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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.08.2017

Neuer Roman von Michael RoesVon Demütigung und Freundschaft

Schriftsteller Michael Roes im Gepräch mit Joachim Scholl

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(Foto: picture-alliance / ZB / Jens Kalaene, Cover: Schöffling-Verlag)
"Zeithain" erzählt die Geschichte von Friedrich dem Großen und Hans Hermann Katte neu. (Foto: picture-alliance / ZB / Jens Kalaene, Cover: Schöffling-Verlag)

"Zeithain" ist die Geschichte von Hans Herrmann Katte, dem Freund und Fluchthelfer Friedrich II. in der Zeit der Drangsal unter seinem Vater Friedrich Wilhelm. Autor Michael Roes beschreibt im Interview seine Annäherung an den Stoff dieser so tragischen Jugendgeschichte.

Joachim Scholl: Es war der 6. November 1730 als in der Festung Küstrin Hans Hermann von Katte, ein junger Mann von 26 Jahren, enthauptet wurde vor den Augen seines Freundes, des Kronprinzen Friedrich, dem späteren König Friedrich des Großen. Der Vorwurf: Desertion und Hochverrat. Diese tragische deutsche Geschichte ist oft geschildert, dargestellt worden, jetzt erzählt sie der Schriftsteller Michael Roes in einem opulenten Roman. Guten Tag, Herr Roes, willkommen in der "Lesart" von Deutschlandfunk Kultur!

Michael Roes: Guten Morgen, Herr Scholl!

Scholl: "Es gibt kaum einen Abschnitt in unserer Historie, der öfter behandelt worden wäre als die Katte-Tragödie." Das schreibt Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Was hat Sie denn dazu gebracht, gereizt an dieser Tragödie, Herr Roes?

Roes: Also es gibt keinen Roman über diese Tragödie. Sie ist oft behandelt worden, aber eigentlich ein wenig aus unserem Gedächtnis verschwunden. Mich hat der Stoff eigentlich seit 30 Jahren verfolgt. Als ich über das Sohnesopfer gearbeitet habe, an meiner Dissertation, bin ich auf diese Katte-Tragödie gestoßen. Das ist ja auch eine Vater-Sohn-Tragödie, und zwar von fast einem griechischen Ausmaß, was wirklich an die Wurzeln von Beziehungen geht, und was mich beeindruckt hat, ist, wie sehr diese Tragödie unsere Geschichte, unsere Mentalitätsgeschichte beeinflusst hat und bis heute nachwirkt. Also es ist nicht nur eine tragische Episode in der Geschichte, sondern es ist eine Weichenstellung, die dann über 200 Jahre auch preußische und damit deutsche Geschichte bestimmt.

Die Tragödie war vorgegeben

Scholl: Es ist eine Geschichte, die viele Menschen in Umrissen kennen, setzen wir aber doch mal kurz die Koordinaten, Herr Roes. Wer war dieser Hans Hermann von Katte, und in welche Situation ist er mit dem Kronprinz geraten?

Roes: Hans Hermann von Katte war ein Gendarm, also ein Leibgardist des Königs, der, als er 20, 22 ist, den Kronprinzen kennenlernt, erst durch gemeinsamen Unterricht in Mathematik und Ingenieurswesen und sich mit ihm anfreundet und im Lauf der relativ kurzen Bekanntschaft, die nur drei, vier Jahre gedauert hat, Friedrichs engster Vertrauter wird. Friedrich ist in dieser Zeit vollkommen vereinsamt, weil er von seinem Vater ständig kontrolliert wird, seine bisherigen Freunde werden versetzt, werden in die Wüste geschickt, und so ist es eigentlich ganz normal, dass er sich also jetzt Katte besonders eng anschließt.

