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Zeitfragen | Beitrag vom 19.07.2018

Neue Prothese- und Exoskelett-TechnologienDank Hi-Tech wieder auf den Beinen

Von Elmar Krämer

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BAU // Ilsfeld Triathlon Paralympics-Teilnehmer Stefan Lösler. (picture alliance / Pressefoto Baumann / Julia Rahn)
Amputierte Gliedmaßen bedeuten heute nicht mehr das gesellschaftliche Abseits. Der medizinische Fortschritt erweitert die Möglichkeiten an Aktivitäten. (picture alliance / Pressefoto Baumann / Julia Rahn)

Exoskelette und avancierte Prothesen waren lange Zeit Zukunftsmusik aus Hollywood. Doch der technologische Fortschritt auf diesem Gebiet ist beträchtlich. Sogar manche Querschnittsgelähmte können auf diese Weise wieder etwas gehen.

Ob durch Krieg, Unfall, oder Krankheit - viele Menschen müssen damit leben, dass ihre Gliedmaßen nicht völlig intakt sind, oder gar Körperteile fehlen. Hier ist auch die Medizintechnik gefragt.

"Zusammen mit den Orthesen sind Exoprothesen Hilfsmittel", erklärt Dr. Katharina Gierth, Ärztin am Unfallkrankenhaus Berlin im Bereich Unfallchirurgie/Orthopädie. "Hilfsmittel für Patienten, die sie unterstützen in ihrem Alltag und insbesondere die Exoprothesen sind eben Ersatzteile, quasi ein Beinersatz, ein Armersatz also nicht eine Orthese, die angelegt wird, wenn man ein instabiles Sprunggelenk hat zur Stützung, sondern tatsächlich ein Ersetzen einer fehlenden Extremität."

Gedankenspiele made in Hollywood

Patienten mit Orthesen oder Prothesen auszustatten, also jenen Hilfsmitteln, die im Gegensatz zu künstlichen Gelenken, von außen angebracht werden, um den Körper zu unterstützen oder zu komplettieren, steht auf der Tagesordnung. Immer mehr Patienten fragen nach, was der Stand der Technik ist. Die öffentliche Wahrnehmung dessen, was mit modernen Hilfsmitteln möglich ist, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt – nicht nur durch die Gedankenspiele der Filmindustrie.

Längst sind es nicht mehr nur Science-Fiction-Filme, wie beispielsweise "Der 6-Millionen-Dollar-Mann" aus den 70er Jahren oder die gut 30 Jahre später erschienenen "Iron Man"-Filme, die Träume schüren. Vieles dessen, was in alter Science-Fiction noch fantastische Spinnerei war, ist heute recht nah an der Realität. Moderne Prothesen ermöglichen Beinamputierten beispielsweise sportliche Höchstleistungen und das auch im Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit.

Erfolge im Sport

Beim Sprint, beim Weitsprung – in vielen Disziplinen erreichen Sportler mit Behinderung längst nicht mehr nur Achtungserfolge. Der Olympiasieg über 1500 Meter im Jahr 2016 wurde bei den Paralympics desselben Jahres beispielsweise gleich vier Mal unterboten. All das kann Mut machen, aber auch Hoffnungen schüren und Wünsche wecken, die nicht immer erfüllt werden können, sagt Dr. Gierth:

"Wir haben ganz viele sportliche Patienten, die dann schon die aktuellen Neuerungen auf dem Markt mitbringen als Ideen und die fragen, wie sieht denn das aus, könnte ich so etwas haben, macht das Sinn für mich? Also so etwas gibt es schon, dass die Patienten explizit mit einem Wunsch kommen – ob das dann immer umsetzbar ist, ist natürlich die zweite Frage."

Was sagt das SozialgesetzbuchIm fünften Buch §33 heißt es:

"Versicherte haben Anspruch auf Versorgung mit Körperersatzstücken, orthopädischen und anderen Hilfsmitteln, die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen. Der Anspruch umfasst auch die notwendige Änderung, Instandsetzung und Ersatzbeschaffung von Hilfsmitteln, die Ausbildung in ihrem Gebrauch."

