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Tonart | Beitrag vom 27.10.2020

Neues Album der GorillazMelancholie im Lockdown

Von Christine Franz

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Die Gorillaz (Warner Music)
Eigentlich als Spaßprojekt neben Blur gedacht, sind die Gorillaz schon lange viel erfolgreicher als die Britpop-Band. (Warner Music)

Für ein Spaßprojekt ganz schön erfolgreich: So könnte man die letzten 20 Jahre der Gorillaz zusammenfassen. Jetzt liefern sie mit ihrem siebten Studioalbum eine der besten Platten des Jahres.

Alles begann als eine Befreiung vom starren Britpop-Konzept. Damon Albarn war mit seiner Band Blur auf dem Höhepunkt des Erfolgs, auf einem Level mit Oasis. Doch er wollte sich kreativ weiterentwickeln. Also gründete er zusammen mit seinem Freund Jamie Hewlett eine neue Band: die Gorillaz.

Berühmte Gastmusiker sind wieder mit dabei

Doch Hewlett ist kein Musiker, sondern Comiczeichner. Für ihn war es die Möglichkeit, ein ganzes Universum um eine fiktive Band herum zu erschaffen. Aus dem einstigen Spaßprojekt wurde die erste weltweit erfolgreiche virtuelle Band: mit aufwendigen Animationen, weltberühmten Gastmusikern im Hintergrund und mehr als 20 Millionen verkauften Platten weltweit. 

Nun erschien das siebte Album der Gorillaz. "Song Machine, Season One: Strange Timez" greift gleich zu Beginn eine Gorillaz-Tradition auf: die der berühmten Gastsänger. In diesem Fall handelt es sich um Robert Smith von The Cure, aber auch Indie-Ikone Beck und Musikerinnen wie St. Vincent und Joan as Police Woman sind zu hören. Dazu kommen Grime-Stars wie Skepta und Kano sowie ein posthumer Song mit Afrobeat-Pionier Tony Allen, der im April dieses Jahres verstorben ist.

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Damon Albarn fungiert auch auf dem neuen Gorillaz-Album wieder als großer Strippenzieher, Netzwerker und Kurator, dem es immer darum geht, ungewöhnliche Connections zu finden. Bei ihm darf Grime neben Punk stehen, Pop neben Rap und es entsteht eine Art "borderless pop", der sich aller Grenzen und Schubladen verweigert.

So bringt Albern zum Beispiel Elton John und US-Rapper 6LACK im Song "The Pink Phantom" zusammen.

Durch "Song Machine, Season One: Strange Timez" zieht sich dabei kein inhaltlicher Faden. Vielmehr ist das gesamte Album von einer gewissen Melancholie durchzogen, was auch daran liegen könnte, dass einige der Songs im Lockdown entstanden sind.

Nachträglich zu einer Platte gemacht

Dazu kommt Albarns natürliches Gespür, eine gesellschaftliche Stimmung einzufangen, ohne dabei explizit politisch zu sein. Der englische "Independent" schrieb daher sehr treffend: "Albarn klingt, als ob er gerade von einem Betäubungspfeil getroffen worden sei."

Diese leicht verspulte Melancholie, wie ein leicht depressiver Crooner, hört man sehr schön im Song "Aries", dessen Bass von New Orders Peter Hook gespielt wird – was man auch sofort erkennt.

Bei "Song Machine, Season One: Strange Timez" handelt es sich zudem um kein klassisches Album. Alle Songs sind seit Januar als Videos erschienen und wurden eher nachträglich zu einer Platte zusammengefügt.

Neue Hochform

Albarn sagte dazu, dass man sich die Songs eher wie eine Serie, deren Episoden man nacheinander streamt, vorstellen soll. Das deuten der Titel mit dem "Season One" und die Art, wie die Lieder veröffentlicht wurden, auch schon an. Dass es hinterher eher wie eine Spotify-Playlist oder ein Mixtape klingt, wo jeder Song auch einzeln für sich stehen könnte, ist dabei eine absolut zeitgemäße Strategie, in einer Zeit, in der das Album als Kunstform für tot erklärt wird.

Musikalisch waren die Gorillaz für Albarn schon immer eine Spielwiese, ein Experimentierfeld. Das ist Stärke und Schwäche zugleich, denn gerade auf den letzten beiden Alben hat er sich damit sehr verrannt.

Doch "Song Machine, Season One: Strange Timez" ist Albarn in Hochform. Das Songwriting, die Auswahl der Gäste, die Kuration: Als man dachte, das Projekt Gorillaz ist auserzählt, kommt er nochmal mit einem solchen Meisterwerk daher. Am Ende bleibt eines der großen Popalben des Jahres.

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