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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.04.2015

Neuer Roman von Albert OstermaierBüchners Lenz fliegt nach Beirut

Von Gerd Brendel

Theaterautor Albert Ostermaier (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
Der Autor Albert Ostermaier hat Reiseerlebnisse an der Seite von Außenminister Steinmeier zu einem Roman verarbeitet (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

Realpolitik und Literatur: Außenminister Frank-Walter Steinmeier war Gast, als Albert Ostermaiers jüngst seinen neuen Roman "Lenz im Libanon" vorstellte. Und so geriet das Ganze unversehens zu einer Werbe-Veranstaltung über die "Segnungen der deutschen Außenpolitik".

Einer, der zuhause ist in den Niederungen der Realpolitik, trifft auf einen prominenten Bewohner des Wolkenkuckucksheims - genannt Literatur. Frank-Walter Steinmeier trägt Anzug ohne Krawatte, wie meistens, wenn er in Sachen Kultur unterwegs ist. Ostermeier kommt im schwarzen T-Shirt unter schwarzem Jacket, dazu silbern leuchtende Sportschuhe. Wer dient hier wem? Die Fahne des Verlags hinter dem Podium legt die Vermutung nahe, dass heute der Außenminister für den Schriftsteller die Werbetrommel rühren soll.

Albert Ostermaier hat einen neuen Roman geschrieben: "Lenz im Libanon". Darin lässt der Autor Büchners Lenz in das Beirut der Jetztzeit fliegen, statt dass er in die Vogesen wandert. Bei Ostermaier heißt es:

"Lenz sah das schwarze Wasser, die Wasser Babylons , die phönizische Bucht ... Er sah die Hochhäuser und ihre Lichterketten. Er bildete sich ein, im Anflug die Handschrift der Kriege zu sehen."

Besuch in einem Lager für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge

Im Laufe seiner Reise wird sich Ostermaiers Lenz, wie sein historisches Vorbild, noch so mancherlei einbilden. Sein Besuch in einem Lager für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge allerdings geht auf Ostermaiers eigene Reise als Mitglied der Delegation des deutschen Außenministers zurück.

"Lenz sah, wie ihm alles nah ging, er war müde, immer die richtigen Worte wählen zu müssen statt einfach nur sein vernünftiges Herz sprechen zu lassen. Denn seine Vernunft hatte ein Herz. Nur sich selbst gegenüber war er unvernünftig bis zur Herzlosigkeit",

liest der Schauspieler Wolfram Koch.

Die literarische Figur Steinmeier

Dann fragt die Moderatorin Steinmeier:

"Sie tauchen ja auch auf vier Seiten im Roman auf, werden da auf eine sehr rührende und schmeichelhafte Arte und Weise von Herrn Ostermaier beschrieben.    Haben Sie sich da wiedererkannt?"

Die Antwort des Außenministers lautete:

"In den schmeichelhaften Teilen - ja."

Als hätte die Presseabteilung des Ministeriums ihren Spickzettel präpariert geht es weiter. Die Moderatorin fragt dann:

"Es gab ja im Oktober 2014 eine Konferenz in Berlin über die Lage in Syrien. Unter anderem hat sich die Bundesrepublik bereit erklärt, 100.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Was natürlich eine große Hilfe für den Libanon ist. Vielleicht können sie uns dazu kurz etwas sagen?"

Steinmeier antwortet:

"Wir sind das europäische Land, dass die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen, hat."

Die Moderatorin lässt den Außenminister referieren

An diesem Punkt könnte die Moderatorin nachhaken, den Umstand erwähnen, dass andere Flüchtlinge gar keine Möglichkeit haben, legal als Asylsuchende nach Deutschland einzureisen. Stattdessen lässt sie Steinmeier über die Segnungen deutscher Außenpolitik für die Kultur referieren.

"Die Unterhaltung eines Gesprächs der kulturellen Repräsentanten zweier Länder , das ist ein Wert an sich, den wir unterstützen wollen, den wir erst überhaupt auf den Weg bringen."

Leider hat sich der Verlag gegen ein Gespräch mit einem kulturellen Repräsentanten des Libanons entschieden. Spannend wäre es gewesen, die Meinung eines Beiruter Kollegen zu Ostermaiers Lenz und seinen schizophrenen Schüben zu hören.

"Das Paradies wartet auf mich. Ich werde töten können! ;Mich macht das Leid, das ihr über die Welt gebracht habt, töten."

Lenz in der Rolle eines islamistischen Terroristen

Da fantasiert  sich Ostermaiers Lenz in die Rolle eines islamistischen Terroristen:

"Er wird zu einer gespaltenen Persönlichkeit, weil er alles verstehen wollte , sich total erschöpft und dann auf ein mal in eine dieser wahrgenommenen Personen kippt."

Jetzt hätte man gerne vom Politiker und dem Dichter erfahren, ob sie zum Beispiel gerne mal die Rollen tauschen würden. Aber der Minister ist schon wieder unterwegs. Der Koalitionsausschuss tagt. Und demnächst ist er auch wieder auf Staatsbesuch.

Über Gastgeschenke braucht sich Steinmeier seit gestern Abend keine Gedanken mehr machen: Ostermaiers  Buch wäre ideal mit persönlicher Widmung des Ministers:

"Guckt mal, da steh ich drin!"

Wie lautet der letzte Satz von Albert Ostermaiers "Lenz im Libanon"?

"Nein, nein, nichts würde ihn mehr wundern."

Albert Ostermaier: Lenz im Libanon
Suhrkamp Verlag, Berlin
190 Seiten, 19,95 Euro

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