Grundsätzlich haben Patienten in Deutschland einen Anspruch auf die für sie bestmögliche prothetische Versorgung. Was allerdings "im Einzelfall erforderlich" ist, ist eine individuelle Entscheidung und nicht immer ist das technisch neueste oder teuerste Modell auch das Geeignete für den Patienten.

"Wir haben auch oft gerade betagtere Patienten", erklärt Dr. Gierth, "die dann kommen und sicherlich auch manchmal getriggert durch externe Meinungen Ideen, Wünsche haben, die dann nicht immer umsetzbar sind. Die Voraussetzung muss ja auch von Seiten des Patienten geschaffen sein, dass die das überhaupt anwenden können. Das bringt nichts, wenn ich ein teures, schnelles Auto in der Garage stehen hab, aber nicht weiß wie ich es fahren muss."

Prothesen im Alltag

Uli Maier ist Orthopädietechnikermeister bei Otto Bock. Die Firma wurde 1919 nach dem ersten Weltkrieg in Berlin gegründet und gilt heute weltweit als einer der Marktführer auf dem Gebiet der Prothesentechnik.

Eine Prothese ist längst kein Grund mehr, auf das gesellschaftliche Abstellgleis geschoben zu werden. Mit der richtigen Versorgung und dem Willen es zu schaffen, führen viele Menschen mit ihren Prothesen ein relativ "normales" Leben. Die Orthopädietechniker arbeiten für Leistungssportler, Konzernchefs, Anwälte, Ärzte, aber auch für Verkäufer oder Hausfrauen. Und so unterschiedlich wie die Einsatzgebiete der Prothesen, so unterschiedlich ist auch die innewohnende Technik. Vor allem Armprothesen lassen sich in zwei Bereiche einteilen, erklärt Maier:

"Da ist es wirklich so, dass wir Prothesen haben die die Körperteile nach außen wieder herstellen, das heißt, es geht um eine optische Wiederherstellung ohne Funktion und es gibt körperbetriebene, body-powerd Prothesen, oder fremdkraftgetriebene Prothesen, die dann Funktionen wieder einbringen. Bei der Beinprothetik geht’s weniger um Kosmetik, sondern um Funktion, denn eine kosmetische Beinprothese mit der man nicht laufen kann, das würde nicht allzu viel bringen."

Uli Maier hat zum Interview diverse Prothesen mitgebracht. Aktuelle High-Tech Prothesen aus dem Sortiment seines Arbeitgebers und auch historische Prothesen aus seiner privaten Sammlung. Darunter sogenannte Sauerbruchprothesen, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg etliche zehntausend Kriegsheimkehrer, von dem zu dieser Zeit in Berlin tätigen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, ausgestattet wurden.

Vier Prothesen liegen nebeneinander: moderne und historische (Elmar Krämer)Moderne und historische Prothesen - Stücke aus Uli Maiers Sammlung. (Elmar Krämer)

"Auch hier eine Sauerbruchprothese, bei der der Stumpf in seiner Bewegung als Aktuator genutzt wird", sagt Maier. "Das heißt, unterhalb des Ellenbogens ist der Stumpf in einem Metallring der beweglich gelagert ist und über die Bewegung im Ellenbogen kann der amputierte die Hand öffnen und schließen. Man kann auch einen kleinen Riegel vorlegen, wenn der also was greifen will, man hört jetzt das Einrasten. Die Kraft wird solange aufgebaut, bis der Gegenstand gegriffen ist, dann wird es gehalten. Mach ich den Hebel auf, springt die Hand wieder auf. Und ich kann auch das Handgelenk in seiner Position rotieren und dann wieder befestigen."

