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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.07.2020

Neuer ProtesttypRebellen, die autoritär denken

Oliver Nachtwey im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Verschwörungstheoretiker demonstrieren vor dem Reichstag in Berlin. (dpa / picture-alliance / AA / Abdulhamid Hosbas)
"Regressive Rebellen" sind stark anfällig für Verschwörungstheorien, sagt Oliver Nachtwey. (dpa / picture-alliance / AA / Abdulhamid Hosbas)

Umweltschützer, Linker, Kosmopolit - und Gegner der Demokratie: Heutzutage sind manche das alles gleichzeitig. Ein neuer Protesttyp lässt sich beobachten, sagt Oliver Nachtwey. Der Sozialwissenschafter nennt ihn den "regressiven Rebell".

Früher war die Welt noch überschaubar: Da ließen sich politische Lager in 'links' und 'rechts' einteilen - und fertig. Heute scheinen diese Kategorien nichts mehr zu gelten, denn inzwischen schließt eine vermeintlich linke Protesthaltung die Unterstützung autoritärer Denkweisen nicht mehr von vornherein aus.

Oliver Nachtwey, Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel, hat diese neue Form des Widerstands untersucht und ihren Vertretern einen Namen gegeben - er spricht von "regressiven Rebellen".

Maximale Entfremdung von der Politik

Es handele sich um Leute, "die häufig sehr, sehr zivilgesellschaftlich engagiert waren", Gewerkschafter etwa oder Menschen mit Neigung zu ökologischen Themen, so Nachtwey. Viele von ihnen hätten in den letzten Jahren eine starke Entfremdung vom politischen System erfahren. "Diese Entfremdung hat sich derart gesteigert, dass die im Grunde nicht mehr nur eine Politikverdrossenheit haben, sondern politischen Akteuren gar nicht mehr glauben - und daraus dann eine Art Widerstandsrecht ziehen."

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Der "regressive Rebell" sei ein Typus, der sich schon bei den Pegida-Protesten habe beobachten lassen, berichtet der Sozialwissenschaftler. Dort habe man gegen die vermeintliche "Pseudo-Demokratie" in Berlin demonstiert, mit dem Wunsch: 'Wir brauchen eine bessere Demokratie - und zwar mit Putin.' "Das ist das regressive Moment", sagt Nachtwey. "Einerseits unsere Form der Demokratie ablehnen, aber gleichzeitig so etwas ganz Autoritäres als Lösung bevorzugen und ganz häufig aus der Kritik heraus Moral und Normen gar nicht mehr beachten wollen."

Stark anfällig für Verschwörungstheorien

Bei den "regressiven Rebellen" sei auch eine sehr starke Neigung zu Verschwörungstheorien zu beobachten, so Nachtwey weiter. "Da gibt es überhaupt keine Zugänglichkeit mehr zu Fakten." Woran sie sich am meisten gestört hätten, sei die "Austerität des Staates" in den vergangenen Jahren gewesen. So sei beklagt worden, dass Straßen oder Schwimmbäder nicht mehr von der öffentlichen Hand gepflegt würden, dann aber Flüchtlinge untergebracht würden. "Das war so ein Triggermoment."

Rechts geworden schon vor der Flüchtlingskrise

Aber, so betont Nachtwey, "diese Leute sind nicht durch die Flüchtlingskrise rechts geworden, sondern sie sind es schon davor geworden. Dieser politische Entfremdungsprozess ist ein lang anhaltender Prozess, der durch die Flüchtlingskrise nochmal stärker geworden ist, sich ausgebreitet hat - aber wir müssen im Grunde in der Geschichte der Bundesrepublik weiter zurückgehen, um das Phänomen zu verstehen."

(ckü)

Der Beitrag "Regressive Rebellen. Konturen eines Sozialtyps des neuen Autoritarismus" von Oliver Nachtwey und Maurits Heumann ist zu finden in dem Buch:
"Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters"
Hrsg. von Katrin Henkelmann, Christian Jäckel, Andreas Stahl, Niklas Wünsch und Benedikt Zopes
Verbrecher Verlag, Berlin 2020
424 S., 24 Euro

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