Portrait von Michael Roes. (Deutschlandradio – Malte E. Kollenberg)Der Schriftsteller Michael Roes im Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio – Malte E. Kollenberg)

Aber er bringt Katte natürlich in einen Loyalitätskonflikt: Er ist ein Leibgardist des Königs, also dem König auf Ehre und Leben verantwortlich, aber als Kronprinz ist Friedrich eben nicht nur ein Freund, sondern ja auch jemand, dem man Loyalität schuldet, und als Friedrich ihn auffordert, wirklich seine Seite zu beziehen und mit ihm diese Fluchtpläne auszuführen, ist eigentlich die Tragödie vorgegeben. Also für Katte gibt es keine wirkliche ehrenhafte Lösung für diesen Konflikt.

Scholl: Fontane hat auch beklagt, dass man sich historisch viel zu sehr auf den Kronprinzen konzentriert hätte bei der Schilderung der Geschichte. Also seine Rolle dabei sei der eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie – nicht Friedrich, sondern Katte. Er ist der Held, und er bezahlt die Schuld. Sehen Sie das auch so, und ist Ihr Buch eine Art Wiedergutmachung an den armen Hans Hermann von Katte?

Roes: Ja, es ist gewiss eine Art Wiedergutmachung, wobei natürlich beide im Mittelpunkt stehen. Friedrich ist politisch der Bedeutsamere und derjenige, der nach dieser Hinrichtung ja das Schicksal Preußens bestimmt, während Katte eben mit dem Tod bezahlt, aber Kattes Biografie ist ja auch fast eine Parallelbiografie zu Friedrichs Biografie. Also Katte verkörpert eigentlich diesen preußischen Landadel zu seiner Zeit par excellence. Von seiner Ausbildung in dem Collegium Regium, also seiner frühen Kadettenanstalt, bis hin zu seiner Kavaliersreise, seinem Jurastudium, und dann eben sein Eintritt ins Militär, und natürlich mit seinem eigenen pietistischen Vater.

In dieser Zeit kristallisiert sich eigentlich das heraus, was wir später preußische Tugenden - oder heute könnte man auch sagen "Untugenden" - nennen, nämlich dieses Übergewicht des Pietistisch-militaristischen, was tatsächlich erst mit dem Soldatenkönig seinen Anfang nimmt und nicht den Preußen schon ins Genom gelegt war, sondern da wirklich die Wende erfährt, und ein Konflikt, der gar nicht historisch ist, nämlich der Konflikt zwischen der Frühaufklärung, die wir dort erleben, und diesem zunehmenden Militarismus. Also wenn ich heute auf die aktuelle Situation sehe, bemerke ich denselben Konflikt – wiederum Aufklärung gegen religiösem und militaristisch-nationalistischem Wahn.

Aus der Tiefe ist die Geschichte Küstrins zu erspüren

Scholl: Insoweit ist es wirklich ein zeithistorischer Roman geworden, Herr Roes. Sie lassen Kattes Geschichte aber noch von jemand anders erzählen, von einem Nachfahren nämlich. Wer ist das? Es ist ein Engländer.

Roes: Ja, ich habe eine Erzählerfigur eingeführt, Philip Stanhope, der selber auch mit seiner eigenen Biografie vorkommt, der aber vor allen Dingen der Rechercheur ist, der eine Art von historischer Anthropologie betreibt, also der zu den Orten geht, die relevant waren in Kattes Biografie und der in die Tiefe bohrt. Also oft gibt es an diesen historischen Orten gar nichts mehr an der Oberfläche zu sehen, wie in Königsberg oder Küstrin, die eine Art Nachkriegspompeii darstellen, also eine Ruinenlandschaft, aber durch die Einheit des Ortes spürt man einfach aus der Tiefe heraus doch die Geschichte, und mir war es eben auch wichtig, jetzt nicht nur einen historischen Roman zu schreiben, sondern tatsächlich immer wieder auch Bezüge zur Gegenwart herzustellen.