Silicon-Prothesen gestatten komplexere Bewegungen

Seitdem hat sich einiges getan. Der aktuelle Stand der Technik im Bereich der Armprothesen sind zum einen kosmetische Silicon-Prothesen, die optisch fast nicht mehr von einem echten Arm zu unterscheiden sind und zum anderen sogenannte myoelektrische Prothesen – Hightechgeräte, bei denen Muskelimpulse beispielsweise im Oberarm von Elektroden aufgenommen, an einen Chip geleitet und dort übersetzt werden, um einen künstlichen Unterarm im Ellenbogen zu beugen oder zu strecken, einzelne Finger anzusteuern, in verschiedenen Positionen zu greifen und den Griff wieder zu lösen.

Videos im Internet zeigen, wie Patienten mit derartigen Prothesen Gläser und Tassen greifen, Eier aufschlagen und vieles mehr. Das sieht spektakulär aus und kann für die Patienten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität darstellen – im Vergleich zum natürlichen Vorbild ist aber auch das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Maier:

Der "Datenfluss" zum Gehirn

"Wir haben einen super Datenhighway zwischen Hand und Gehirn, d.h. ohne zu sehen, kann ich Dinge mit meiner Hand erkennen und es findet sofort eine Interpretation statt. Dieser Datenfluss findet zwischen Armprothese und Gehirn so nicht statt."

Das heißt auch wenn die Prothese gesteuert werden und greifen kann, kann sie doch nicht fühlen. Und: Je aufwändiger die Prothese technisch ist, desto mehr muss der Patient bereit sein, mit ihr und an sich zu arbeiten, denn nur die Prothese anzuschnallen reicht nicht. Oft ist ein jahrelanges intensives Training nötig bevor Patienten die Möglichkeiten ihrer Prothese voll nutzen können. Das ist sowohl bei den myoelektrischen Arm- und Handprothesen, als auch bei Beinprothesen so, erklärt Dr. Gierth: "Es ist nicht so, dass jemand ne Prothese kriegt und dann läuft die für ihn – sondern der Patient muss das wollen."

Dank Prothese zurück zum Sport

Eine, die unbedingt wieder laufen, rennen und springen können wollte, ist Claudia Biene. Schon als Kind war sie von der Leichtathletik begeistert. Der Sport war ihr Leben. Mit 14 Jahren hatte sie dann starke Schmerzen im linken Oberschenkel – das war vor rund 25 Jahren.

Die frühere Leichtathletin Claudia Biene sitzt auf einem Sofa (Elmar Krämer)Die frühere Leichtathletin Claudia Biene (Elmar Krämer)

"Ich hab dann nach einer Odyssee nach einem halben Jahr mit zu dem Zeitpunkt schon verheerenden Schmerzen jemanden gefunden, der sofort diagnostiziert hat, dass ich Knochenkrebs habe", erinnert sie sich. "Zwei Tage nach der Diagnose fing auch schon die Chemo-Therapie und sozusagen die ganze Maschinerie an. Drei Monate später wurde ich dann operiert und damals – heute ist das ein bisschen anders – wurde entweder amputiert, oder, wenn man jemand ganz abgefahrenes als Operateur fand, dann konnte man eine Umkehrplastik machen lassen."

Das Fußgelenk wird zum Knie

Bei einer Umkehrplastik, auch nach ihrem Entwickler, dem Arzt Joseph Borggreve als Borggreve-Plastik bezeichnet, wird ein intaktes Körperteil versetzt und übernimmt an neuer Stelle die Funktion eines geschädigten Körperteils. Bei einer notwendigen Amputation des Knies kann ein intaktes Fußgelenk um 180° gedreht, die Aufgaben des Knies übernehmen, nachdem es an dieser Stelle fest angewachsen ist. Der nun fehlende Unterschenkel wird durch eine Prothese ersetzt. Aufgrund des Einsatzes moderner Operationstechniken in der Endoprothetik, also der Versorgung mit künstlichen Gelenken, werden Umkehrplastiken heutzutage nur noch selten durchgeführt.

Deswegen wollte Claudia Biene "das damals auch sofort. Das ist das beste körpereigene Recycling, das man machen kann. Ich hätte jetzt nicht gerne meinen ganzen Unterschenkel und meinen ganzen Fuß hergeben wollen, obwohl der ja noch voll intakt war."

