orchesterstimmen umzuwandeln: den Franzosen Thomas Roussel.

"Ich finde, beide Welten funktionieren perfekt zusammen, weil das Sinfonieorchester das Organische beiträgt, das der elektronischen Musik manchmal fehlt. Und die elektronische Musik bringt dieses Kraftvolle. Ein Orchester kann auch kraftvoll spielen. Aber elektronische Musik hat diese rhythmische Präzision, diese stumpf-dröhnende Seite, die mich unwahrscheinlich berührt. Deshalb ist die Wirkung dieses Zusammenspiels auch so gut."

Das Kraftvolle und Rhythmische steht im Vordergrund

Bei "Blue Potential" stehen auch eher das Kraftvolle und Rhythmische im Vordergrund. Entwickelt zunächst für ein Live-Konzert, bei dem junge Nicht-Klassik-Fans zum Orchestersound tanzen sollten. Und auch für ein Genie wie Jeff Mills war das Ganze ein schwieriger Lernprozess:

"Für mich und andere elektronische Musiker ist es so, dass wir am meisten lernen, wenn wir die Gelegenheit haben, unsere Musik mit anderen Richtungen zu mischen. Es geht nicht darum, ob das klappt oder nicht. Sondern um die Möglichkeit, sich auszuweiten. Das empfinde ich als Herausforderung."

Schwarz: "Jeff Mills hat mich immer wieder auch dazu gebracht, Sachen anders zu machen. Ich glaube, 'Blue Potential' war auch der Grund, warum es bei mir keine bassdrum gibt. Carl Craig hat es ja auch versucht mit Orchester, hat auch seine Elektronik mit auf der Bühne gehabt. Aber man muss vielleicht einräumen: Uns fehlt die Erfahrung mit den Orchestern. Und trotzdem wagen wir uns raus."

Henrik Schwarz zeigt mit seinem großartigen neuen Album nicht nur den großen Techno-Vorbildern Jeff Mills und Carl Craig, dass elektronische Musik im Orchesterklang auch ohne Rhythmus-Instrumente bestehen kann. Und will als nächstes mit einem Streichquartett arbeiten, weiß aber: Dies ist die vielleicht höchste Kunst.

"Wir müssen alle noch lernen, glaube ich. Aber wenn es dann funktioniert, dann finde ich es auch extrem spannend. Weil dann entsteht irgend eine innere Schönheit in so einer Musik. Das ist dann eigentlich, wonach ich immer gesucht hab. Wenn das dann alles klickt und gleich schwingt, dann sind wir ja bei diesem etwas transzendenten Moment, der uns ja im Techno interessiert. Und das kann das Orchester auch. Dann entsteht da eine Spannung in der Luft, wo man denkt: Ja, genau darum geht's."

Mehr zum Thema:

Mit dem Klavier in die Disko
(Deutschlandfunk, Corso, 13.03.2013)

Klassik im Club-Kontext
(Deutschlandradio Kultur, Profil, 08.06.2010)

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