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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.10.2017

Neue Version von "Wolfenstein" Kampf gegen Nazis als geschickte Marketing-Strategie

Michael Schulze im Gespräch mit Dieter Kassel

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Computerspieler beim Ego-Shooter "Wolfenstein" (dpa / picture alliance / Christopher Juve)
Die Fangemeinde wartet schon sehnsüchtig auf den neuen Ego-Shooter "Wolfenstein" (dpa / picture alliance / Christopher Juve)

In dieser Woche erscheint "Wolfenstein 2, The New Colossus", und das Ziel dieses Computerspiels ist schnell erklärt: So viele Nazis abknallen wir möglich. Der Spiele-Experte Michael Schulze sieht die Marketingstrategie nicht als Protest gegen Rechtsradikalismus und durchaus kritisch.

In dieser Woche kommt die neue Version "Wolfenstein 2, The New Colossus" auf den deutschen Markt.  An der expliziten Gewaltdarstellung hat sich wenig geändert und es fliegen genauso die Fetzen wie in schon beim Vorgängerspiel. Der Spiele-Experte Michael Schulze sagte im Deutschlandfunk Kultur, er sei skeptisch, ob es nicht vor allem eine geschickte Marketingstrategie der Spielemacher sei, hier nun an aktuelle politische Debatten anzuknüpfen.

Zweifel an politischer Haltung

"Videospiele sind natürlich heute schon durchaus eine sehr politische Sache", erklärte Schulze. "Ob das jetzt richtig Protest ist, darüber kann man natürlich streiten, weil dieses Spiel, jetzt gerade 'Wolfenstein 2', das jetzt rauskommt, ist auch so ein Einzelspielerspiel." Hier werde eine Geschichte präsentiert, in der die Spieler zwar gegen Nazis kämpften, doch sei deshalb der Spieler ja noch nicht politisch aktiv, sagte Schulze. "Und da das Spiel eine fiktive Geschichte ist, lerne ich nicht so viel über die echten Nazis." Hier müsse man gehörig zweifeln an der Intention der Macher, sagte Schulze. "Für mich ist das eher auch so eine Marketingstrategie, die da gerade zieht." 


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wer keine Computerspiele spielt, dem bleiben die Welten der Gamer meist fremd, und so wissen bestimmt viele jetzt, wenn ich das sage, dass das Spiel "Wolfenstein Castle" schon seit den 80er-Jahren viele Fans hat, die tatsächlich ungeduldig auf die neueste Fortsetzung warten. In dieser Woche erscheint "Wolfenstein 2, The New Colossus", und das Ziel dieses Spiels ist schnell erklärt: So viele Nazis abknallen wir möglich. Der Hersteller begreift das Spiel durchaus als aktiven Beitrag im Kampf gegen Rechtsradikalismus. Aber kann das wirklich funktionieren? Inwiefern können Computerspiele wirklich sogar Weltbilder beeinflussen? Darüber wollen wir jetzt mit Michael Schulze von Glaßer reden. Der studierte Politologe ist Journalist und beschäftigt sich unter anderem in seinem Blog und in seinem YouTube-Kanal mit dem Thema Gaming-Kultur. Herr Schulze von Glaßer, schönen guten Morgen!

Michael Schulze von Glaßer: Guten Morgen!

Kassel: Ein Ego-Shooter als Protest gegen Rechtsradikalismus, kann das grundsätzlich funktionieren?

Schulze von Glaßer: Videospiele sind natürlich heute schon durchaus eine sehr politische Sache. Ob das jetzt richtig Protest ist, darüber kann man natürlich streiten, weil, ich meine, dieses Spiel, jetzt gerade "Wolfenstein 2", das jetzt rauskommt, ist ja jetzt gerade auch so ein Einzelspielerspiel, und da habe ich vielleicht jetzt vor mir eine Geschichte oder mir wird eine Geschichte präsentiert, in der ich zwar gegen Nazis kämpfe. Aber dadurch bin ich ja zum Beispiel selbst noch nicht politisch aktiv. Und dadurch, dass das Spiel dann auch eine fiktive Geschichte ist, lerne ich jetzt auch nicht so viel zumindest über die echten Nazis. Von daher, na ja, habe ich da so ein bisschen meine Zweifel. Für mich ist das eher auch so eine Marketingstrategie, die da gerade zieht.

Kassel: Aber wenn wir mal beim Genre Ego-Shooter bleiben, ist es nicht einem Gamer im Grunde genommen vollkommen egal, ob er da gegen Nazis kämpft, gegen Außerirdische, oder, was weiß ich, gegen Terroristen?