Bei Claudia Biene sollten der Unterschenkel und der Rest des Oberschenkelknochens zügig zusammenwachsen und dann das Fußgelenk das fehlende Knie ersetzten – soweit der Plan vor der Operation. Doch es dauerte 3 Jahre bis alles tatsächlich soweit zusammengewachsen und die Knochenheilung vollzogen war, dass ihr eine Gehprothese angepasst werden konnte und sie das Bein wieder belasten durfte.

Lange Trainingszeit

Eine Zeit in der das Mädchen an den Rollstuhl gefesselt war: "Ich habe also meine erste Prothese bekommen und durfte die nicht belasten. Das war sozusagen nur für den optischen Effekt, das war schon eine komische Sache. Da habe ich irgendwie gedacht: Komisch, so etwas kaltes und ja, irgendwie so ein Fremdkörper war das noch, da hatte ich auch nicht so einen Bezug zu, muss ich gestehen. Die frühen Jahre meiner Prothesenzeit waren eher geprägt mit einer unfassbaren Auseinandersetzung mit Orthopädiemechanikern über die optische Erscheinung von Prothesen und Ersatzbeinen. Da habe ich viele Fehden durchstanden und das muss man auch immer noch. Also ich bestehe auf millimeterähnlichem Volumen im Vergleich zum anderen Bein, weil sonst passen Hosen einfach nicht."

Wenn man Claudia Biene heute in ihren gut sitzenden Jeans laufen sieht, ist nicht zu erkennen, dass ihr linker Fuß das Knie ersetzt und eine Prothese den Unterschenkel und den Fuß.

"Das heißt, ich habe jetzt quasi eine Orthese im Bereich des Oberschenkels, eine Unterstützung der Stabilität, eine mechanische Unterstützung und eine optische Unterstützung: eine Volumenzugabe im Oberschenkel, weil ich ja da den Unterschenkel quasi habe. Und im Unterschenkel habe ich dann ja nur noch den Fuß in der Unterschenkelprothese stecken, das heißt ich habe ab Knie eine Prothese."

Mit dieser Kombination aus körpereigen und künstlich war die auffallend lebensfrohe Frau eigentlich recht zufrieden. Sie konnte aus dem Rollstuhl aufstehen, wieder Laufen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, mit Menschen auf Augenhöhe reden – nur die Leichtathletik fehlte ihr:

"Ich wollte das die ganze Zeit machen, aber ich hab nicht gewusst, dass ich es machen kann. Damals gab es niemanden, der mir das hätte zeigen können. Vielmehr habe ich immer gedacht, das kann doch alles nicht wahr sein. Ich habe mich dann zurückgezogen in andere Sachen und habe immer gedacht: 'Mann, Scheiße, eigentlich wollte ich doch Leichtathletin werden und jetzt hat sich das alles irgendwie anders entwickelt.' Ich habe das das einfach verdrängt, habe dann angefangen, Medizin zu studieren und hab dann das gemacht."

Zurück zur "heißgeliebten Leichtathletik"

Mit 28 Jahren fragt ihr behandelnder Arzt sie aufgrund ihres guten körperlichen Zustands, ob sie wieder mit der Leichtathletik angefangen habe. Diesen Moment bezeichnet Claudia Biene heute als sehr wichtig für ihr Leben. Der Arzt schafft eine Verbindung zu einer Sportlerin mit Prothese und Claudia Biene erkennt in einer Sporthalle, in der sie selbst damals als 14-Jährige trainierte, dass es vielleicht auch möglich ist, mit Prothese Leichtathletin zu werden – ihren künstlichen Unterschenkel sieht sie von da an mit anderen Augen:

"Ich muss gestehen, dass eigentlich erst mit dem Moment, an dem ich mit dem Leistungssport angefangen habe, eine Integration stattgefunden hat. Ich glaube, mein Körperbild war erst in dem Moment komplett, als ich wieder bei meiner heißgeliebten Leichtathletik angekommen war und dieses Bein auf einmal Mittel zum Zweck war. Es wurde einfach total normal."

