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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.03.2020

Neuer GlücksspielstaatsvertragOnline zocken wird überall legal

Von Johannes Kulms

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Illustration: Online Glücksspiel. Drei Tablets auf denen eine Slotmachine läuft. (imago / fStop Images / Malte Müller)
Ein neuer Staatsvetrag soll den Onlineglücksspielmarkt besser kontrollieren. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Onlinekasinos waren bislang nur in Schleswig-Holstein erlaubt. Ab Mitte 2021 darf es sie überall in Deutschland geben. Trotz strengerer Regeln zum Schutz von Spielerinnen und Spielern befürchten Experten, dass es noch mehr Spielsüchtige geben wird.

Stefan scheint mitten im Leben zu stehen. Er ist Ende 20, wirkt aufgeschlossen und humorvoll. Man merkt ihm nicht an, dass er seit vielen Jahren glücksspielsüchtig ist. Weil er Angst hat, erkannt zu werden, tauchen in diesem Beitrag weder sein richtiger Name noch seine echte Stimme auf. Er war und ist abhängig, sagt Stefan: "Ich glaube, das wird man so einfach auch nicht wieder los." 

Stefan wohnt in Schleswig-Holstein und hat einen Job im IT-Bereich: "Bei mir war es halt so, dass meine Freunde in der Schule viel über Poker geredet haben, weil da so eine Poker-Strategy-Seite draußen war. Und während der Unterrichtsstunden und in den Pausen eigentlich nur darüber geredet wurde. Ich glaube, da war ich 16 oder 17", erzählt er.

Stefan, der sich schon länger für Spiele und Strategien interessierte, war angefixt und legte sich einen Online-Account an. Während bei seinen Freunden allmählich das Interesse nachließ, tauchte er immer tiefer ein und verbrachte schon bald viele Stunden beim Onlinepoker. Auch nachts. Schnell wirbelte das seinen Alltag durcheinander:

"Weil halt nichts anderes mehr interessant war. Ich habe die Schule noch hingekriegt, habe auch mein Fachabitur gemacht, aber hatte dann doch relativ viele Fehltage. Man war halt gedanklich eigentlich nur beim Pokern."

Finanzieller Teufelskreis

Zunächst sei es ganz gut gelaufen und er habe einige 1000 Euro gewonnen. Doch mit der Zeit ging er mehr ins Risiko, hielt sich nicht mehr an seine Strategie und machte Verluste. Ein finanzieller Teufelskreis setzte ein:

"Es war eigentlich immer wieder so: Ich habe Geld eingezahlt und habe gedacht, okay, du fängst noch mal ganz von vorne an, zahlst 200 Dollar ein, spielst mit kleinen Einsätzen. Und du reißt dich noch mal zusammen und hältst dich daran. So und dann verlierst du die erste Hand und dann hat es bei mir Klack gemacht und ich wollte es unbedingt wieder so schnell wie möglich reinholen dieses Geld, was ich verloren hatte."

Seine Ersparnisse seien inzwischen aufgebraucht. Stefan schätzt, dass er durch seine Glücksspielsucht etwa 25.000 bis 30.000 Euro verspielt hat. Ganz genau weiß er es nicht. Immerhin hat er sich – anders als viele Glücksspielsüchtige – nicht verschuldet. Und er hat seinen Job behalten, von dem er ganz gut leben könne.

Der Glücksspielmarkt in Deutschland ufere aus, es bestehe dringender Handlungsbedarf, sagt Dirk Schrödter. Er leitet die Kieler Staatskanzlei und war in den letzten zweieinhalb Jahren für das Bundesland Schleswig-Holstein an den zähen Verhandlungen für den neuen Glücksspielstaatsvertrag beteiligt. Auf dem unregulierten Onlinemarkt würden sich die Spieleinsätze inzwischen auf über 50 Milliarden Euro summieren, sagt der CDU-Politiker.

"Deshalb wollen wir eine Kanalisierung schaffen und unter kontrollierten Bedingungen ein Angebot schaffen, wie gespielt werden kann", so Schrödter.

Kontrollierte Bedingungen – auch und gerade für Glücksspiele im Internet. Schleswig-Holstein ist bei diesem Thema im letzten Jahrzehnt bereits einen eigenen Weg gegangen.