Schulze von Glaßer: Nein, nicht unbedingt. Das kommt natürlich auf Geschmäcker an. Für die meisten Hörerinnen und Hörer, wenn die einen Krimi lesen oder so was, da kann man natürlich auch sagen, es gibt Historienkrimis, es gibt Krimis, die vielleicht eher in der Gegenwart spielen oder vielleicht auch welche, die in der fernen Zukunft spielen und so was.

Und so ist das natürlich auch, da sind auch die Geschmäcker verschieden. Oder es gibt sehr wohl Videospielerinnen und Videospieler, die sehr viel Wert auf eine gute und interessante Geschichte legen. Es gibt dann auch welche, die sagen, okay, für mich jetzt gar nicht so SciFi-mäßig, sondern eher in der Gegenwart. Da gibt es natürlich viele unterschiedliche Vorlieben, aber dann auch "Wolfenstein 2" mit fast dem Nazi-Kitsch teilweise, ist auch sehr beliebt.

Lernen in Videospielen

Kassel: Aber kann man denn, ich frage das jetzt mal wirklich so simpel, kann man denn auch bei einem Ego-Shooter-Spiel, je nachdem, wie gut es gemacht ist, und je nachdem, in welcher Szenerie es spielt, quasi etwas lernen, also jenseits der Frage, wie man besonders gut trifft, meine ich?

Schulze von Glaßer: Auf jeden Fall. Grundsätzlich ist es natürlich so, wie das Lernen erfahren wird, das ist natürlich sehr unterschiedlich. Man spricht da von der informellen politischen Bildung zum Beispiel, aber natürlich kann man sogar auch geschichtlich in Videospielen durchaus was lernen. Da gibt es zum Beispiel die "Assassin's Creed"-Reihe, die in historischen Szenarien spielt, wo man dann was mitnehmen kann. Allerdings, es kommt halt sehr auf die Person an, die dann davorsitzt, und natürlich auch, wie sehr das Spiel es darauf anlegt.

Wir haben jetzt mit "Wolfenstein 2" ein sehr explizites Setting. Es gibt andere Settings bei Videospielen, die einem vielleicht gar nicht so politisch am Anfang vorkommen, wo dann aber doch sehr viel Politik drinsteckt. Ich beschäftige mich zum Beispiel sehr viel auch mit diesen First-Person-Shootern, Ego-Shootern, die so gegenwärtige Kriegsszenarien auch darstellen, und die sind ja meist auch sehr politisch, auch manchmal sehr rechtskonservativ politisch, muss man sagen, aber das wird von vielen Spielerinnen und Spielern gar nicht als so politisch wahrgenommen, und wenn ich die dann damit konfrontiere, dann ist meistens eher so ein Aha-Effekt und Oh, habe ich gar nicht so mitgekriegt, dass das so politisch ist.

Kassel: Aber haben Sie gerade bei diesem Beispiel den Eindruck, die haben das zwar erst mal nicht mitgekriegt, dass das so politisch ist, aber es wirkt unterbewusst, oder haben Sie das Gefühl, wenn man es nicht begreift, hat es eigentlich auch in dem Sinne gar keine Wirkung?

Schulze von Glaßer: Doch, ich habe schon durchaus manchmal, bei manchen Leuten das Gefühl, dass das sehr unterbewusst wirkt. Das ist allerdings auch keine Sache, wenn ich jetzt nur Videospiele spiele, dass mich das jetzt total beeinflusst. Es ist eher so eine allgemeine Sache. Wenn viel in den Medien ist, ich sage jetzt mal, dieser Global War on Terror, und mit quasi in den Medien oder von irgendwelchen Filmproduktionen schon gesagt wird, Leute, die arabisch aussehen, mit einem langen Bart, das sind irgendwie alles Terroristen und so – und wenn mir das dann auch noch in Videospielen gesagt wird, dann kann das zum Beispiel schon zu so rassistischen Stereotypen führen. So als ein Beispiel.

Nazis, die keine Nazis sind

Kassel: Aber wenn wir mal in Bezug auf "Wolfenstein" von Spielen, die in irgendeiner Form unter Naziregimen welcher Art auch immer spielen, reden – ich meine, es ist vermutlich in Deutschland nicht legal, aber mal ganz ehrlich, es gibt doch bestimmt auch genau das Umgekehrte, irgendwelche Spiele, wo man selbst ein Nazi ist und als solcher gewinnt, oder?