Hohe Kosten

Sehr schnell zeigt sich: Das Bewegungstalent, das sie schon in ihrer Kindheit hatte, ist auch mit Prothese immer noch da. Die körperliche Konstitution ebenfalls und vor allem der Kampfgeist. Das sieht auch der Bundestrainer, der ihr auch in Bezug auf die entsprechende Sport-Prothese hilft.

"An eine Sportprothese zu kommen war damals kompliziert. Das ist es auch heute noch, aber damals war es wirklich so unwahrscheinlich kompliziert, das ich glaube, dass die meisten Leute schon daran scheitern scheitern, weil man in der Regel die Dinger selber bezahlen muss. Es kann ja kein Mensch mal eben kurz hier 5000 auf den Tisch legen bzw. 5000 kostet die Feder, man muss dann schon einen Mechaniker finden, der einem das Ding dann umsonst baut.

Dann hatte ich damals Gott sei Dank die Connections durch den Bundestrainer, bei dem ich ja automatisch hier gelandet war. Und der hat das dann ratzfatz organisiert und da gab es dann jemanden in Uelzen, der mir das dann umsonst gebaut hat und Össur war viele Jahre mein Sponsor für Federn und diverse Füße. Ansonsten kommt man nicht klar, weil sich gerade im Leistungssportbereich die Härtegrade der Federn ständig verändern, weil erstens sich natürlich das Gewicht verändert und sich auch die Anforderungen an die Federn verändern, bei Weitsprung etcetera."

"Man fühlt sich auf einmal wie ein Pferd"

Die Ex-Leistungssportlerin erinnert sich noch ganz genau daran, wie es war zum ersten Mal in eine Sportprothese zu schlüpfen:

"Das ist fantastisch. Man fühlt sich auf einmal wie ein Pferd auf einmal, wo man sich normaler Weise fühlt hat, wie ein Tischbein", erzählt sie und lacht. "Aber erstens muss man sich daran gewöhnen und zweitens muss man erst mal eine körperliche Konstitution erwerben, die das überhaupt aushält, weil der normale Fuß ja, wenn man so im Alltag unterwegs ist, einen recht hohen Dämpfungsanteil hat. Und wenn man jetzt so ein Sportbein hat, dann ist das ja eine Karbon-Feder, die je nach Hersteller auf eine bestimmte Art geschwungen ist. Es gibt aber auf jeden Fall einen enormen Schlag quasi in die Wirbelsäule. Man muss das wirklich gut vorbereiten. Also die sind ja extra so gebaut, dass sie viel Energie speichern, die dann aber auch wieder abgeben – da muss man sich erst mal dran gewöhnen."

Schon vier Monate nach dem Claudia Biene zum ersten Mal ihre Sportprothese anlegte und mit dem Training begann, startet die hochmotivierte Sportlerin bei der Europameisterschaft, wird mehrfach deutsche Meisterin im Diskuswurf und tritt 2004 bei den Paralympics in Athen an. Aufgrund einer Hüftprellung kann sie aber nicht ihre volle Leistung abrufen.

"Der Wurf war dann gleich Weltrekord"

Vor der WM 2007 in Taipei trainiert sie wie besessen und ist im Speerwurf eine der Top-Favoritinnen – doch dann kommt der Wettkampf: "Und da hatte ich aber einen Hitzeschlag vorher und hab von unserem Mannschaftsarzt nur einen Wurf genehmigt bekommen und der war dann gleich Weltrekord und dann bin ich wieder umgefallen."

Der Weltrekord besteht immer noch, ihre Leichtathletikkarriere hat Claudia Biene aber beendet. Man kann nicht alles machen, so sagt sie. Die Vierzigjährige arbeitet mittlerweile als Komplementärmedizinerin im Krankenhaus. Gelegentlich erzählt sie amputierten Patienten ihre Geschichte und kann dadurch manchmal Mut machen. Denn bei all den technischen Möglichkeiten ist und bleibt eine Amputation immer ein Schock, an dem nicht wenige Patienten innerlich zerbrechen.