In Schleswig-Holstein schon seit 2011 erlaubt

2011 war der damalige Glücksspielstaatsvertrag ausgelaufen, da die 16 Bundesländer keine Einigung gefunden hatten. Kiel preschte unter der damaligen CDU-FDP-Koalition voran und öffnete den Markt auch für Onlineglücksspiele. Einzelne Anbieter von Poker- und Casinospielen im Internet konnten nun Lizenzen erwerben. Mitspielen durften aber in der Theorie nur Menschen, die ihren Wohnsitz in Schleswig-Holstein hatten. In der Praxis gab es viele, die sich daran nicht hielten. Das neue Gesetz ermöglichte privaten Anbietern zudem, staatliche Lizenzen für Sportwetten zu erwerben. Die anderen Bundesländer wollten da nicht mitgehen und entschieden sich für einen deutlich strikteren Kurs.

"Es gibt Vorteile dieser Politik, nämlich die Legalisierung insofern, als dass wir ein legales Angebot haben und die Menschen nicht mehr in der Illegalität sind. Ungeschützt", sagt Patrick Sperber.

Sperber ist der Schleswig-Holsteinische Landeskoordinator für Glücksspielsuchthilfe und Prävention. Gleichzeitig machte ihm die von Kiel bereits 2011 erlaubte Onlinezockerei Bauchschmerzen. Denn für private Anbieter stehe, anders als etwa bei einem staatlichen Lottomonopol, die Gewinnmaximierung im Vordergrund:

"Und die werden natürlich auf Grund der Konkurrenz dafür sorgen, dass immer schärfere, immer attraktivere, immer suchtfördernde Glücksspielangebote gemacht werden. Der Markt sorgt für das attraktivste Glücksspielangebot, was leider automatisch auch das gefährlichste Glücksspielangebot ist."

Anders als von den Befürwortern versprochen, seien durch die Liberalisierung seines Wissens nach aber nur wenige Millionen Euro in die Landeskasse geflossen. Und auch keine neuen Jobs entstanden:

"Keine der Firmen aus Gibraltar oder Malta ist jetzt umgesiedelt nach Schleswig-Holstein soweit ich weiß. Sondern die sitzen weiterhin dort, wo es schön warm ist. Kann ich verstehen."

Patricks Sperbers Kritik am Schleswig-Holsteinischen Sonderweg bleibt auch beim neuen Glücksspielstaatsvertrag aktuell, den die Länder in wenigen Tagen unterzeichnen wollen.

Zwischen Marktliberalisierung und Schutz

Denn es scheint so, als würden die übrigen 15 Bundesländer nun weitestgehend der 2011 von Schleswig-Holstein ausgerufenen Linie folgen. Dirk Schrödter, der Leiter der Kieler Staatskanzlei verspricht, dass der Spagat zwischen Marktliberalisierung und Spieler- und Jugendschutz gelingen wird:

"Wir führen eine Sperrdatei ein. Wir führen ein anbieterübergreifendes Limit ein. Wir führen ein Frühwarnsystem ein. Wir schaffen Regelungen, unter welchen Bedingungen Wetten und Spiele stattfinden dürfen und wir schaffen klare Regeln für Werbung. Das ist der ganze Regelungsrahmen, den wir für die ganze Republik schaffen."

Doch was, wenn in den Weiten des Internets die Anbieter legale Schlupflöcher finden und nutzen? Oder gleich ganz gegen die Regeln verstößt, weil die Sanktionsmöglichkeiten zu lasch sind? Anbieter, die keine Lizenzen in Deutschland hätten, sollen verfolgt werden, sagt Schrödter:

"Und das kann man aus unserer Sicht auch ganz einfach tun, indem man deren Zahlungsströme auch unterbindet, so dass dort kein Angebot stattfinden kann."

Steffen Hittmeyer ist Suchtberater und Suchttherapeut bei der Stadtmission Kiel. Glücksspiele ganz zu verbieten funktioniere leider nicht. Die Politik sei hier in einem Dilemma:

"Ich finde es grundsätzlich gut, wenn wir da wieder zu einer bundeseinheitlichen Regelung kommen. Das andere fand ich furchtbar."

