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Tonart | Beitrag vom 20.12.2018

Neuer Film über Vivienne WestwoodNichts für Punk-Romantiker

Von Oliver Schwesig

Die Modedesignerin und Umweltaktivistin Vivienne Westwood bei einem Protest gegen Fracking in London am 18. Dezember 2018 (picture alliance / dpa / Jonathan Brady)
Die Modedesignerin und Umweltaktivistin Vivienne Westwood vor zwei Tagen bei einem Protest gegen Fracking in London. (picture alliance / dpa / Jonathan Brady)

Punk: Undenkbar ohne die Modedesignerin Vivienne Westwood. Nun kommt der Film "Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin" in die Kinos: Er zeigt eine flamboyante Frau, die manchmal etwas verpeilt ist - und demaskiert den Modebetrieb.

Vivienne Westwood: "Frag mich einfach nichts über die Zeit, als ich nach Amerika ging oder solche Sachen. Ich quatsch einfach nur los, damit wir's schnell hinter uns bringen. Na egal, ich kram alles nochmal raus. Aber es ist sooo langweilig."

Ohne Umschweife bekommt der Zuschauer gleich zu Beginn des Films "Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin" eine genervte Königin präsentiert. Westwood will nichts wissen von nostalgisch-verklärten Zeiten. Punk is dead – und langweilig war es sowieso.

Westwood distanzierte sich per Tweet

Genervt, herrisch, fluchend und zugegeben auch manchmal ziemlich verpeilt – so lernt man Vivienne Westwoood in diesem Film kennen. Nix mit Legendenverehrung und Mode-Glamour. Regisseurin Lorna Tucker hat ihre lange Freundschaft mit der Regisseurin aufs Spiel gesetzt, und sie offenbar verloren. Kurz vor der Premiere beim Sundance Filmfestival distanzierte sich Westwood auf Twitter von dem ganzen Projekt. Eine Katastrophe? Lorna Tucker quittiert's mit einem Lächeln:

"Mir war klar, dass sie den Film nicht promoten würde, als ich ihre Unterstützung abgelehnt habe. Das wäre nicht der Film geworden, den ich machen wollte. Dass sie das zum Anlass für einen sehr interessant formulierten Tweet nehmen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber, Vivienne ist nun mal Punk! Es war klar, dass wir uns irgendwann überwerfen würden. Aber nur so konnte ich den Film machen, den ich wollte – und ich bin jetzt sehr stolz darauf. Und wenn ich ihren Wünschen gefolgt wäre, wäre es ein Propaganda-Stück geworden."

Die Klischees stimmen!

Ebenso demaskiert wird in Tuckers Film der Modebetrieb. Und jedes Klischee scheint zu stimmen. Das Personal dieses Geschäfts pendelt ständig zwischen Cholerik, kindlichem Verzücken und beflissener Dienerschaft. Genau: Des Kaisers neue Kleider. Soviel Offenheit bestraft die Modewelt nicht selten mit Ausschluss. Aber Lorna Tucker wollte auch das zeigen:

Regisseurin Lorna Tucker: Der Film über Westwood kostete die Freundschaft zu der Modedesignerin. (picture alliance / AP / Invision / Taylor Jewell)Regisseurin Lorna Tucker: Der Film über Westwood kostete die Freundschaft zu der Modedesignerin. (picture alliance / AP / Invision / Taylor Jewell)

"Journalistenfreunde von mir hatten mich gewarnt, dass sie bereits auf einer schwarzen Liste standen. Sie durften den Film nicht besprechen und mich nicht interviewen, weil Vivienne ein Statement veröffentlicht hatte. Und ich dachte nur: Mensch, Vivienne, warum nur! Deine ganze Karriere über hast du doch der Industrie den Stinkefinger gezeigt. Ich finde, es ist sehr einfach, jemanden zu porträtieren, indem man ihn in einen goldenen Käfig steckt und ihn als Genie bezeichnet. Mir war es wichtiger zu zeigen, wie fehlbar wir alle sind. Und dass das vielleicht andere inspiriert, auch was aus sich zu machen."

Klar, dies ist ein Film über die Modewelt und eine ihrer wichtigsten Protagonistinnen.

Aber interessant ist auch, was nebenbei über die Punk-Musik erzählt wird. Streng genommen waren die Sex Pistols nämlich nur so eine Art Casting-Band, die von Westwood und Manager McLaren ausstaffiert wurden. Die Bewegung war schon vorher da – sie bekleideten sie nur. Punk als Ware.

Ehrfurcht vor einem Stofffetzen

Der Gipfel ist eine Szene im Museum, als eine Kuratorin mit weißen Handschuhen ehrfürchtig ein löchriges T-Shirt der Sex Pistols ausbreitet. Ein muffeliger Stofffetzen wird zum Picasso. Spätestens damit hat Punk den letzten Rest seiner Subversivität eingebüßt. Oder? Alles eine Frage der Perspektive, sagt Lorna Tucker:

Die britische Punk-Rock-Band "Sex Pistols" . Vorne Steve Jones (l) und Bandleader und Sänger Jonny Rotten (M), dahinter Glen Matlock und Paul Cook (r). (picture alliance / dpa )Die Sex Pistols: Gecastet für den Aufstand. (picture alliance / dpa )

"Punk, wie so vieles, hat einfach seine Zeit. Was ihn hervorgerufen hat, das erleben wir jetzt auch wieder: Misstrauen gegenüber der Regierung, wir werden belogen, Bildungskürzungen und so weiter. Man hatte damals das euphorische Gefühl, dass die Punks was ändern könnten. Aber dann merkte man plötzlich: Veränderung kommt dadurch nicht. Ich denke, das ist mit jeder Bewegung so. Punk lief einfach aus. Und zwar nicht, weil es musealisiert wurde oder so, sondern weil die Protagonisten von damals älter wurden, Jobs bekamen oder geheiratet haben. Ich glaube deshalb nicht, dass es Viviennes Schuld ist, dass ihre Stücke nun im Museum hängen. Ich find's einfach nur lustig, dass das jetzt als Kunst bezeichnet wird."

Etwas schief in diesem Film allerdings steht der Soundtrack. Der komponierte Score und die eingespielten klassischen Stücke aus Romantik und Renaissance – das passt nicht zur Geschichte über den Punk. Und auch im Schnitt wäre vielleicht mehr drin gewesen. Kleinteilige Interview- und Archiv-Bilder, die nicht so richtig in Fluss kommen.

Nichts für Romantiker

Der Film "Westwood. Punk, Ikone, Aktivistin" ist nichts für Punk-Romantiker. Der Bewegung und dem Modebetrieb werden die Feigenblätter runtergerissen. Punk war nichts Glorreiches. Ein paar Spinner, geniale Ideen, merkwürdige Kleidung und großartige Musik sind geblieben. Der Rest ist im Museum.

Bewundern indes muss man den Mut, den Lorna Tucker hatte, dafür mit der Designerin und dem Modebetrieb zu brechen. Eine der wenigen Popkultur-Dokus, die ihre Protagonistin nicht glorifiziert.

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