Phasen von Trauer und Schmerz

Wie wichtig es sein kann, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu treffen und zu erfahren, dass es ein Leben danach gibt, weiß auch Orthopädietechniker Uli Maier.

"Da ist man als Orthopädietechniker durchaus auch gefragt, sich ein bisschen mehr mit dem Menschen zu beschäftigen als nur mit der Technik, die drankommt. Und dann hat es für mich immer auch viel damit zu tun, frisch Amputierte mit Amputierten zu connecten, die eine Weile eine Prothese tragen. Wenn jemand reinkommt, aufrechten Ganges, normal im Beruf, und erklärt dann, dass er auch durch eine Phase von Trauer, von Schmerzen, von Verlust gegangen ist und die Phase durchgangen hat und jetzt ganz normal im Leben steht, dann ist das für mich oft – das sind so meine Botschafter, die eine Botschaft vermitteln können, die ich so als Techniker nicht vermitteln kann."

Ständige Anpassungen nötig

Für den Techniker ist es die größte Herausforderung, die richtige Prothese zu finden und auf die ganz individuellen Anforderungen des Patienten anzupassen: "Man muss anhand der vorhandenen Stumpfsituation, die Technik und den Menschen so verbinden, darauf achten, dass ein Maximum an Funktion bei einem Minimum von Störungen erreicht wird. Und das ist für uns, glaube ich, die allergrößte Herausforderung im technischen Bereich."

Die Ex-Leichtathletin Claudia Biene kennt das. Auch in ihrer Karriere liefen Training und Anpassung der Prothese immer Hand in Hand. Gute Orthopädietechniker seien für einen Sportler das A und O, sagt sie und glaubt, "dass das der Grund dafür ist, warum vor allem viele Männer dann einfach selber Orthopädiemechaniker werden und daran herumfrickeln wie sonst was."

Die besten Karbon-Federn nützen nichts, wenn die Verbindung zum Körper nicht optimal sitzt. Meist ist es noch Handarbeit des Orthopädietechnikers die Prothesen anzupassen und die Schäfte zu modellieren.

Die Technik wird ständig verbessert

Doch auch hier entwickelt sich die Technik weiter, erklärt Uli Maier:

"Wir scannen mittlerweile Stümpfe: Wir haben hier gerade ein Projekt zu Ende gebracht, wo wir mit einer Armamputierten in einem Scanraum mit 71 hochauflösenden Digitalkameras einen Bodyscan gemacht haben. Das heißt, wir haben sowohl den Stumpf gescannt, als auch die noch verbliebende Hand. Kollegen von mir sind in der Lage, digital zu spiegeln. Das heißt: Die vorhandenen Daten der vorhandenen Hand konnten von rechts auf links gespiegelt werden und an den Stumpfscan digital 'angenäht' werden. Und wir konnten relativ schnell eine 3D-gedruckte Hand erstellen, als kosmetische Hand, mit einem künstlerischen Ansatz und da geht die Technik wirklich mit Meilenstiefeln voran und das macht auch Spaß!"

Der Orthopädietechniker spricht von interdisziplinären Teams aus Ärzten, Computerspezialisten, Technikern und Designern, die für die optimale Versorgung zusammenarbeiten sollten. Und auch Rehabilitationsmaßnahmen spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Auftritt der Exoskelette

Auch im Rehabereich erhalten Dinge Einzug in die tatsächliche Welt, die einstmals nur Science-Fiction-Traumgespinste waren. Nicht zuletzt Exoskelette und Roboteranzüge. Diese werden in der Zukunft sowohl in medizinischen und industriellen, als auch in militärischen Einsatzbereichen eine immer größere Rolle spielen.

