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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.09.2017

Neuer Roman von Wolf Wondratschek"Mir ist völlig egal, ob ich Leser habe"

Moderation: Barbara Wahlster

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Der Schriftsteller Wolf Wondratschek (imago/Ulli Winkler)
Der Schriftsteller Wolf Wondratschek (imago/Ulli Winkler)

Wolf Wondratschek hat wieder einen Roman geschrieben – den zweiten, den er nicht veröffentlichen wird. Eine Hörprobe aus "Selbstbild mit russischem Klavier" hat er allerdings für Deutschlandfunk Kultur aufgenommen - und er erklärt, warum ihn das Publizieren immer weniger interessiert.

Statt an einen Verlag hat der Schriftsteller Wolf Wondratschek seinen Roman "Selbstbild mit Ratte" im Jahr 2014 an einen privaten Mäzen verkauft. Er schrieb den Text also nicht für die Schublade und auch nicht für die Öffentlichkeit, sondern für einen einzigen, "exemplarischen" Leser.

Der 1943 geborene Schriftsteller scherte nicht zum ersten Mal aus den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs aus. Sein neuer Künstlerroman "Selbstbild mit russischem Klavier", inspiriert von den vielen, in Wien lebenden russischen Musikerinnen und Musikern, wird ebenso unveröffentlicht bleiben.

Seine eigenwillige Veröffentlichungspraxis erklärte Wondratschek im Deutschlandfunk Kultur so:

"Erstmal interessiert mich das Publizieren immer weniger. Aber es wird mir auch unmöglich gemacht. Das heißt: Ich habe bestimmte finanzielle Forderungen an einen Verleger. Ja, ich will eine bestimmte Summe an Vorschuss."

Er habe nie einen Vorschuss für eine Arbeit bekommen, die er noch nicht getan habe - und nun läge ein Manuskript vor, meinte Wondratschek. Doch das werde nicht mehr bezahlt: "Insofern ist für mich der Fall erledigt."

"Kein ernstzunehmender Schriftsteller denkt an ein Publikum"

Bei seinem Gefühl für den Wert seiner Arbeit mache er keine Kompromisse, betonte der Schriftsteller. Er lege das Manuskript dann eben in eine Schublade und warte auf einen Zufall: "Wer ist willens die Arbeit so zu honorieren, wie in meiner Vorstellung die Arbeit wert ist?"

Ihm sei es völlig egal, ob er Leser habe, die Leser finanzierten ihn ja nicht. Für seine Kunst riskiere er seine Gesundheit und seine Lebenszeit und daher könne er diese nicht verschenken.

Im Übrigen schreibe ja heute kaum noch ein Literat für ein Publikum. "Kein ernstzunehmender Schriftsteller denkt an ein Publikum, an seine Leser." Denn Lesen sei eine Kunst, die heute kaum noch ausgeübt werden. "Die Leute wollen es vorgekaut und vorpräpariert haben."

"Es genügt ein einziger Enthusiast"

Im Gespräch erinnerte sich Wondratschek auch an seinen Berufswunsch zu einer Zeit, als er gerade Abitur gemacht hatte. Damals habe er gesagt: "Ich möchte Vorleser bei einer blinden russischen Großfürstin werden." Und der Mensch, der "Selbstbild mit Ratte" gekauft habe, sei so ein Mensch wie der, dem er damals gerne vorlesen wollte. Dieser eine Leser rechtfertige also seine Kunst.

"Um einen Künstler zu rechtfertigen und die Arbeit eines Künstlers zu rechtfertigen, genügt ein einziger Enthusiast. Einer, der es begriffen hat. Und ich habe das Glück gehabt, dass der Käufer dieses Manuskripts es begriffen hat und bereit war, die Summe hinzulegen, die mir ermöglicht beispielsweise, mich ohne Sorgen hinzusetzen und 'Selbstbild mit russischem Klavier' zu schreiben."

In seinem neuen "Selbstbild" - dem Roman "Selbstbild mit russischem Klavier" - gehe es für ihn um "Spiegelungen". Darum, sich selbst in anderen Biografien zu reflektieren und so einer Autobiografie aus dem Wege zu gehen. Im "russischen Klavier" tue er dies in einem alten Russen, der wie viele russische Musiker in Wien im Exil gestrandet sei:

"Und das sind Schicksale, die mit meinem Schicksal gar nichts zu tun haben, aber es gibt in diesen Menschen – mehr oder weniger verborgen – eine Kraft und eine Energie und einen Willen, den ich gut kenne."

(huc)

Die einzige Möglichkeit, das Buch "Selbstbild mit russischem Klavier" kennen zu lernen, haben unsere Hörerinnen und Hörer in unserer Literatursendung um 0.05 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Da wird der Autor exklusiv ein Kapitel lesen.

Aus Urheberrechtsgründen gibt es von der Lesung keinen Podcast.

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