Schulze von Glaßer: Es gibt zwar einzelne Spiele, aber das ist wirklich eine sehr kleine Zahl, und wir haben natürlich dann immer den Fall, dass es in Deutschland ja eben eigentlich gar keine Nazis zumindest offiziell in Spielen gibt, weil die halt – weil es keine Hakenkreuzsymbole geben darf und so was. Und das ist, denke ich, auch eine spannende Sache und eine Diskussion, die man mal führen müsste, weil na ja, jetzt habe ich da "Wolfenstein", jetzt bin ich da Widerstandskämpfer und eigentlich halt gegen Nazis, die aber keine Nazis sind.

Da muss man natürlich fragen, warum darf man keine fiktiven Nazis töten? Oder bald kommt ein neues "Call of Duty" raus, das ist eine der größten First-Person-Shooter überhaupt, das im Zweiten Weltkrieg spielt und da durchaus ernster rangeht als "Wolfenstein". Aber auch da kämpfe ich halt nicht gegen Nazis. Und da ist es dann auch so natürlich, in der Einzelspielermission muss ich Nazis bekämpfen. Was dann was anderes ist, ist immer, wo Sie vollkommen recht haben, dass es zum Beispiel im Mehrspielermodus es oft so ist, dass dann natürlich sich die Alliierten und die Nazis gegenüberstehen, und da kann ich dann sozusagen dann auch die Nazis spielen.

Palette mit DVDs eingestampft

Kassel: Aber wo wir über diese Symbole gerade gesprochen haben, wo Sie, so verstehe ich Sie jetzt, sagen, dass das für Sie zumindest ein Thema mal sein könnte, darüber zu reden, dass diese Grundregel, dass die Symbole nicht gezeigt werden dürfen, vielleicht nicht immer angemessen ist. Aber könnte es nicht einfach darum gehen, dass man ja eigentlich in der Realität Feinde nicht dadurch bekämpft, dass man sie einfach umbringt. Ich meine, auch Nazis sind Menschen, darauf können wir uns, glaube ich, alle einigen. Dient es nicht auch dem Zweck, genauso wie das Blut in Spielen immer grün ist oder blau, zumindest nicht rot, dass man einfach diesen Unterschied besser begreift, dass man sagt, in "Wolfenstein" darf ich auf Nazis schießen, bei der Demo in meiner Kreisstadt nicht.

Schulze von Glaßer: Das ist klar, da ist man ja bei einer grundsätzlichen Diskussion, inwieweit führt das dazu, dass ich auch in der Realität irgendwie handele oder eben nicht. Und da würde ich immer sagen, nur weil ich jetzt das natürlich in einem Spiel sehe, nur weil ich da auf Nazis schieße, heißt das nicht, dass ich in der Realität auf Nazis schieße. Nur weil ich jetzt im Spiel irgendwie, im Krieg irgendwelche Gegner und islamisch aussehende Leute, vielleicht arabisch aussehende Leute erschieße, heißt das noch nicht sofort, dass ich jetzt auch in der Realität denen irgendwas antue, weiß Gott nicht. Aber man muss schon sehen, dass heute da schon fast Nazis in Schutz genommen werden durch den deutschen Jugendmedienschutz und solche Symbole, dass die da halt verboten werden.

Es war zum Beispiel eine Riesendiskussion, als mal ein Faustballspiel von dieser Comicserie herausgekommen ist und da halt irgendwelche Nazi-Zombie-Kühe drin sein sollten. Und dann musste die ganze Palette mit den DVDs noch mal eingestampft werden, weil man ausversehen vergessen hatte, ein Hakenkreuz raus zu retuschieren, und das sind natürlich dann schon Sachen, wo man sich mittlerweile fragt, sind die Leute nicht so aufgeklärt, dass sie wissen, Nazis sind die Bösen, und dann darf ich natürlich, also darf ich in so einem Spiel natürlich auch drauf schießen. Warum werden da Nazis sozusagen in Schutz genommen, und ich kann auf alle Leute schießen, aber eben nicht auf Nazis.

Kassel: Sagt der Journalist, Politologe und Experte für Gaming-Kultur, Michael Schulze von Glaßer. Anlass für unser Gespräch war die neueste Folge des zumindest bei Gamern ziemlich legendären Computerspiels "Wolfenstein", "Wolfenstein 2, The New Colossus" wird nämlich ab heute verkauft. Herr Schulze von Glaßer, vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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