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Tonart | Beitrag vom 18.10.2019

Neues Album "Bang" von Mando DiaoLang leben die Gitarren

Von Kerstin Poppendieck

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Sänger Björn Dixgård steht mit einer Jazzgitarre in weißem Hemd auf der Bühne und reckt den Arm empor. (picture alliance/Rita Franca)
Ihre Lieder seien ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des Establishments, sagt Sänger Björn Dixgård. (picture alliance/Rita Franca)

In einer Welt, in der junge Musikfans hauptsächlich Hip-Hop und elektronische Musik hören, stemmen sich Mando Diao mit krachenden Gitarren gegen das Aussterben des Rocks. Ihr neues Album "Bang" ist ein rifflastiger Rettungsversuch.

Warum heißt das neue Mando-Diao-Album "Bang"? "Wir haben ein universelles Wort gesucht, das gleichzeitig ganz unterschiedliche Bedeutungen haben könnte. Für die einen ist es ein Synonym für Party, für andere bedeutet es Sex oder die beste Band überhaupt zu sein. Wir wollten ein sehr kurzes intensives Rock´n´Roll Album machen, und genauso kurz und intensiv sollte der Titel sein", sagt Björn Dixgård, Sänger der schwedischen Rockband.

Kurz heißt in diesem Fall zehn Lieder, gut 30 Minuten Spielzeit. 30 laute, treibende Minuten mit dominanten E-Gitarren, viel Schlagzeug und der angenehm sonoren Stimme von Sänger Björn Dixgård, die aber auch kratzig und rau klingen kann. Rock'n'Roll, der eine Brücke schlägt zwischen den 1960ern und heute. Dass die E-Gitarre im Mittelpunkt des neunten Studioalbums der Band steht, war eine strategische Entscheidung.

"Als wir mit dem letzten Album auf Tour waren, haben wir festgestellt, wie sehr das Publikum auf unsere Gitarrenriffs stand. Also dachten wir, dass es vielleicht eine ganz gute Idee sei, Songs mit mehr Gitarrenriffs zu schreiben. So entstand die Idee für dieses Album. Unser Gitarrist Jens hat mir Riffs geschickt und dann haben wir daraus die Songs entwickelt", sagt Dixgård.

"Es geht nicht ohne Gitarren"

"Dieses Album ist unser gitarrenlastigstes Album bisher. Klar geht es auch um den Gesang, aber die Gitarren stehen im Mittelpunkt. Ich finde, es wirkt sogar etwas bluesig. Es ist kein echtes Blues-Album, aber die Melodien haben Blues-Einflüsse."

Dass gitarrendominierte Rockmusik ein aussterbendes Genre ist, hört man immer wieder. Jahrzehntelang war die Gitarre das beherrschende Instrument der Popmusik, doch heute hören vor allem junge Musikfans lieber computergenerierte Musik und Hip-Hop. Auch Björn Dixgård kennt diese Aussagen, gibt aber nichts drauf. Selbst den Beatles wurde Anfang der 1960er-Jahre schon gesagt, dass keiner mehr Gitarrenbands hören wollen würde. Das hat die Beatles nicht beeinflusst und das beeinflusse auch Mando Diao nicht:

"An manchen Orten auf dieser Welt behaupten Leute, dass Rock'n'Roll-Musik ausstirbt, dass Gitarren aussterben. Das ist Quatsch. Ich sehe und höre ständig Gitarren. Sie sind vielleicht gerade nicht das beliebteste Instrument in der Popmusik, aber es geht nicht ohne Gitarren. Man kann nie Nein zu einer Gitarre sagen. Zu einer guten Gitarre."

Mittelfinger in Richtung des Establishments

Die zehn Songs des Albums sind gemacht für Live-Konzerte, bei denen das Publikum mitsingen und eine gute Zeit haben will. Inhaltlich geht es darum, sich selbst zu befreien. Von gesellschaftlichen Zwängen genauso wie von selbstauferlegten Beschränkungen, wie zum Beispiel im Lied "Don´t Tell Me". Laut Sänger Björn Dixgård ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des Establishments.

Allerdings ist es eher so, dass die Texte zwischen Gitarren und Schlagzeug untergehen. Auch die Stimme von Björn Dixgård transportiert eher Gefühle als Inhalte. Sodass der Versuch, mit politisch motivierten Songs wie "Society" das Publikum zum Nachdenken zu animieren, nur zum Teil aufgeht.

Den Leuten eine gute Zeit verschaffen

"Ich habe mit diesen Worten herumgespielt: Gesellschaft und Veränderung. So kam ich auf die Frage "Werden wir uns jemals ändern?". Diese Frage ist an jeden gerichtet. Ich frage mich das auch oft selbst: Werden wir es jemals schaffen, diese Welt besser zu machen? Es passiert gerade so viel Mist überall. Wir waren aber schon immer politisch in unserer Musik. Unsere Politik ist es, den Leuten eine gute Zeit zu verschaffen. Das klingt jetzt vielleicht naiv und kindlich, aber wenn wir die Welt besser machen wollen, ist das unser Beitrag dazu."

Gitarren in der Rockmusik sind tot, lang leben die Gitarren. Das beweisen Mando Diao sehr eindrucksvoll auf ihrem neuen Album "Bang". Es hätte ein einziger krachiger Riff-Misch-Masch werden können, ist es aber nicht. Denn neben partytauglichen Rocksongs gibt es auch sinnliche und ruhige Lieder, die für Abwechslung sorgen. Eine überzeugende Liebeserklärung an das wichtigste Instrument im Rock.

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