Dienstag, 27.10.2020
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 23.09.2014

Neuer 10-Euro-Schein "Die Visitenkarte des Landes ist die Banknote"

Währungsberater Josef Gerber über Geld als Kulturgut

Moderation: Dieter Kassel

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Am 23. September 2014 führte die Bundesbank neue 10-Euro-Scheine ein. (dpa / picture alliance)
Schöner und sicherer: Die neuen 10-Euro-Scheine. (dpa / picture alliance)

Der neue 10-Euro-Schein soll nicht nur schöner, sondern auch sicherer sein und schwerer zu fälschen, sagt der Währungsberater Josef Gerber. Für ihn ist Geld ein Kulturgut, das aber als solches kaum beachtet werde.

Dieter Kassel: Nach Liebe, wenn auch mit gewissem Abstand, ist Geld eines der häufigsten Themen in der Popmusik, das haben wir gerade gehört. Und das ist ja auch kein Wunder, Geld ist etwas ganz Besonderes für uns alle, faktisch und auch haptisch. Letzteres ist vielleicht heute was ganz Wichtiges, denn es gibt neue Zehn-Euro-Scheine. Und Sie haben es in unserem Programm ja schon mehrfach gehört, da muss man sich im Prinzip nicht drum kümmern, die werden jetzt ausgegeben und wir werden sie nach und nach alle in unseren Geldbörsen finden. Und doch ist das etwas ganz Außergewöhnliches, plötzlich neues Geld in der Hand zu halten. Ich gehe mal davon aus, das ist es besonders auch für einen Mann, der sich seit Jahrzehnten privat und beruflich mit Banknoten beschäftigt. Josef Gerber ist vereidigter Gutachter für Weltbanknoten und historisches Papiergeld, internationaler Währungsberater und vor allem auch privater Sammler. Schönen guten Morgen, Herr Gerber!

Josef Gerber: Schönen guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Hat denn der neue Zehn-Euro-Schein das Zeug dazu, ein Star in Ihrer Sammlung zu werden?

Gerber: Das ist schwierig zu beantworten. Er ist sicherlich jetzt besser gemacht, er ist farbenfroher, er soll ja auch – so wirbt die Bundesbank – schöner werden. Und was ganz wichtig ist, sind die neuen Sicherheitsmerkmale. Das ist ja der Grund, warum ein neuer Zehn-Euro-Schein in den Umlauf kommt, damit man wieder Vorsprung vor den Fälschern hat.

Geld zeigt die Befindlichkeiten der Gesellschaften

Kassel: Aber wenn Sie sofort auch über den Begriff Schönheit reden: Man könnte ja theoretisch Banknoten drucken, die fälschungssicher sind, aber es steht nur drauf, wer sie ausgegeben hat und wie viel sie wert sind! Warum ist das nicht egal, wie so ein Schein aussieht?

Gerber: Ja, Geld ist Kultur. Und Geld zeigt ja auch die Befindlichkeiten der einzelnen Gesellschaften. Und das muss man auch sehen, was auf den Scheinen drauf ist. Leider Gottes wird das Geld viel zu wenig angeschaut, deswegen ist es ja auch für die Fälscher so einfach, falsche Noten unters Volk zu bringen, weil die Leute einfach sich damit nicht beschäftigen.

Kassel: Gibt es denn da eigentlich Zeitmoden? Ich habe da so ein bisschen das Gefühl auch beim Euro, dass diese Scheine auch moderner aussehen. Ich weiß noch, als die damals ausgegeben wurden, erinnerten sie mich am ehesten an den zuvor noch vorhandenen niederländischen Gulden, der immer schon so ein bisschen modern-eckig aussah. Könnten Sie auch ohne Fachexpertise schon grob beim Geldschein sagen, aus welcher Epoche der ungefähr kommt?

Gerber: Ja, das kann man schon sagen, man sieht das ja ganz deutlich an den Druckvorgängen. Heute wird der Euro ganz anders gemacht wie beispielsweise vor hundert Jahren. Das waren natürlich richtige Kunstwerke, heute ist es maschinell und mit der Computertechnik alles viel, viel schneller machbar, die Herstellung. Aber auch ganz, ganz wichtig sind eben immer wieder die Sicherheitsmerkmale, die in den Scheinen eingearbeitet werden müssen. Und die zwingen natürlich die Designer zu bestimmten Regeln.