Scholl: Bei dem historischen Roman - sozusagen von der Historizität her gesehen - ist es ja immer die Frage: Was stimmt und was ist dann eventuell erfunden? Bei Ihrem Roman hat man auf jeden Fall das Gefühl, dass Sie jedes nur erreichbare Dokument verarbeitet haben, auch an den Orten des Geschehens waren, zugleich aber auch so ein paar Widerhaken eingelassen haben. Da fällt das Wort von der Recherchefantasie. Da denkt man, oha, wie haben Sie es gehalten, Herr Roes, mit den Fakten und mit Ihrer Fiktion dann?

Roes: Mir war es natürlich wichtig, dass der historische Kontext stimmt. Andererseits war nicht mein Anliegen, ein Sachbuch zu schreiben, sondern tatsächlich einen spannenden Roman, also tatsächlich als Vorbild eher Dumas, und ich wollte auf jeden Fall, gerade auch für so eine lange Reise, den Leser fesseln. Ich wollte, dass er in diesem historischen Kontext so aufgeht, als würde er selbst mit Katte diese Orte bereisen. Ich wollte sie also versinnlichen, und das kann man natürlich besser mit einer Romanform, und dazu braucht es einfach auch eine spannende Handlung.

Ein Denkmal Friedrich des Großen (1712-1786) - Friedrich II. - in Kloster Zinna (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)Ein Denkmal Friedrich des Großen (1712-1786) - Friedrich II. - in Kloster Zinna (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

Scholl: Ich meine, es ist spannend wie "Der Graf von Monte Christo" vielleicht nicht, weil man das Ende noch nicht kennt bei diesem, aber es sind so viele zahllose historische, spannende Details, von denen ich persönlich gar keinen Schimmer hatte, zum Beispiel auch von Zeithain nicht. Das ist ja der Titel. Ich dachte, das sei erst zunächst metaphorisch gemeint, der Hain der Zeit, schön poetisch, ist aber tatsächlich ein Ortsname, eine Gemeinde in Sachsen, wo 1730 was Epochales stattfand. Was denn?

Roes: Es heißt heute das sogenannte Lustlager von Zeithain. In Wahrheit war es eine lange, riesige Militärparade für den europäischen Adel über vier Wochen lang mit jahrelanger Vorbereitung, wobei die Militärübungen im Vordergrund standen, aber es wurde zu diesem Anlass auch eine Oper gebaut, sozusagen ein kulturelles Beiprogramm, würde man heute sagen, und wirklich hat August der Starke, der Organisator, es geschafft, fast alle europäischen Königshäuser und Fürstenhäuser dort zu versammeln. Unter anderem war eben auch Friedrich Wilhelm, der Soldatenkönig und der Kronprinz dort.

Demütigung vor dem versammelten europäischen Adel

Scholl: Mit 30.000 Soldaten.

Roes: Ja, das ist wahr.

Scholl: Das ist unglaublich.

Roes: Es war recht angeberisch. Also jeder sollte vorzeigen, was er da kann, also Truppenstärke, aber natürlich auch Truppendisziplin, und da war Friedrich Wilhelm natürlich vorbildlich, das war sein Forum, aber es war eben auch ein Wendepunkt in der Vater-Sohn-Geschichte. Es gab diese Prügelorgien, diese Demütigung immer auch schon im privaten Bereich zwischen Friedrich Wilhelm und seinem Sohn.

Scholl: Das ist eine furchtbare Gewaltgeschichte. Das macht man sich gar nicht so klar, dass der seinen Sohn vor aller Augen also zusammengeschlagen hat förmlich.

