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Tonart | Beitrag vom 02.11.2016

Neues Album "Flotus"Lambchop überraschen mit Hip-Hop-Einflüssen

Von Carsten Beyer

Lambchop-Sänger und -Gitarrist Kurt Wagner. (imago/STAR-MEDIA)
Lambchop-Sänger und -Gitarrist Kurt Wagner. (imago/STAR-MEDIA)

Seit über 20 Jahren gehören Lambchop zu den wichtigsten Alternative-Country-Bands der USA. Auf ihrem neuen Album "Flotus" brechen sie endgültig mit den Konventionen des Genres. Wie es dazu kam, erklärt Bandleader Kurt Wagner.

Nanu, ist das wirklich das neue Album von Lambchop? Da, wo der langjährige Fan eigentlich den gewohnten Soundteppich aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein paar sanften Bläsern erwarten würde, tuckern stattdessen nur ein paar digitale Beats vor sich hin.

Geschlagene 30 Sekunden geht das so – und schließlich, als Kurt Wagner endlich zu singen ansetzt, ertönt anstatt seiner vertraut-sonoren Bass- Stimme ein seltsam fernes, verzerrtes Quäken - wie aus dem Lautsprecher eines Supermarkts

Nein, "Flotus" ist keine ganz einfache Kost, jedenfalls nicht beim ersten Hören. Das fängt schon beim Titel an. "Flotus" – diese Abkürzung sagt dem englisch- unkundigen Hörer gar nichts, sie führt aber auch erfahrene native speaker aufs Glatteis

"In den USA steht 'FLOTUS' eigentlich für 'First Lady of the United States', also für die Präsidenten- Gattin. Hier auf diesem Album steht es aber als Abkürzung für 'For Love Often Turns Us Still' – weil uns die Liebe oft stumm macht. Der Titel hat also eine doppelte Bedeutung. Meine Frau ist die Vorsitzende der Demokraten in Tennessee, deshalb beschäftige ich mich zwangsläufig immer mal wieder mit Politik. Doch hier geht es eher um Liebe und darum, eine geliebte Person in ihren Bemühungen zu unterstützen."

Kurt Wagner sieht sich noch immer als Country-Sänger

Die musikalische Liebeserklärung stieß zunächst auf taube Ohren, gibt Kurt Wagner zu. Auch die eigene First Lady musste sich erstmal an den neuen Lambchop- Sound gewöhnen. Schließlich hatte sie sich vor mehr als 20 Jahren in einen Gitarre-spielenden, singenden Bandleader verliebt und nicht in einen Sound-Bastler, der die Tage im Keller vor seinem Laptop verbringt. Doch das Image des Computer-Nerds möchte Wagner nicht auf sich sitzen lassen.

Er sieht sich noch immer als Country-Sänger, als Country-Sänger allerdings, an dem digitale Revolution in der Aufnahmetechnik nicht komplett vorbeigegangen ist:

"Ich war schon immer an elektronischer Musik interessiert. Auch bei einem Album wie "Is a Woman" haben wir eine ganze Menge elektronische Klänge verwendet. Man hört sie nur nicht so sehr, weil sie im Mix verschwunden sind. Jetzt aber, nachdem sich die technischen Möglichkeiten immer weiter entwickelt haben, konnte ich wirklich mal ein Album machen, bei dem ich die Songs ganz alleine entwickelt habe, nur mit meiner Stimme, einem Effektgerät und meinem Laptop. Das hat eigentlich auch ganz gut funktioniert – schwierig dabei war nur, meine Stimme und die Dinge, über die ich schreibe, mit dieser Art von Musik zusammen zu bringen."

Tatsächlich, sobald man sich etwas intensiver auf "Flotus" einlässt, entfaltet das Album seine Stärken. Statt Gitarre oder Pedal Steel setzen diesmal eben Sampler, Sequencer und Synthesizer die Akzente. Verzerrte Gesangsfetzen werden zu Echos, Ambient-Klänge verwandeln sich in subtile Melodien – und selbst die ungewohnten synthetischen Beats verströmen lässigen Lambchop-Charme.

Einflüsse durch seine Nachbarn

Gelernt hat Kurt Wagner diese Art des Songwritings von Westcoast-Hip-Hoppern wie Flying Lotus, Frank Ocean und Kendrick Lamar. Das sind – zugegebenermaßen – ungewöhnliche Vorbilder für einen 57-jährigen Country-Musiker aus Nashville. Begegnet ist er Ihnen beim Kaffeetrinken auf seiner Veranda:

"Meine Nachbarn, die seit 20 Jahren neben mir wohnen, waren schon immer Hip-Hop-Fans. Die haben schon in den 90er-Jahren dieses ganze Underground-Zeug von der West Coast gehört. Sie saßen in ihren Autos, zehn Meter von mir entfernt, und haben ihre Mixtapes abgespielt – wieder und wieder! Ich bin quasi zwangsläufig mit dieser Musik aufgewachsen, von daher war mir klar, dass sie irgendwann auch mal auf einer Lambchop-Platte auftauchen würde. Für mich hat sich da ein Kreis geschlossen: Ich habe in meinem Keller an neuen Sounds gebastelt und dann kam ich raus und da waren meine Nachbarn und haben in ihrer Einfahrt ganz ähnliches Zeug gehört. Das war toll!"

Das Herzstück von "FLOTUS" kommt ganz zum Schluss, in dem fast schon epischen Song "The Hustle": Über 18 lange Minuten spannt Kurt Wagner hier einen Bogen aus schleppenden Beats, aus elektronischen Klangflächen und einem Text, der vom Besuch einer Quäker-Hochzeit erzählt. Man kann das als Statement über die Countrymusik in Zeiten der Digitalisierung betrachten, man kann es aber auch – so wie Kurt Wagner – einfach sportlich sehen:

"Wir haben noch nie so ein langes Stück aufgenommen, deswegen wollten wir es machen. 'The Hustle' war überhaupt der erste Song, den ich für dieses Album geschrieben habe. Er ist so eine Art Türöffner für das ganze Konzept, er soll die Leute mit dem Gedanken vertraut machen, dass jetzt mal was anderes kommt. Außerdem sollte er so lang sein, dass er eine ganze LP – Seite füllt. Das hatten wir noch nie ausprobiert – also, warum nicht?"

"Flotus", das neue Album von Lambchop, erscheint am 4. November 2016.

Tonart

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