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Tonart | Beitrag vom 07.10.2019

Neues Album des Rappers Capital BraHip-Hop-Hits vom Fließband

Axel Rahmlow im Gespräch mit Andreas Müller

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Der Rapper "Capital Bra" in der Maimarkthalle in Mannheim während seines Tourauftakts 2019. (picture alliance/dpa/Uli Deck)
Alben, die nur einen Anlass für eine Tour liefern sollen: Tourauftakt des Rappers Capital Bra im April 2019. (picture alliance/dpa/Uli Deck)

Mehr als die Beatles oder Abba: Capital Bra hatte seit vergangenem Jahr 15 Nummer-eins-Hits in den deutschen Charts. Er beherrsche die sozialen Medien, sagt der Journalist Axel Rahmlow über das Erfolgsrezept des Berliner Rappers.

Andreas Müller: Letzte Woche ist das neue Album "Berlin lebt 2" von Capital Bra, Rapper aus Berlin, erschienen. Es ist zusammen mit Rapper Samra entstanden - nach einem Solo-Album in diesem Jahr und zwei Solo-Alben im letzten Jahr. Capital Bra hatte seitdem 15 Nummer-eins-Hits in den deutschen Charts. Was das angeht, ist er zum Beispiel erfolgreicher als die Beatles oder Abba. Journalist Axel Rahmlow, hat Capital Bra schon gesehen, als er noch in Berlin vor 50 Leuten aufgetreten ist. Das ist gerade mal fünf Jahre her. Jetzt diese Masse an Material in kurzer Zeit, alles extrem erfolgreich - sind da Unterschiede zu hören oder Entwicklungen oder ist das alles das Gleiche?

Axel Rahmlow: Im Endeffekt ist Capital Bra so etwas wie das Fließband des deutschen Raps. Da kommen hinten zwei Arten von Songs raus: Einmal die klassischen Straßenrap-Songs, also Geschichten vom Leben zwischen Kleinkriminalität und Protzerei und Reue. Die überwiegen zum Beispiel auf dem aktuellen Album mit Samra.


Müller: Das heißt im Endeffekt: Er hat zwei verschiedene Arten von Liedern. Dazu die normalen Themen, die es schon immer im Rap gegeben hat. Und Stimmeffekte zum Singen nutzt doch mittlerweile jeder zweite Rapper. Das erklärt den Erfolg nicht.

Rahmlow: Also generell: Beim Hören ist kaum zu unterscheiden, was auf welcher Platte der letzten beiden Jahre gewesen ist. Aber die Sache mit den Melodien und dem Singen: Viele Rapper machen das, ja - aber sie machen das meiner Meinung nach handbuchmäßig und denken, sie trauen sich was. Capital Bra ist da viel konsequenter, sehr viel poppiger. Der macht zum Beispiel ständig so was wie "La-la-la-la", "le-le-le-le" - und es klingt authentisch und als ob er das wirklich gerne machen würde. Man kann bei diesen Alben auch hören, wie er sich immer mehr wohl dabei fühlt, mit der Stimme zu experimentieren. Das geht auch soweit, dass er sogar schon mal "Cherry Cherry Lady" von Modern Talking gecovert hat. Das wäre vor zehn Jahren in Rap unmöglich gewesen. Und man muss natürlich sagen: Das finden nicht alle im deutschen Hip-Hop toll, auch wenn der Umgang mit Pop heute viel entspannter ist als vorher. Capital Bra hat die Grenzen nochmal verschoben, insgesamt im positiven Sinne. Und das macht ihn so attraktiv für ein breites Pubikum.

Relativ viele weibliche Fans

Müller: Obwohl er inhaltlich nichts Neues zu sagen hat?

Rahmlow: Er hat mal einen Song über den Krieg in der Ost-Ukraine gemacht. Das ist aber fünf Jahre her, da kannte ihn noch keiner. Unabhängig davon glaube ich: Rap ist ja zum einen ganz viel Unterhaltung. Das muss nicht alles brachial neu sein. Das ist ja in vielen anderen Musikgenres auch so. Und außerdem muss man sich auch nochmal das Publikum anschauen und dann relativiert sich das mit dem "neu".

Ich war mal auf einem Konzert von ihm letztes Jahr, und zufällig bin ich mal an einer Autogrammstunde in Berlin vorbeigelaufen. Das ging nur mit Polizei, so viel war da los. Auf jeden Fall muss man festhalten: Die Fans sind in der Regel sehr, sehr jung. Capital Bra ist ja selbst auch erst Mitte 20.

Und für diese jungen Fans erzählt diese Musik dann eben doch was Neues: In diesem Fall wie ein Kind aus der Ukraine nach Deutschland kommt, die Schule abbricht, kleinkriminell ist und dann aber erfolgreicher Rapper wird. Das ist keine neue Geschichte im Hip-Hop. Aber für dieses Publikums ist das neu. Für die hat das entweder eine Art Vorbildcharakter, weil sie eine ähnliche Familiengeschichte haben. Oder sie finden das faszinierend, weil es eine raue Welt ist, von der da erzählt wird, die sie gar nicht kennen als behütete Jugendliche. So wie früher Bushido in etwa.

Wenn ich heute 16 oder 18 wäre, würde ich auch Capital Bra hören. Den kann ich nämlich auch hören, wenn ich mit dem ganzen brachialen Rap nicht anfangen kann, der kann auch harmlos wirken, deswegen hat er auch relativ viele weibliche Fans, denke ich.

Die sozialen Medien und die Jugendlichen verstanden

Müller: Aber auch hier kann man wieder dagegenhalten: Diese Rapper-Biografien mit den Geschichten vom kriminellen Leben, damit gibt es doch auch etliche Rapper dieser jungen Generation. Was macht Capital Bra besser als der Rest?

Rahmlow: Zwei Dinge: Er hat die sozialen Medien am besten verstanden. Er hat mehr als 3,5 Millionen Fans auf Instagram, die werden beinahe täglich mit Videos versorgt, auch mal mit kurzen exklusiven Strophen. Die werden als Brüder und Schwestern quasi zur Familie gemacht. Da kann man das Gefühl bekommen, dass man am Leben eines verrückten, aber coolen Kumpels teilhat.

Und: Niemand in der deutschen Hip-Hop-Szene hat meiner Meinung nach ein derart zeitgemäßes Verständnis für die Art und Weise wie Jugendliche heute Musik hören. Nämlich auf YouTube oder auf Spotify - und das kostenlos. Dort holt sich Capital Bra auch seine Nummer-eins-Hits ab, dort bricht er Rekorde. Er hat bei Spotify mehr als vier Millionen regelmäßige Hörer.

Da taucht ein Song nach dem anderen auf, mal unter Pseudonym, mal in einer Kollabo so wie jetzt mit Samra. Es vergehen keine Monate oder sogar Jahre dazwischen. Und die Alben, so wie jetzt "Berlin Lebt 2", die sind dann eigentlich nur noch wichtig, um einen Anlass für eine Tour zu haben. Die Fans hören sowieso nur ihre Lieblingssongs im Netz. Und genau für die liefert Capital Bra wie ein Fließband ab.

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