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Tonart | Beitrag vom 24.09.2015

Neues Album der FehlfarbenLaut, grell und bitterböse

Von Carsten Beyer

Auftritt der Gruppe "Fehlfarben" mit Sänger Peter Hein. (dpa / picture alliance / Julia Hoppen)
Auf dem neuen Album klingen Fehlfarben aggressiv und direkt wie eh und je. (dpa / picture alliance / Julia Hoppen)

Die Band Fehlfarben hat in den 1980ern die deutsche Popmusik wegweisend beeinflusst. 35 Jahre danach sind die Musiker um Sänger Peter Hein noch immer da. Ihr neues Album "Über ... Menschen" klingt so aggressiv und direkt wie immer.

Wie schafft man es, über mehr als drei Jahrzehnte relevant zu bleiben, ohne sich an den Zeitgeist zu verkaufen? Wie konserviert man den Tonfall des Angry Young Man, wenn man selbst mit großen Schritten auf die 60 zugeht? Peter Hein hat mit seinen Fehlfarben genau das geschafft. Doch wie, das weiß er selbst nicht so genau. Vielleicht, indem er einfach weitergemacht hat. Indem er sich auch von Enttäuschungen und Nackenschlägen nicht hat entmutigen lassen. Und indem er das Dasein als Sänger einer Rockband nicht mythologisiert, sondern als das betrachtet, was es ist: als eine Arbeit mit Gleichgesinnten an einem Produkt.

"Also wir waren jetzt nicht als Band so eine verschworene Truppe oder sowas. Wir waren immer eher so ein lockerer Haufen, der sich ab und zu getroffen hat, um was zu machen. Ich find mich da eher wieder als in so einem klischeemäßigen: Alle wohnen zusammen, alle machen alles zusammen, hocken 24 Stunden am Tag zusammen, so Beatles-mäßig. Das kommt mir viel anstrengender und unerträglicher vor als das Andere."

35 Jahre nach "Monarchie und Alltag", drei Jahre nach dem letzten Studioalbum "Xenophobie" klingen die Fehlfarben auf dem neuen Album aggressiv und direkt wie eh und je. Und doch sind sie nicht einfach stehengeblieben. Mit Saskia von Klitzing am Schlagzeug und dem neuen Gitarristen Thomas Schneider sind ein paar jüngere Musiker in die Band gekommen. Das macht sie spritziger, melodisch und rhythmisch beweglicher. "Angebratener No Wave Funk" schlägt das Plattenlabel in seiner Bandinfo vor und "Slowfox-Pogo mit einem Schwerpunkt auf Platzangst". Das soll wohl originell sein, stößt bei Peter Hein jedoch nur auf Kopfschütteln.

Peter Hein von der Band "Fehlfarben" (Deutschlandradio / Phillip Eins)Peter Hein von der Band "Fehlfarben" (Deutschlandradio / Phillip Eins)

"Das Info habe ich auch nicht verstanden. Ich weiß auch nicht genau, wo das herkommt, also da bin ich nicht draus schlau geworden. Aber diese Beschreibungen treffen es genauso viel oder wenig wie alles andere, also da fällt mir auch immer nur ein – was machen wir schon? Rockmusik – mehr ist das ja eigentlich nicht."

Einer der besten Texter der deutschen Musikszene

Peter Hein ist noch immer einer der besten Texter in der deutschen Musikszene. Mal laut und grell, mal ganz dezent und bitterböse sind seine Texte – aber immer ehrlich und auf den Punkt: Autoritäten – religiöse, politische und moralische – sind noch immer seine Lieblingsfeinde. Außerdem die Neuen Medien und der moderne Stadtmensch, der mit dem Coffee to go in der einen und dem Handy in der anderen Hand gegen die Straßenbahn läuft. Die Fehlfarben als einsame Rufer in einer sich selbst verblödenden Welt - das klingt manchmal fast schon ein wenig verbittert. Doch diesen Eindruck will Peter Hein auf keinen Fall auf sich sitzen lassen.

"Ratlosigkeit ist nicht verbittert! Also wir prangern gerne Sachen an, sind aber nicht wirklich wütend darob und wollen die Welt auch nicht verbessern. Das funktioniert eh nicht in dem Sinne, das erledigt sich dann irgendwann von selber. Aber wir freuen uns immer, wenn es uns gelingt, Salz in die eine oder andere Wunde zu reiben."

Mit dem neuen Album werden die Fehlfarben in den nächsten Monaten auch auf Tour gehen. Er freut sich drauf, sagt Peter Hein und zum ersten Mal geht sowas wie ein Lächeln über sein Gesicht.

"Tour und so – Konzerte, das ist super. Also ich persönlich mach das gerne und die Anderen auch. Das ist sozusagen der Grund, dass man immer weitermacht, dass man auch Konzerte kriegt. Platte dient ja heutzutage eh nur dazu, dass Du auch Konzerte machen darfst, weil wenn kein Produkt da ist, dann gibst keine Konzerte."

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