Werbung triggert die Menschen

Aber auf der anderen Seite beobachtet der Suchtexperte seit Jahren eine wachsende Abhängigkeit von Online-Poker und anderen Glücksspielen im Netz. Immer häufiger kämen junge Männern zu den Gruppensitzungen und Einzeltherapiestunden. Steffen Hittmeyer geht davon aus, dass durch den neuen Staatsvertrag die Zahl der Süchtigen steigen wird. Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Werbung:

"Werbung ist schon etwas, was triggert. Das merke ich auch bei Menschen, die hier in der Therapie sind, die abstinent sind. Wenn die Werbung sehen, dann passiert bei denen natürlich etwas anderes, als wenn Sie oder ich eine Werbung für Glücksspiele sehen, würden bei denen ganz andere Erinnerungen und Erlebnisse ausgelöst. Und das ist grundsätzlich ein Trigger, mit dem sie sich auseinander setzen müssen, wo auch Spieldruck entstehen kann und natürlich können auch früher Menschen dadurch angereizt werden, das zu konsumieren", so Hittmeyer.

Es seien die wirtschaftlichen Interessen der Anbieter von Onlineglücksspielen, die sich zu einem guten Teil bei der Neuregelung durchgesetzt hätten, ist er überzeugt. Dirk Schrödter von der Kieler Landesregierung weist solche Vorwürfe zurück. Er sagt, dass Spielerschutz auch mit einem liberalisierten Markt vereinbar sei:

"Wir leben in einer marktwirtschaftlichen Grundordnung und da gilt natürlich auch Wettbewerb zwischen Anbietern. Und das finde ich, ist auch für den Glücksspielbereich ein wesentliches Element."

Patrick Sperber, der schleswig-holsteinische Landeskoordinator für Glücksspielsuchthilfe und Prävention, bleibt sehr skeptisch. Zwar erkennt er an, dass die im neuen Staatsvertrag geplante zentrale Datei, die Spieler anbieterübergreifend registriert, helfen könnte. Doch insgesamt sei das Thema Kontrolle und Suchtprävention mit privaten Anbietern auf einem liberalisierten Markt viel schwieriger:

"Man muss dann klare Gesetze machen, die keine Hintertürchen offen lassen. Und da sehen wir auch noch ein Problem. Es gibt viele verschiedene Gesetze, die diesen Bereich regeln. Es gibt das Bundesgesetz mit der Spieleverordnung, was für die Spielhallen und in der Gastronomie zuständig ist. Es gibt das Landesrecht und im Landesrecht auch noch verschiedene Glücksspielgesetze. Wir haben ein Spielhallengesetz. Wir haben einen Glücksspielstaatsvertrag, Änderungsstaatsvertrag, die ganze Situation ist rechtlich komplett unübersichtlich. Da muss man wirklich spezialisierter Anwalt sein, um das zu verstehen. Und wir können unseren Leuten nur raten, haltet einfach Abstand soweit ihr könnt von den Glücksspielangeboten. Was im Internet ja nicht möglich ist, denn nahezu jeder Arbeitsplatz hat heutzutage Internetzugang."

Onlineglücksspiel ganz verbieten?

Vor wenigen Wochen ist Stefans Therapie zu Ende gegangen. Fast anderthalb Jahre lang hat er regelmäßig Gruppen- und Einzelsitzungen besucht. Das habe ihm beim Nachdenken geholfen und dabei, sich zu öffnen:

"Ich habe die Kurve gekriegt, aber es ist nicht einfach. Es ist, glaube ich, sehr, sehr schwer. Ich habe gespielt, um mir über gewisse Sachen in meinem Leben keine Gedanken zu machen. Die mich vielleicht unglücklich machen oder womit ich nicht zufrieden bin. Bevor ich darüber nachgedacht habe, wollte ich halt einfach nur ans Spielen denken und habe immer gespielt. Man muss sich dann halt seinen Problemen stellen. Und ich weiß nicht, ob jeder das schafft."

Stefan habe selber kein Rezept, um den Umgang mit Onlineglücksspielen zu regeln. Aber einen Wunsch, von dem er selber weiß, dass er nur sehr schwer umsetzbar ist: "Ich glaube, der einzige gangbare Weg ist, es komplett zu verbieten."

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