Im Internet findet man etliche spektakuläre Videos, die zeigen, wie sogar Querschnittgelähmte in Roboteranzügen, sogenannten Exoskeletten aus dem Rollstuhl aufstehen und gehen, von Arbeitern, die stundenlang schwere Werkzeuge bedienen und Lasten heben, von Soldaten, die scheinbar mühelos mit hunderten von Kilo Ausrüstung durch unwegsames Gelände rennen. Ein Beispiel dafür stellt dieses Werbevideo dar:

Die angepriesenen Hightech-Wunder nennen sich z.B. Powerloader, Exo-Bionic, Hulc, oder HAL. Schon die Namen verdeutlichen eine Affinität der Entwickler zur Science-Fiction. Das Exoskelett HAL erinnert wohl nicht zufällig an den Computer Hal 9000 in Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum".

Elektrische Impulse für die Muskeln

Ein Physiotherapieraum im Unfallkrankenhaus Berlin. Eine Sprossenwand, Gymnastikbälle, Thera-Bänder – soweit nichts Ungewöhnliches. Vor einem Laufband steht ein Rollstuhl - sein Fahrer, Thomas Buchholz steht auf dem Laufband, stützt sich auf den Handläufen ab. Laufen kann der Querschnittgelähmte eigentlich nicht. Doch jetzt trägt er HAL, ein Exoskelett. Im Bereich der Lendenwirbelsäule befindet sich ein großer weißer Kasten mit Stromversorgung und Steuereinheit.

Parallel zu den Außenseiten der Beine des Patienten verlaufen künstliche Beine, die mit Klettverschlüssen fest mit den Ober- und Unterschenkeln verbunden sind. Die Füße des Patienten stecken in entsprechenden Schuhen der künstlichen Beine. Versucht der Patient zu laufen, sendet sein Gehirn elektrische Reize an die Muskulatur seiner Beine. Sensoren die auf den Muskeln der Beine aufgeklebt sind, registrieren diese elektrischen Impulse. Bei gesunden Menschen sorgen sie dann für Anspannung und Entspannung der Muskulatur und somit für die Bewegung der Beine.

Auf der Pflegemesse Rehacare wird ein Exoskelett vorgestellt, das querschnittsgelähmten Menschen als Stütze dienen kann. (dpa/Marcel Kusch)Auf der Pflegemesse Rehacare wird ein Exoskelett vorgestellt, das querschnittsgelähmten Menschen als Stütze dienen kann. (dpa/Marcel Kusch)

Das funktioniert bei einem Querschnittgelähmten nicht. Ist aber eine sogenannte "neuronale Restfunktion" erhalten, handelt es sich also um einen inkomplett Querschnittgelähmten, dann setzt hier die Therapie mit HAL an. Dabei sendet das Gehirn den Impuls an die Muskulatur, die Reize werden von den Sensoren registriert und an die künstlichen Beine geleitet, die die Bewegung ausführen – der Patient geht.

Der ideale Patient

Bei einer vollständigen Querschnittlähmung, bei der keine Nervenimpulse in der Muskulatur der Beine ankommen, bringt diese Therapieform nichts, sagt Dr. Andreas Niedeggen, Chefarzt im Behandlungszentrum für Rückenmarkverletzte des UKB-Berlin. Ist die "neuronale Restfunkton" aber erhalten, dann zeigen sich gute Ergebnisse bei allen, "die noch einen Kraftgrad Zwei haben. Sie können eine Bewegung anbahnen, aber sie ist nicht ausreichend kraftvoll – das ist der ideale Patient, den müssen wir dann motorisch stimulieren."

Thomas Buchholz ist so ein idealer Patient. Der Dachdecker hatte vor vier Jahren einen schweren Unfall. Er ist durchs Dach gefallen, sagt er, und hat sich dabei einen Wirbel zertrümmert. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Vor einem Jahr hörte er von HAL und fing mit der Therapie in dem Exoskelett an, anfangs auf eigene Kosten. Erfolgreich – mittlerweile läuft er in dem Roboteranzug fast zwei Kilometer am Stück auf dem Laufband.

"Wenn du monatelang nicht laufen konntest und dir auch eigentlich gesagt wurde, du wirst es nicht mehr, dann ist das schon ok so", glaubt er. "Das kann man nicht wirklich beschreiben."

