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Kompressor | Beitrag vom 13.08.2020

Neue Schwarze Gegenkultur Absage an die friedliche Koexistenz

Von Hartwig Vens

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Menschen ziehen mit Plakaten durch die Straßen von New York. (imago images / ZUMA Wire / MariexLe Ble)
Was Schwarze Menschen bei George Floyd sahen, sei geradezu Sinnbild dafür, in Amerika Schwarz zu sein, sagt der Musiker DeForrest Brown. (imago images / ZUMA Wire / MariexLe Ble)

Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd haben zahlreiche Musiker mit wütenden Songs auf die Ereignisse reagiert. Ein besonderes Werk ist „Black Nationalist Sonic Weaponry“ des New Yorker Musikkünstlers De Forrest Brown.

"Nachdem er sie umgebracht hat, wird er nach Hause gehen, fröhlich zu Abend essen mit Frau und Kindern, einen Gutenachtkuss geben, während er das kleine Mädchen vergisst, das er zur Erinnerung gemacht hat."

So klingt der Auftakt zu "Black Nationalist Sonic Weaponry". Eine militante Absage an die friedliche Koexistenz mit dem weißen Teil der Gesellschaft. "Schwarzer Nationalismus" heißt Separatismus. Es heißt, eine eigene Wirtschaft und Gesellschaft zu gründen, keine Assimilation, keine Integration. Vorreiter sind Marcus Garvey, Malcolm X oder die Black Panther Party. Das Album kommt von Speaker Music alias DeForrest Brown, und war nicht, oder nicht nur eine Reaktion auf den Mord an George Floyd.

"Diese Gefühle waren schon da, weil Schwarze Menschen immer in dieser Situation sind. Was Sie bei George Floyd sahen, ist geradezu Sinnbild dafür, in Amerika Schwarz zu sein. Aber dieser Grad der Sichtbarkeit, die die Situation mit George Floyd herstellte, hat mich dazu getrieben, in zwei Nächten so schnell wie möglich eine Platte rauszuhämmern."

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"Black Nationalist Sonic Weaponry" ist eine Suite. Die zwölf Tracks sind im Grunde einer. Ein durchgehender zappelnder Beat, oft absichtlich fehlerhaft – übersteuert oder mit untergepflügten Textpassagen. Ein notorisch instabiler Zustand, ein 55-minütiger Unruheherd aus ungeraden elektronischen Rhythmen. Nichts, das man als Techno bezeichnen würde, ungeeignet zum Tanzen. Es ist eine Reflexion über Techno, mit dessen Produktionsmitteln, aber eben keine Reproduktion.

"Die Idee war, die losen Ende zwischen mir, James Boggs als politischem Aktivisten, der im Chrysler-Werk in Detroit arbeitete und den Bellville Three, die in den Ruinen der Auto-Industrie Techno erfanden, zu verknüpfen."

"It is the Negro Who Represents the Revolutionary Struggles for a Classless Society. – Es ist der Schwarze, der die revolutionären Kämpfe für eine klassenlose Gesellschaft verkörpert", heißt der finale Track auf diesem Album. Ein Zitat des sozialistischen Arbeiteraktivisten James Boggs aus seinem Buch "The Amercian Revolution".

Techno ist Black Music

Und die Belleville Three – Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May – Techno ist Black Music, eine von DeForrest Browns unzähligen Aktivitäten ist die Kampagne "Make Techno Black Again". Ein Bewusstsein für die Kolonisierung Schwarzer Musik vom Blues bis zum Techno und die Wiederaneignung derselben – auch das Forderungen, die in den Protesten nach George Floyd erhoben wurden.  

Aber die Erfahrung ist viel größer. DeForrest Brown spricht vom kollektiven Trauma durch 400 Jahre Gewalt und Repression. Und die Schwarze Musik ist körperliches Resultat davon. Sounds als Erbe der Aliens, als die sich die versklavten Menschen in Amerika wiederfanden.

"Ich verstehe meine Musik besser, als ich die englische Sprache verstehe, die ich ziemlich gut beherrsche. Wenn du nicht lesen und schreiben kannst, wie meine Vorfahren, bist du allein mit abstrakten Soundbrocken. Wenn das über 400 Jahre in dein System eingebacken ist, kommt dabei so etwas heraus wie… Musik."
Die Platte ist das intellektuell Stärkste, was in Musik und sonstiger Popkultur als Reaktion auf George Floyds Tod und den Aufruhr danach in die Welt gesetzt wurde. DeForrest Browns gräbt hier und mit all seinen anderen Aktivitäten, an den Roots der Schwarzen Erfahrung. Sein Vorgängeralbum hieß übersetzt "Über Verlangen, Sehnsucht" aber dieses Statement hier ist ein Blick aufs Brutale. Als Gleichnis ruft er eine Szene aus dem Horrorfilm Saw auf.

"Du bist an eine Wand gekettet und ein Clown steuert das Spiel. Eine Kreissäge droht dich zu töten und die einzige Möglichkeit, dich zu befreien ist, dir den Arm abzuschneiden. Das interessiert mich, die Kreissäge, das Anketten – was sind das für Technologien und wie können wir als Schwarzen Menschen diese Technologie verwenden, um uns zu befreien?"

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