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Tonart | Beitrag vom 01.11.2017

Neuerscheinungen: KlassikMusikalische Lust und makellose Technik

Von Rainer Pöllmann

Der russische Pianist Daniil Trifonov (picture alliance / dpa)
Der russische Pianist Daniil Trifonov (picture alliance / dpa)

Daniil Trifonov zählt zu den besten Pianisten. Soeben hat er unter anderem Chopin eingespielt. Das Ensemble Resonanz bringt das Weihnachtsoratorium mit E-Gitarre und Moog-Synthesizer heraus. Und der Pianist Jewgenij Kissin meldet sich mit Beethoven zurück.

Wer ist der beste Pianist der Welt? Blöde Frage. Seit wann wird Kunst in Ranglisten gewertet. Doch, wird sie, immer wieder und natürlich ganz besonders von Plattenfirmen und ihren medialen Unterstützern. Sie arbeiten heftig daran, ihre jeweiligen Tastenritter zum Weltranglistenführer zu erklären. Einer der Kandidaten für den "weltbesten Pianisten" ist Daniil Trifonov. Und ein neues Album von ihm sorgt für entsprechende Resonanz.

"Chopin Evocations" heißt es. Eine ziemlich bunte Mischung auf 2 CDs. Die beiden Klavierkonzerte – überflüssigerweise in einer neuen Instrumentierung des Pianistenkollegen Michail Pletnev –, ein Impromptu, das Rondo für zwei Klaviere und die Variationen über Mozarts "La ci darem la mano" sowie fünf Werke, die sich auf Chopin beziehen.

Von Schumann, von Grieg, Samuel Barben, Tschaikowsky und Frederic Mompou. Das ist hübsch zusammengestellt, ein dramaturgisches Konzept ist allerdings nicht wirklich erkennbar. Aber Trifonov spielt einfach toll. Unglaublich nuancenreich, energiegeladen, mit musikalischer Lust und makelloser Technik. 

Trifonov spielt einfach toll

Vor einigen Wochen ist übrigens bei der gleichen Plattenfirma noch ein weiteres Klavier-Doppelalbum herausgekommen. Jewgenij Kissin – in den 80ern und 90ern bestauntes Wunderkind, dann standesgemäß in der Krise, jetzt 45 und gereift – Evgeny Kissin hat Beethoven-Sonaten veröffentlicht. Die Auswahl ist ein bisschen konventionell: "Mondschein-Sonate", "Appassionata", "Les Adieux" und natürlich die finale c-moll-Sonate op. 111.

Durchweg Live-Mitschnitte, aus den Jahren 2006 bis 2016. Auch hier: Natürlich hat Kissin eine bewundernswerte Technik, dazu eine sehr emotionale Herangehensweise, und auch die höhere Anspannung durch das Live-Konzert vermittelt sich. Als ein die Welt aus den Angeln hebendes Statement in Sachen Beethoven kann man die CD trotzdem nicht bezeichnen, dafür ist die Konkurrenz, über Jahrzehnte gewachsen, viel zu groß.

Nur kurz erwähnt, zum Ende des Telemann-Jahres: Die mittlerweile fünfte Folge einer Gesamteinspielung von gemischt besetzten Konzerten des Hamburger Komponisten. Mit La Stagione Frankfurt unter der Leitung von Michael Schneider. 

Eine ausgezeichnete Aufnahme, frisch und lebendig musiziert, editorisch auf dem neuesten Stand. Und – Achtung Disclaimer – entstanden als Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur.

Nur sich selbst und der Musik verantwortlich

Und jetzt müssen wir dringend über Weihnachten reden: "Jauchzet, frohlocket" mit E-Gitarre und Moog-Synthesizer! Das Hamburger Ensemble Resonanz, gleichermaßen in der Musik der Gegenwart zu Hause wie in historischer Aufführungspraxis geschult, hat sich Johann Sebastian Bachs Weihnachts-Evergreen vorgenommen und daraus eine eigene Fassung gestrickt. Seit 2014 spielt Resonanz dieses spezielle "Weihnachtsoratorium" im Konzertsaal, jetzt kommt es auch auf CD heraus.

Natürlich ist das Ganze ungewohnt und ganz bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber die Musiker wissen, was sie tun – und sie tun es auf interpretatorisch exzellentem Niveau. Das ist kein Marketing-Produkt einer Plattenfirma, sondern das kreative Projekt von Musikern, die nur sich selbst und der Musik verantwortlich sind. Und das Konzept ist aufgegangen. 

Daniil Trifonof: Chopin Evocations
Piano Concertos Nos. 1 & 2 (Arr. By Mikhail Pletnev)
Variations on "Là ci darem la mano"
Works by Barber, Grieg, Mompou, Schumann, Tchaikovsky
Deutsche Grammophon (Universal Music)

Evgeny Kissin: Ludwig van Beethoven
Piano Sonatas Nos. 3, 14, 23, 26 & 32
32 Piano Variations In C Minor 
Deutsche Grammophon (Universal Music)

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium
Johanna Winkel, Sopran
Truike van der Poel, Alt
Benjamin Glaubitz, Tenor
Dominik Köninger, Bass
Michael Petermann, Vintage Keyboards
Johannes Öllinger, E-Gitarre
Ensemble Resonanz
Resonanzraum records LC67135

Im Beitrag angespielte Musikstücke:

Frédéric Chopin: Variationen über La ci darem la mano
Daniil Trifonov, Klavier
DGG 479 7518, CD 1, Track 6

Evard Grieg: "Hommage à Chopin", Studie op. 73 Nr. 5
Daniil Trifonov, Klavier
DGG 479 7518, CD 1, Track 13

Ludwig van Beethoven: Klaviersonate f-Moll "Appassionata"
Jewgenij Kissin, Klavier
DGG 479 7581, CD 2, Track 3

Georg Philipp Telemann: Concert à neuf parties ("Grillensinfonie") G-Dur TWV 50:1
La Stagione Frankfurt, Ltg.: Michael Schneider
cpo 555 082-2, Track 7

Johann Sebastian Bach (arr. Ensemble Resonanz): Weihnachtsoratorium
Ensemble Resonanz
Label des Ensemble Resonanz

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