Kassel: Form follows function dann sozusagen. Aber wenn wir noch mal historisch zurückblicken können, wenn Sie sagen, richtige Kunstwerke früher... Was ist denn das beste Stück in Ihrer Sammlung?

Gerber: Das ist auch sehr schwierig zu sagen. Es kommt immer darauf an, wo man sich hinbegibt. Es gibt Leute, die sich mit Motiven beschäftigen, ich beschäftige mich grundsätzlich mit allen Banknoten der Welt, sowohl beruflich wie auch jetzt als Sammler. Und so kann man eigentlich nicht einzelne Scheine hervorheben.

"Madagaskar zeigt Tier- und Pflanzenwelt wunderbar auf Banknoten"

Kassel: Aber kann man sagen, ein Schein ist so etwas wie die Visitenkarte seines Landes?

Gerber: Ja, diesen Ausspruch habe ich vor über 30 Jahren auf Ausstellungen kreiert. Es ist tatsächlich so, dass sich jedes Land mit der Banknote präsentiert. Und damals habe ich eben bei der Ausstellung gesagt: Die Visitenkarte des Landes ist die Banknote.

Kassel: Kann man da ein Beispiel hören? Nehmen wir mal was Exotischeres, Madagaskar: Was für eine Visitenkarte drücken die einem in die Hand?

Gerber: Das ist ein gutes Beispiel, Madagaskar. Ich bin mehrmals in Madagaskar gewesen als Entwicklungshelfer, um dort tätig zu sein. Ich kannte das Land überhaupt nicht, aber anhand der Banknoten wusste ich Bescheid: Ich kam in Madagaskar in der Hauptstadt Antananarivo an und war sofort zu Hause. Das ist so ein Beispiel, wie man sich über Banknoten mit Ländern beschäftigt. Madagaskar zeigt ihre Tier- und Pflanzenwelt wunderbar auf Banknoten. Ist ja fast 80 Prozent endemisch in diesem Land, und das zeigt, was für eine großartige Natur dort vorherrscht.

Kassel: Hatten Sie auch schon mal Banknoten in der Hand, wo Sie dachten, oh, das ist ja ein bisschen peinlich fürs Land?

Gerber: Sicherlich gibt es solche Sachen, die auf die Schnelle gemacht werden müssen und sehr billig sein müssen. Dann ist natürlich die Gesellschaft noch nicht wiedergegeben. Nehmen wir mal an jetzt zum Beispiel den Irak: Als die Amerikaner dort einmarschiert sind, haben sie ja auch eine neue Währung mitgebracht. Und die ist natürlich auf die Schnelle gemacht worden. Und so sieht man das also dann schon auch an den Banknoten und sagt: Um Gottes Willen! Das sieht man auch, zum Beispiel die Vorläufer im Irak unter Saddam Hussein, der hat sehr viele Kriegsmotive auf den Noten drauf gehabt. Und das zeigt schon, dass er dann auch bereit war, in einen Krieg zu ziehen.

"Die Leute beachten das Geld zu wenig"

Kassel: Sie haben es gesagt, es gibt heute viele Beschränkungen für Grafiker wegen der großen Sicherheitsvorschriften, das ist auch der Grund, warum heute der neue Zehn-Euro-Schein überhaupt in Umlauf gebracht wird. Aber halten Sie einen absolut fälschungssicheren Geldschein für möglich?

Gerber: Sicherlich ist das möglich, aber wir haben immer die andere Seite. Das habe ich am Anfang ja erwähnt: Man schaut die Scheine zu wenig an. Und daher ist es für die Fälscher leicht. Die Journalisten haben ja da schon sehr schöne Beispiele geboten, die selbst mit Fotokopien in Schwarz-Weiß in den Handel gingen und zahlen konnten. Also, das zeigt, dass die Leute das Geld zu wenig beachten. Was ganz erstaunlich ist, denn Geld ist ja wirklich ein Kulturgut und wird leider Gottes noch nicht so beachtet, wie es sich gehört.

Kassel: Also ein deutlicher Aufruf, nicht nur, aber auch den neuen Zehn-Euro-Schein mal ganz genau nicht nur in die Hand, sondern auch ins Auge zu nehmen! Ein Aufruf von Josef Gerber, vereidigter Gutachter für Weltbanknoten und historisches Papiergeld und nicht zuletzt auch begeisterter und begnadeter privater Sammler. Herr Gerber, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Gerber: Ich sage danke schön für Ihren Anruf! Wiederhören!

Kassel: Danke schön, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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