Roes: Nicht nur seinen Sohn, auch andere. Also dafür war Friedrich Wilhelm berühmt, aber nun findet die Demütigung vor dem versammelten europäischen Adel statt und auch eine letzte Provokation des Vaters, der tatsächlich zu seinem Sohn sagt, wenn ich von meinem eigenen Vater so gedemütigt worden wäre wie du, wäre ich längst abgehauen, und das nimmt dann Friedrich auch als Anlass, jetzt seine eigenen Fluchtpläne in die Tat umzusetzen, die erst in Zeithain scheitern, und der zweite Fluchtplan mit Katte zusammen scheitert am Ende auch, aber der war so weit gediehen, dass es wirklich Friedrich ernst war und die Vorbereitungen im Detail geplant waren, und das Ende ist zwar bekannt, aber wie es dahin kommt und natürlich die Details, die haben wir nicht mehr im Hinterkopf.

Scholl: Herzergreifend und zerreißend, wie Sie die Hinrichtung schildern, Herr Roes, aber hat am Weg zum Schafott dann in Küstrin tatsächlich ein Leierkastenmann gestanden, der "Willst du mit mir gehen" gespielt hat? Ich habe da sofort an diesen affigen Schlager gedacht.

Roes: Also …

Scholl: Müssen Sie selbst überlegen!

Ein bewusster Akt der Traumatisierung

Roes: Ja, weil ich glaube, genau in diesen letzten Teilen, die sind historisch am besten dokumentiert, weil ja Friedrich Wilhelm diese ganze Hinrichtung eigentlich wie ein großes Theaterstück inszeniert. Heute würden wir sagen, das ist ein bewusster Akt der Traumatisierung, und wie ein Drehbuchautor schreibt er tatsächlich jeden einzelnen Schritt schon von der Weise Berlin nach Küstrin vor, sodass ich glaube, diese Details, die äußeren Details relativ gut stimmen. Was natürlich das Innere, die Reflexion Kattes angeht, das ist natürlich dann dichterische Freiheit.

Scholl: Wer Sie nun als Schriftsteller schon kennt, Herr Roes, der wundert sich aber schon. Ich habe Sie vor 20 Jahren kennengelernt als Autor von "Rub’ al-Khali", ein Roman, der im Jemen spielt und Sie dann schlagartig berühmt gemacht hat, kann man, glaub ich, sagen. Dann kamen Bücher und Filme, Filme auch über die arabische Welt, weiter über die USA, über China. Wenn mich jemand gefragt hätte, rate mal, wo der neue Michael-Roes-Roman spielt, wäre ich im Leben nicht auf das alte Preußen gekommen. Sie sagten jetzt vorhin schon, 30 Jahre begleitet Sie dieser Stoff. Warum hat es so lange gedauert?

Roes: Wer sich an die Katte-Geschichte wagt, hat es natürlich mit ungeheuer viel Spezialisten zu tun. Spezialisten für Geschichte, aber auch für das ganze kontextuelle Umfeld, also zu wissen, wie Paris Anfang des 18. Jahrhunderts aussah, London aussah. Das heißt, es braucht tatsächlich erst mal eine große Recherche. Es braucht auch eine Form, wenn es … Also für mich handelt es sich ja wirklich um eine der dramatischsten, tragischsten Geschichten. Dazu auch eine Form zu finden, die auch Bestand hat in der Zeit und nicht einfach nur so ein saisonales Ereignis ist, also da brauchte ich einfach auch Schreiberfahrung und Rechercheerfahrung.

Aber wirklich fremd kann der Stoff nicht sein, wer mein Werk verfolgt hat. Also Vater–Sohn, das Sohnesopfer hat mich bei den Anfängen begleitet, es ist ja in gewisser Hinsicht auch wiederum ein Reiseroman. Es gibt diese Reisen innerhalb des Romans, und es gibt zum Beispiel das Freundschaftsmotiv, was mich auch lange begleitet hat in mehreren Romanen vorkommt, und das ist ja auch ein zentrales Motiv in der Katte-Geschichte.

Scholl: Vielen Dank, Michael Roes, dass Sie bei uns waren!

Roes: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Michael Roes: "Zeithain"
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2017
802 Seiten, 28 Euro

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