Die Reizleitung vom Gehirn wird verbessert

Durch die Bewegung sollen nicht nur die Muskulatur des Patienten gestärkt und seine koordinativen Fähigkeiten verbessert werden, sondern nicht zuletzt auch die Reizleitung vom Gehirn in die Extremitäten. Bei der Bewegung senden die Muskeln auch Impulse zurück zum Gehirn, dieses sogenannte "neuronale Feedback" soll vorhandene Strukturen wieder aktivieren.

Der frühere Dachdecker Thomas Buchholz läuft mit dem Exoskelett auf einem Laufband (Elmar Krämer)Der frühere Dachdecker Thomas Buchholz mit dem Exoskelett (Elmar Krämer)

Bei Thomas Buchholz schlägt die Therapie gut an – sein Bewegungsbild ist viel runder geworden, als am Anfang. Mittlerweile kann er auch kurz eine Hand von den Haltestangen lösen.

"Das war am Anfang überhaupt nicht so", erklärt Dr. Niedeggen. "Vor allem, dann hat noch die Spastik, also dieses unwillkürliche Zusammenzucken der Beinmuskeln, gestört. Das ist durch diese Behandlung deutlich besser geworden." Dr. Niedeggen ist zufrieden mit seinem Patienten und den ersten Behandlungserfolgen. Die Therapie mit dem Higtech-Gerät kostet allerdings um die 500 Euro pro Stunde und ist damit sehr teuer.

"Wir noch mal einen Brief an die Krankenkasse geschrieben", erklärt Dr. Niedereggen. "Mit allen Untersuchungsbefunden. Die haben jetzt eine wöchentliche Therapie für ein halbes Jahr genehmigt."

Der Wille des Patienten ist entscheidend

Doch wie bei den Prothesen so ist es auch hier: Der Patient muss es wollen, sich selbst immer wieder motivieren und sich eigene kleine Ziele stecken, sagt Buchholz:

"Ich wollte im ersten Jahr wirklich wieder zu Hause einmal um den Weihnachtsbaum und das hat dann auch an Stützen geklappt. Dann ging es daran auch mal wieder in Urlaub zu fahren, das haben wir dann im nächsten Jahr vollzogen. Auch auf dem Kutter mal wieder Angeln gehen – ditt geht! Und so steckt man sich dann immer wieder neue Ziele."

Thomas Buchholz ist ein Ausnahmepatient, sagt Dr. Niedeggen. Mit anscheinend stoischer Gelassenheit hat er sein Schicksal angenommen und gibt nun alles, um wieder mehr Lebensqualität zu bekommen und dabei bleibt er äußerst realistisch:

"Es wird nie sein, wie vorher. Aber wenn man im Alltag schon mal paar Schritte machen kann, dann ist man schon sehr weit vorwärts gekommen – es gibt andere, die sind schlimmer dran."

Auf sein wöchentliches Training freut sich Thomas Buchholz und auch zu Hause trainiert er, um seine kleinen Ziele zu erreichen: "Man sieht, dass immer wieder irgendwo eine Kleinigkeit kommt, sei es nun durchs Lauftraining oder durch andere Physio-Sachen, es geht immer vorwärts noch: Nicht Kopf in Sand!"

Der menschliche Körper als Wunderwerk

Bei all den Möglichkeiten, die die moderne Technik bietet – den Roboteranzug oder die aufwendigsten Prothesen – letztendlich ist das größte Wunderwerk der menschliche Körper und die Resilienz – also die Fähigkeit Krisen zu bewältigen und nicht aufzugeben, wie Orthopädietechnikermeister Uli Maier erklärt:

"Keine von den Prothesen wird ohne den Athleten und das Training, Schweiß, Einsatz, Power durchs Ziel gehen. Für mich immer, wenn ich Heinrich oder andere Athleten angucke, ein ganz großer Respekt, was die mit diesen Hilfsmitteln eigentlich machen."

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